Kultverdächtig: Kitty Solaris

In Musik by Martin

Wie verrückt muss man sein, um in der Musikbranche überleben zu können? Und bedarf es tatsächlich der Erschaffung eines verzerrten Abbilds der eigenen Person, damit Kritik und ständige Begutachtung nicht zu Depression und Verzweiflung führen? Diese und viele andere Fragen stellt sich wohl jeder Künstler im Laufe seiner Karriere. Und jeder findet am Ende auch seine ganz eigenen Antworten darauf. Die Dame, der einer unserer letzten Kultverdächtig-Artikel für 2014 gewidmet ist, versieht ihre Tage gern mit einem dicken Goldrand und kennt den Preis, den ein Künstlerleben fordern kann. Von wem reden wir? Von der Frohnatur Kitty Solaris!

Durchgeknallt und doch fest verankert

Kitty Solaris by Susanne Erler (2)Was bedeutet Musik für dich?

Musik ist Luxus. Ein Medium, um Gefühle und Stimmungen auszudrücken.

Kitty Solaris wird von dem unstillbaren Wunsch angetrieben, die Platte ihres Lebens aufnehmen zu wollen. Der Musikwelt und ihrer stetig wachsenden Fangemeinde bescherte der damit einhergehende Tatendrang bisher fünf ganz individuelle Alben, die von klassischen Songwritereinflüssen bis hin zu elektronischen Spielereien reichen. Die gebürtige Marburgerin, die irgendwann nach Berlin übersiedelte, um den kleinstädtischen Zwängen ihrer Heimat zu entfliehen und stattdessen ihr Glück in einer kreativeren Umgebung zu suchen, liebt es, spazieren zu gehen, zu kochen, Yoga zu machen, zu lesen oder an ihrem Küchentisch zu sitzen und Songs zu schreiben. Für Kultverdächtig hat sich Kitty Solaris darüber hinaus die Zeit genommen, tief in den Ordnern ihres PCs zu wühlen und dabei ein Stück herauszufischen, das nun Teil unserer Coverplaylist werden kann. Ganz bewusst entschied sich Kitty dabei für ihre Version des Fatal Shore Tracks „Real World“, da sie mit dem Frontmann der Band, Bruno Adams, viele gemeinsame Momente verbindet.

„Bruno Adams war ein toller australischer Musiker, Konzertorganisator und Lebemann. Leider schon viel zu früh gestorben, hat mich gefördert und oft zu Konzerten eingeladen. „

Ursprünglich nahm Kitty Solaris den Song für ein Konzert auf, bei dem Freunde und nahestehende Personen Bruno Adams, seinem akustischem Erbe ihren Tribut zollten, indem sie Neuinterpretationen seiner Werke zum Besten gaben. Wir sind sehr froh, dass Kitty Solaris sich im Rahmen dieses Features nun dazu bereit erklärte, ihr sensibel nacherzähltes „Real World“ erstmals mit einem breiteren Publikum zu teilen.

Nicht zuletzt ist es vielleicht auch Tatsache, dass Kitty Solaris ihren Protegé Adams an den Krebs verlor, geschuldet, weshalb ihre Songs eine unglaubliche Zuversicht und Daseinsfreude ausstrahlen.

Das Leben ist zu kurz, um es mit Dingen zu verschwenden, die du nicht willst.

Leg eine Platte von Kitty Solaris auf und jeder Missmut ist vergessen. Tatsächlich scheint dieser Aussage eine Art allgemeingültige Regel zugrunde zu liegen. Schon ihr Debüt „Different People Recording“, aus dem Jahre 2003, transportiert einen Optimismus, der mit jedem neuen Gitarrenriff mehr und mehr auf den Hörer überzugehen scheint. Dazu gesellen sich echte Melodien, also jene, die ohne großes Tamtam funktionieren, und eine Stimme, die gleichsam vom Mädchen nebenan wie von der umjubelten Popdiva stammen könnte. Kitty Solaris selbst attestiert ihrem Erstlingswerk dazu ein gewisses Wohnzimmerfeeling.

Kannst du dich noch erinnern, wann du den Entschluss gefasst hast, Musikerin zu werden?

„Ich hatte nie geplant, auf der Bühne zu stehen, weil ich eigentlich viel zu schüchtern war.“

Was half Kitty Solaris nun aber, diese Schüchternheit irgendwann abzulegen? Immerhin erlebt man die alterslose Blondine heute als selbstbewusste Powerfrau. Auf jeden Fall dürften die Erschaffung ihres Alteregos und die stetige Überwindung, eben doch die Bretter, die die Welt bedeuten, zu betreten, nicht hinderlich dabei gewesen sein. So klingen auch die Alben „Future Air Hostess“ (2007) und „My Home Is My Disco“ (2009) rebellisch und siegessicher. Für Letzteres arbeitete Kitty Solaris zudem mit Produzent Gordon Raphael, der sich unter anderem auch für „This Is It“ und „Room On Fire“ von The Strokes mitverantwortlich zeigt, zusammen.

Ihr Gefallen an Kollaborationen und dem kreativen Austausch mit anderen führte dazu, dass Kitty Solaris sich über die Zeit ein recht stabiles und weitverzweigtes Netzwerk aufbauen konnte. Vielerorts, aber allem voran in Berlin, kennt und schätzt man die Sängerin für ihre soziale Ader und den Hauch der Andersartigkeit.

Du scheinst ein sehr gutes Standing in der Berliner Szene zu haben. Wie erlebst du diese eigentlich?

„Ich glaube, es gibt nicht die Berliner Szene, sondern ganz viele verschiedene Szenen. Ganz schön zersplittert! So was wie die Hamburger Schule war da schon etwas Anderes. Berlin steht nicht für eine bestimmte Musikrichtung, außer vielleicht für Techno oder elektronische Musik.“

Golden Future Paris CoverAls Sammlung von Großstadtchansons und Urban-Folk-Hymnen präsentiert sich Kitty Solaris viertes Album „Golden Future Paris“ (2011). Musikalisch wandert die unerschrockene Individualistin während der dreizehn darauf befindlichen Tracks einem elektrifizierten Horizont entgegen. Vorbei scheinen die Tage kantiger Stolpersteine, die in Alternative und Rock beheimatet sind. Schnurstracks nehmen Titel wie „Beggar And King“, „Isolation“ oder „Gitano“ Fahrt auf, sind zugänglich und doch ungewöhnlich zugleich. Die Kompositionen auf „Golden Future Paris“ schaffen es, die Balance zwischen Extravaganz und Verständlichkeit zu halten und dem Hörer zudem ein paar Lyrics zu offerieren, die sich schon nach wenigen Wiederholungen mitsummen lassen. Hinzu gesellen sich warme Trompetenparts und ausgefallene Percussions.

„Das Meiste wurde nicht geprobt, sondern spontan eingespielt. Manches hat natürlich auch länger gedauert, bis wir die richtige Mischung gefunden haben, zum Beispiel bei ‚Get Used to It‘. Irgendwann hatte Steffen die Idee, Percussion auf einem Stuhl zu spielen. Mit der Trompete von Damir hat das Ganze dann so ein südamerikanisches Feeling bekommen.“

Nachdem ihre Klangodysee Kitty Solaris nun also in weichere akustische Gewässer geführt hat, wagt sie schließlich den finalen Absprung hin zum Pop – aber mit einer Konsequenz und Grazie, die viele ihrer Kolleginnen nicht einmal im Ansatz beherrschen.

We Stop The Dance Cover„We Stop The Dance“ heißt der Nachfolger zu „Golden Future Paris“. Eine sehr tanzbare Platte trotz ihres Titels. Inwiefern ist das der Sound, für den Kitty Solaris heute steht?

„Der Sound liegt natürlich auch an Brio Taliaferro, der einige Songs vom Album gemischt und alles gemastert hat. Brio hat schon Musik von Empire of the Sun und Sugababes mitproduziert. Oft wurde ich aufgrund des Albums bei Konzerten als Electropop-Act aus Berlin angekündigt, was natürlich so nicht stimmt. Live arbeiten wir kaum mit Backingtracks, sondern mit richtigen Instrumenten. Ich trete wahlweise solo mit Gitarre, mit Schlagzeug oder Keyboard auf.“

Wie passt das nun zusammen? Unheimlich gut! Die Frau, die schon mit Lederjacke und rotziger Sturmfrisur authentisch wirkt, macht auch in Pünktchenkleid und Lackschuhen eine gute Figur. Kitty Solaris Songs haben eben Charakter – und der lässt sich nicht wegwischen wie Make-Up am Morgen nach einer Partynacht. Äußere Zwänge und Genregrenzen erscheinen komplett nichtig, wenn Titel wie „We Stop The Dance“, das wundervoll sonnige „Flash and Thunder“ oder „17“ ihre Harmonien und Beats entfesseln. Während Kitty Solaris mit „Fingertips“ leichtfüßig die Tanzfläche erobert, zeigt „Hell“, das von den Smashing Pumpkins inspiriert wurde, dass auch eine Discokönigin den Mittelfinger zu heben weiß. „Your Night Is My Day“ fungiert derweil als sanfter Kuss auf die Stirn und „Heartbeat“ bittet zum Streitgespräch. „We Stop The Dance“ ist ein modernes, abwechslungsreiches Album – vielleicht das bisher bunteste der im Prenzlauer Berg ansässigen Musikern.

Neben deiner Tätigkeit als Musikerin bist du auch das Gesicht hinter dem Label Solaris Empire. Inwiefern ist dieses zweite Standbein wichtig für dich?

Es ist natürlich praktisch, eine gewisse Unabhängigkeit zu haben, und seine Platten selbst rausbringen zu können.

Ganz im Sinne des Independentbegriffs geht Kitty Solaris den Dingen nach, die sich für sie richtig anfühlen. Nicht nur ihre eigene Musik kann von dieser Einstellung profitieren. Unter anderem entschieden sich auch die Kultverdächtig-Acts Peter Piek und Sepiatone, die Hilfe der ungekrönten Underground-Königin in Anspruch zu nehmen und in ihrem Imperium Unterschlupf zu suchen. Man darf gespannt sein, womit Kitty Solaris als nächstes um die Ecke kommen wird. Auf ihrer Facebookseite kündigte die Songwriterin vor Kurzem auf jeden Fall eine neue Single namens „Silent Disco“ an, die sich mit dem expandierenden Konsumwahn und der Einsamkeit des Individuums in Zeiten des Kapitalismus beschäftigen wird. Kitty Solaris hat noch einiges zu sagen!

Kitty Solaris by Susanne Erler (3)
Kultverdächtig

Kitty Solaris ist durchgeknallt genug, um sich vom Druck der Musikbranche nicht kleinmachen zu lassen. Auf intelligente Art und Weise versteht es die Songwriterin, Hindernisse mit dem nötigen Schwung zu nehmen und dabei immer auf das Gefühl in ihrem Bauch zu vertrauen. Wer sich gern eine Scheibe von diesem Urvertrauen gegenüber dem Schicksal abschneiden möchte, tut dies am besten mit „Different People Recording“, „Future Air Hostess“, „My Home Is My Disco“, „Golden Future Paris“ oder „We Stop The Dance“.

Gewinnspiel

Den ersten Anreiz, sich ein Werk von Kitty Solaris nach Hause zu holen, möchten wir mit der heutigen Verlosung bieten. Zu gewinnen gibt es insgesamt zwei handsignierte CD-Exemplare von „We Stop The Dance“. Wer eins davon gerne sein Eigen nennen möchte, schickt bis spätestens kommenden Freitag, den 10.10.2014, eine Mail mit dem Betreff „Kitty Solaris“ an martin@kultmucke.de. Unter allen Einsendungen werden die Gewinner zufällig ermittelt. Die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Interessante Links

Offizielle Website von Kitty Solaris

Kitty Solaris bei iTunes

Soundcloud-Profil von Kitty Solaris

Kitty Solaris bei Facebook

Fotos © by Susanne Erler