Liefern am Limit, so geht es bei Lieferdiensten wirklich zu

Liefern am Limit – so schlecht sind die Bedingungen bei Foodora & Co

In Berlin, Lifestyle by Joseph

Jeder kennt die Radler*innen mit den großen Thermoboxen in türkis oder pink, die sich durch den Stadtverkehr schlängeln. Das die Arbeitsbedingungen nicht unbedingt rosig sind, ist bekannt, dennoch lieben viele Fahrer*innen ihren Job. Doch mittlerweile regt sich in einigen Städten Protest – wenn auch bisher nur mit kleinen Erfolgen.

Sonntagabend in Berlin-Neukölln: die Kuriere verschiedener Lieferdienste sind unterwegs um alle, die weder selber kochen, noch auswärts essen möchten, mit Essen zu versorgen. Routiniert schlängeln sich die Fahrer mit den großen Boxen durch den spärlichen Sonntagabendverkehr. Bei 23° C und Sonnenschein ein schöner Job, doch die Fahrer*innen sind bei Wind und Wetter, Schnee und Eis unterwegs. Winterjacken bekommen nur die Fahrer von Foodora – Handschuhe, Helm oder Mütze? Fehlanzeige. Auch Arbeitsmaterial, wie Smartphone, Datenflatrate und Fahrrad müssen die Kuriere aus eigenen Mitteln finanzieren.

Zeitdruck, Stress & Stadtverkehr

Der Job als Kurier ist anstrengend. Die Fahr*innen loggen sich bei Schichtbeginn ein und erhalten ihre Aufträge via App. Ein Algorithmus überwacht die Standorte der Kuriere und teilt die Bestellungen zu. So wird automatisch berechnet, wer am schnellsten vom Restaurant beim Kunden ist. Wer schnell unterwegs ist, wird vom Algorithmus belohnt, indem er mehr Aufträge erhält. In Kombination von Stress und Zeitdruck steigt allerdings auch das Risiko von Unfällen, gerade zu Stoßzeiten und im Feierabendverkehr. Viele der Fahrer*innen klagen auch über Angst im Stadtverkehr, was allerdings eher an der schlechten Radinfrastruktur deutscher Großstädte liegt. Je schneller Kuriere unterwegs sind, desto mehr können sie verdienen. Um die Zeit zu erreichen müssen Verkehrsregeln gebrochen werden. Das zeigen Erfahrungsberichte von Kurieren. Deliveroo beispielsweise funktioniert mit einer Art Provisionsmodell. 5€ pro ausgeführtem Auftrag zahlt das niederländische Unternehmen. Laut Pressesprecher können Kuriere so bis zu 20€ pro Stunde verdienen, doch viele Angestellte halten die Zahl für utopisch. Oftmals verzögern sich Ausfahrten dadurch, dass das Essen im Restaurant noch nicht fertig ist, oder noch eingepackt werden muss. Zum Teil steht auch mehr Essen bereit, als in die Thermoboxen passt, oder muss nach heiß und kalt getrennt werden. Im Schnitt brauchen die Fahrer 23 Minuten für die Lieferung, also deutlich länger, als von Deliveroo angegeben. Außerdem kann sich die Auftragslage jederzeit ändern: Bei Sonnenschein beispielsweise bestellen deutlich weniger Menschen, als bei schlechtem Wetter, Prognosen sind daher schwierig.

Keine Aufträge – kein Geld

Die Auftragslage ist von vielen Faktoren abhängig. Ein plötzliches Unwetter an einem Sonntagabend kann schnell zu einem Problem für die Lieferdienste werden, denn Viele bleiben lieber daheim und lassen sich ihr Essen liefern. Stehen also viele Kuriere bereit und das Gewitter bleibt aus, verdienen die Fahrer*innen je nach Unternehmen weniger bis nichts. Foodora zahlt immerhin 9€ pro Stunde, unabhängig von der Auftragslage, während Fahrer*innen bei Deliveroo ohne Aufträge komplett leer ausgehen. Ein Problem der Branche ist, dass alles über die unternehmenseigene App koordiniert wird. Fahrer loggen sich zu Schichtbeginn ein, sehen ihre Aufträge und arbeiten diese ab. Auch Schichtzuteilung und Arbeitsplan laufen über das Smartphone. Viele der Fahrer*innen feiern zwar die Freiheit, Flexibilität und die Distanz zu Vorgesetzten, allerdings kommt es so auch zu Schwierigkeiten. Oft fehlt ein Ansprechpartner bei Problemen, wie anstehenden Reparaturen oder ausstehenden Lohnzahlung. Letzter sind übrigens kein Einzelfall. Fahrer*innen von Deliveroo in Köln mussten mehrere Monate auf ihren Lohn warten.

Liefern am Limit

Glückliche Kunden – glückliche Fahrer. Das die Realität oft anders aussieht, beweisen Erfahrungsberichte der Kuriere.

Arbeitnehmerrechte werden durch Freelancer untergraben

Seit gut einem Jahr regt sich Protest in der Branche. Fahrer*innen wehren sich gegen die Arbeitsbedingungen und gründen in verschiedenen Städten Betriebsräte. Von offizieller Stelle wird dies gutgeheißen, hintenrum versuchen die Unternehmen jedoch weiter die Kosten niedrig zu halten. „Wir haben unsere Fahrer bei der Gründung eines Betriebsrats unterstützt und werden weiterhin eng mit den Vertretern dieses Gremiums zusammenarbeiten“, ließ beispielsweise Deliveroo auf dem Portal Ngin-Food verlauten. Doch die einzige Unterstützung kam nicht vom Unternehmen selber, sondern von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), wo sich viele Fahrer*innen mittlerweile solidarisieren. Bei Deliveroo hatte die Gründung eines Betriebsrats in Stuttgart einen gegenteiligen Effekt. Von den 120 Fahrer*innen, die damals dabei waren, arbeitet dort keiner mehr. Sachgrundlos befristete Verträge wurden nicht verlängert – eine legale, allerdings dennoch zweifelhafte Methode. Ebenso zweifelhaft ist die neue Personalstrategie der Lieferdienste: Beschäftigt werden jetzt ausschließlich Freelancer*innen – so ist die Möglichkeit einer Betriebsratgründung auch für die Zukunft ausgeschlossen.

Foodora übernimmt Reperaturkosten

Da in vielen Städten mehrere Anbieter um die Stellung als Platzhirsch konkurrieren, wird versucht an allen Ecken Kosten zu sparen. Zumeist wird der Preiskampf auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen. Zwar ändern sich einige Dinge langsam, allerdings ist die Gesamtsituation immer noch schlecht. Foodora beispielsweise, zahlt mittlerweile 25 Cent pro Stunde für Verschleißkosten am Fahrrad. Ersatzteile müssen jedoch aufwendig bei einem speziellen Shop, über LifeCycle, bestellt werden. Außerdem sind die Kosten monatlich auf maximal 42€ gedeckelt – das reicht nichtmal für einen Satz neuer Mäntel. Außerdem verspricht Foodora, dass: „Schäden, die auf den Arbeitsablauf von Foodora zurückzuführen sind, werden nach Nachweis von uns erstattet oder die Reparatur bezahlt“. So einen Nachweis zu erbringen ist allerdings nicht einfach, es sei denn, es handelt sich um einen polizeilich gemeldeten Unfall. Nachzuweisen, dass der Platten bei einer Kurierfahrt entstanden ist, ist eben schwierig.

Fahrer*innen organisieren den Protest

Liefern am Limit kultmucke

Zeitdruck, Feierabendverkehr und Stress – die Arbeit als Kurier ist kein Zuckerschlecken. In vielen Städten regt sich Protest.

Mittlerweile haben sich viele der Fahrradkuriere zusammengeschlossen. Die Facebook-Seite „Liefern am Limit“ beispielsweise sieht sich als Zusammenschluss von Fahrer*innen. Die Betreiber*innen sind selber (ehemalige) Kuriere und kennen sich daher bestens in der Branche aus. Die Seite soll als Sprachrohr und Networking-Plattform für die Fahrer*innen dienen. Jeden Tag erreichen sie Zuschriften von frustrierten Arbeitnehmern. Auf der Seite werden die Infos gebündelt zusammengefasst und über Share-Pics oder kurze Videos verbreitet. Außerdem werden hier relevante Infos für die Fahrer*innen gepostet, wie beispielsweise Glatteis- oder Unwetterwarnungen. Allerdings möchten die Betreiber nicht nur Angestellte Fahrer*innen, sondern gerade auch Freelancer erreichen. Viele Freelancer kommen aus dem Ausland. Da die Eintrittsbarrieren in der Branche niedrig sind, finden hier viele einen Job. Allerdings wüssten viele wenig über ihre Rechte und versteckte Kosten. „Liefern am Limit“-Betreiberin Laura sieht hier den größten Nachholbedarf, denn viele der Freelancer sind kaum zu erreichen, besonders wenn sie schlechtes Englisch sprechen.

Kleinere Erfolge in Sicht

Regelmäßig werden Flashmobs, Fahrten oder ein gemeinsames Grillen von den Fahrer*innen organisiert. Das passiert natürlich nicht zum Spaß, sondern um Missstände in der Branche aufzuzeigen und sich Gehör zu verschaffen. Einige kleinere Erfolge konnten die Betreiber*innen von „Liefern am Limit“ schon verbuchen. Das Foodora mittlerweile Kosten für Verschleißteile übernimmt, liegt vor allem daran, dass die Medien darüber berichteten, wie Deliveroo mit Betriebsrat und Kurieren umspringt. Langfristiges Ziel der Betreiber*innen und der NGG ist ein Tarifvertrag für die Branche – inklusive Abschaffung der sachgrundlosen Befristung. In Köln und Hamburg haben sich erste Betriebsräte gegründet. Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sicherte den Kurieren beim DGB Bundeskongress Unterstützung zu. Den Fahrern ist klar, dass es noch ein weiter Weg bis Tarifvertrag und Abschaffung der sachgrundlosen Befristung ist. Allerdings freuen sie sich auch über die Solidarität untereinander und die kleinen Erfolge, die sie bisher erreicht haben. Und sie wissen auch: „Wenn wir nichts fordern, wird sich auch nichts ändern.“

Bildnachweis: Alle Bilder © 2018 Deliveroo Press