Live-Musik + Slam-Poetry: Frei aus’m Bauch heraus

In Berlin, Lifestyle von Gastautor

„Frei ausm Bauch“ – der Titel der Veranstaltungsreihe, die seit Ende des vergangenen Jahres monatlich im Yaam stattfindet, könnte kaum passender sein. Für kleines Geld erwartet die Besucher eine bunte Mischung aus Kunst und Live-Performances, von Gitarrenmusik über Hip-Hop bis zu Poetry Slam. Das Ziel des Ganzen: „Leuten eine Bühne bieten, die bisher keine haben, sie aber verdienen“, erklärt Veranstalter, Initiator und Moderator Sebastian Floericke. Er betont, dass er bei der Zusammenstellung des Programms keinem bestimmten Konzept folge – je exotischer, desto besser.

Ein sonniger Dienstagabend, gegen 20 Uhr. Während die Luft nach dem heißen Augusttag allmählich angenehmer wird, haben sich Menschen verschiedenster Altersgruppen in den Liegestühlen am Spreeufer niedergelassen. Noch schnell ein kühles Bier zischen oder einen Blick in die anliegende Art Clash Gallery werfen, denn gleich geht’s drinnen los. Die drückende Hitze im Innenraum des Yaam tut der Euphorie des Publikums und der Künstler, die sich auf der Bühne präsentieren, keinen Abbruch. Er sei schon zum vierten oder fünften Mal bei „Frei ausm Bauch“ dabei, erzählt Baasztian, nachdem er die Leute im Saal zusammen mit seiner Gitarre zum Schmunzeln gebracht hat. „Hier ist immer ein cooles Publikum. Die Mischung der verschiedensten Styles ist was Besonderes!“

Musik Live Gitarre

Musik ist schließlich bei weitem nicht das einzige, das die Veranstaltungsreihe zu bieten hat: das Programm beginnt heute mit Auftritten junger und älterer Poetry Slammer. Einer davon ist Noah Klaus. Der 21-Jährige stammt ursprünglich aus Bonn und zog 2012 nach Berlin, um an der Humboldt-Universität Kulturwissenschaft zu studieren – und nebenbei seine Karriere als Poetry-Slam-Größe voranzutreiben.

Wie kamst du zum Poetry Slam? Was hat dich darauf gebracht? 

Noah: 2011 habe ich in Köln das erste Mal einen Poetry Slam besucht, das war das Finale der NRW Meisterschaft. Ich war total geflasht und begeistert, weil ich so was vorher noch nie gesehen hatte. Anschließend hab ich dann selbst mal versucht, Texte zu schreiben. Meinen ersten Auftritt hatte ich bei einer „Talentshow“, die wir mit unserer Jahrgangsstufe organisiert haben, um Geld für unseren Abiball zu sammeln. Ich wurde mehr oder weniger überredet, einen meiner Texte dort vorzutragen, und es kam ziemlich gut an. So richtig dabei bin ich jetzt seit 2013.

Wie oft bist du schon aufgetreten?

Noah: Puh, schwierig. Mal nehme ich in der Woche an drei bis vier Slams teil, mal nur an einem – ich würde sagen, mittlerweile habe ich bestimmt 200 bis 250 Slams gemacht.

Wow! Mit so viel Erfahrung – bist du vor einem Auftritt überhaupt noch aufgeregt oder ist das schon Routine?  

Noah: Bei kleineren Auftritten wie heute ist es inzwischen Routine. Wirklich aufgeregt bin ich natürlich, wenn es um etwas geht, sprich bei einer Meisterschaft oder sonstigen Special Events. Oder wenn das Publikum extrem groß ist! Einmal bin ich zum Beispiel im Hamburger Schauspielhaus vor 1100 Leuten aufgetreten. Das war schon beeindruckend.

Was gefällt dir denn besser? Solche Riesen-Shows oder kleine, intimere Runden?
Noah: Eigentlich ist die Größe des Raumes nicht unbedingt ausschlaggebend – viel wichtiger ist, hat das Publikum Bock oder nicht? Wenn ich das Gefühl habe, dass ich die Energie für den ganzen Saal aufbringen muss, klappt das nicht. Es kommt ja vor, dass du in einem riesigen Raum bist, die Stimmung kocht und der Text in diesem Moment einfach wie die Faust auf‘s Auge passt. Genauso kann es aber auch passieren, dass du in einer Bar mit 15-20 Leuten bist, die aber alle mit sich selbst beschäftigt sind und sich nicht dafür interessieren, was der Typ da vorne von sich gibt. Trotzdem funktioniert manches natürlich nicht so gut, wenn das Publikum sehr weit entfernt ist. Es geht ja beim Poetry Slam auch viel um Mimik und Gestik, um den Text richtig rüberzubringen.Musik Yaam Beach

Wie kommt so ein Text zustande? Womit fängst du an?
Noah: Am Anfang eines Textes steht immer irgendeine Grundidee, die Stimmung, ein bestimmter Grundton. Daraufhin überlege ich mir dann ein Konzept.

Wie lange dauert es, bis ein Text wirklich fertig ist und du zufrieden damit bist?

Noah: Das ist super unterschiedlich. Manchmal trage ich eine Idee ewig mit mir herum und mache dann vielleicht trotzdem nichts draus, ein anderes Mal habe ich einen richtigen „Rush“ und schreibe das in einer Nacht runter. Das muss dann aber natürlich noch überarbeitet werden. Und ganz wichtig: nach dem ersten Vortrag wird das Ganze noch mal überarbeitet. Denn erst live auf der Bühne merkt man, was funktioniert oder was vielleicht nicht ganz stimmig ist. Aber grundsätzlich würde ich schätzen, bis ein Text von Anfang bis Ende fertig ist, dauert es vielleicht eine bis zwei Wochen.

So wenig? Ich hätte mir jetzt gut vorstellen können, dass das wesentlich aufwendiger ist.

Noah: Was tatsächlich länger dauert, ist Reimen.

Wie entscheidest du denn, ob der Text sich reimen soll oder nicht?
Noah: Bei der ersten Idee ist mir meistens schon irgendwie klar, ob der Text gereimt sein soll oder nicht. Generell kann man sagen, bei große Gesten, wenn man die Leute wirklich mit der geballten Wucht der Sprache überwältigen möchte – dann macht Lyrik Sinn und ist sehr hilfreich. Wenn es aber eher darum geht, eine Rolle zu spielen und irgendetwas mit beißendem Humor rüberzubringen, dann ist Lyrik vielleicht einfach fehl am Platz.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Texte? Verarbeitest du vor allem persönliche Erfahrungen darin?

Noah: Ich bin niemand, der sich mit dem Innersten seiner Seele auf die Bühne traut. Über richtig intime Themen spreche ich eher nicht, auch, weil ich das bei mir selbst nicht so überzeugend finde. Ich versuche eher, die Zuhörer mit Witz und geistreichen Anspielungen zum Weltgeschehen zu amüsieren und gleichzeitig auch zum Nachdenken anzuregen. Es gibt allerdings viele Leute, die hochemotionale Texte als Unterhaltungsformat voll drauf haben und davor ziehe ich meinen Hut.

Noah steht nicht so auf Social Media. Aber ihr könnt euch seine Auftritte bei YouTube reinziehen:

 

Ihr habt Lust bekommen, euch das Spektakel im nächsten Monat einmal selbst anzuschauen? Auf der „Frei ausm Bauch“ Facebook-Page bleibt ihr up to date.