Kultverdächtig: Machine Est Mon Coeur

In Musik by Website-Einstellung

Mitternacht – die Uhr schlägt zwölf. Die Welt scheint stillzustehen, während sie von einem leichten Schaudern erfasst wird. Schwitzig, feucht, unkontrollierbar. Es hätte wohl keinen besseren Moment als jene Geisterstunde geben können, um sich diesem Artikel zu widmen. Zurückgezogen in das Dachgeschoss eines alten Bauernhauses, in dessen Ecken zahlreiche Erinnerungen lauern, entspinnt sich Zeile um Zeile über das akustische Reich des Luxemburger Duos Machine Est Mon Coeur.

Nur da wo Schatten ist, ist auch Licht

Machine Est Mon Coeur by Christine Burkart (1)Was bedeutet Musik für euch?

Musik ist unsere Verbindung zum Universum. Sie ist ein Weg, Stimmungen freizusetzen. Sie ist unser Leben.

Wie bei vielen Geschichten, die wir euch bereits im Zuge von „Kultverdächtig“ erzählt haben, spielt auch bei der über Bianca Calandra und Gabin Lopez Berlin eine zentrale Rolle. Denn am Ende war es unsere schöne Spreemetropole, in der ihr gemeinsames Projekt Machine Est Mon Coeur seinen Anfang fand – und das, wo die beiden doch aus völlig anderen Winkeln dieser Erde stammen. Bianca wuchs in einem Vorort von Sydney auf, sang dort im Schulchor, trat mit 17 ihrer ersten Rockband bei und zählt Künstler wie David Bowie, Lou Reed oder Pink Floyd zu ihren Helden. Gabin hingegen kommt aus Bordeaux, spielt Trompete, seit er zehn ist, studierte klassische Musik am staatlichen Konservatorium sowie Klavier in Paris und verortet seine auditiven Präferenzen klar im Jazz, den frühen Anfängen elektronischer Musik und Klangexperimenten aus den Fünfzigern. Unterschiedlicher hätten die beiden Musiker also gar nicht sein können, als sie sich erstmals in Sydney trafen. Damals gab es eine recht populäre Warehouse-Szene in der Stadt, von der sowohl Bianca als auch Gabin fasziniert waren. Man begegnete sich zufällig bei einer Impro-Session und verlor sich dann jedoch für mehrere Jahre wieder aus den Augen. Erst als Bianca 2005 mit ihrem Soloprojekt b.calandra an einen Punkt geriet, an dem sie entschied, dass es den Input mindestens einer weiteren Person bedürfe, um sich auditiv vollends verwirklichen zu können, suchte sie verzweifelt nach der Telefonnummer Gabins, die sie sich mehrfach von einem Freund hatte geben lassen, jedoch wieder und wieder verlor. Als hätte das Schicksal sie erhört, fand sich wenig später eine Mail des Franzosen in ihrem Postfach.

Bianca: „Ich hatte Lust, mit Anderen zu interagieren und zu schreiben. Dennoch war mir klar, dass ich nicht Teil einer großen Band sein wollte, denn meiner Meinung nach, wird es kompliziert, wenn mehr als drei Leute in ein Projekt involviert sind. Schnell kommt es da zu Streitigkeiten, Problemen, unterschiedlicher Anteilnahme und so weiter. Die Liste könnte ewig fortgesetzt werden.“

Zu zweit trafen sich Bianca und Gabin schließlich in Berlin, wo Bianca damals lebte. Auch Gabin steckte mit seiner Arbeit in einer Sackgasse und freute sich auf den Austausch mit jener Dame, deren Kreativität er einst in Sydney schon so bewundert hatte.

Gabin: „Ich fuhr also nach Berlin, um Bianca zu sehen. Umgehend entstanden zwei Tracks, die großartig klangen. Mir wurde klar, dass das als Duo funktionieren könnte.“

Wie sahen denn die ersten gemeinsamen Stunden des Songwritings und Herumexperimentierens aus?

Bianca: „Es war Sommer in Berlin. Mein Apartment war in einem Gebäude, das bereits der Gentrifizierung zum Opfer fiel. Arbeiter beschädigten an dem Tag, als Gabin zu mir kam, ein Wasserrohr, sodass der komplette Boden meiner Wohnung geflutet wurde. Wir machten das zusammen sauber und fingen an, Equipment aufzubauen.“

Gabin: „Überall lagen Kassetten herum. Außerdem waren da noch eine E-Gitarre, einige Pedals, eine Trompete, Mikrofone und ein Laptop. Wir nahmen instinktiv auf, ohne viel über eine Richtung nachzudenken. Das Resultat überraschte uns beide gleichermaßen. Uns gefiel das Ergebnis und wir waren gespannt, was noch möglich wäre.“

Mit viel Elan und ungeachtet ihrer recht konträren Backgrounds arbeiteten Bianca und Gabin gemeinsam an ersten Songs, die im Januar 2007 in der Veröffentlichung einer selbst betitelten EP mündeten. Was sie dabei verband, war die Faszination für die Finsternis, das Mysteriöse, das Unerklärliche. Auch heute blicken Machine Est Mon Coeur noch recht optimistisch auf ihr Erstlingswerk zurück.

„Wir performen ein paar der Stücke noch immer live. Diese Aufnahmen waren das Fundament für unseren Sound. Natürlich haben wir uns seitdem aber auch weiterentwickelt. Alles ist jetzt etwas komplexer.“

Warum habt ihr euch eigentlich für Machine Est Mon Coeur als Bandnamen entschieden?

Bianca: „Alles begann damit, dass wir Kassetten aufnahmen. Irgendwann musste ich an den Satz ‚Die Maschine ist mein Herz‘ denken. Das war ein schönes Bild. Irgendwie beschrieb es genau das, was wir taten. Etwas sehr Mechanisches, aber warm und menschlich. Ich fragte Gabin, wie man das Ganze auf Französisch ausdrücken würde. Dann loopten wir, wie ich ‚La machine est mon cœur‘ sagte. Es klang wundervoll und wir entschieden uns, das Ganze als Bandnamen beizubehalten. Ohne das ‚la‘, weil es sonst zu lang gewesen wäre.“

Machine Est Mon Coeur by Christine Burkart (2)

Nach der Veröffentlichung ihrer Debüt-EP wurde es still um Machine Est Mon Coeur.

Das Leben passierte. Der Tod passierte. Wir wohnten an unterschiedlichen Orten. Irgendwann dann unser erstes Album fertigzustellen, kam dem Schließen eines wichtigen Kapitels gleich.

Die letzten Seiten dieses Kapitels füllten Machine Est Mon Coeur in einem einsamen Haus in Frankreich. Dorthin hatten sich Bianca und Gabin zurückgezogen, um unbeirrt an den Tracks zu feilen, die sich jetzt auf „Dystopium“, ihrer ersten LP, befinden. Dabei nutzten sie vor allem die akustischen Gegebenheiten der einzelnen Räume des Gebäudes, die sie gekonnt in ihren Stücken verarbeiteten. Als Ideenhilfe dienten Filme wie ‚Metropolis‘ oder „Nosferatu‘. Aber auch zahlreiche literarische Werke, beispielsweise Patrick Süskinds „Parfüm“, fanden Einzug in die Welt von „Dystopium“.

Inwieweit reflektiert der Titel den Sound des Albums?

„‚Dystopium‘ ist eine Fusion der beiden Wörter Dystopie und Opium. Sie schienen den verträumt-hypnotischen Charakter der Platte sowie die darauf befindliche Dunkelheit am besten zu beschreiben.“

Tracks wie das bittersüße „Trainwreck“ oder das sensible „Sky Is Falling“ sind genährt von einer vergänglichen Romantik. Am Scheideweg zwischen Electronica, Alternative und Dream Pop haben Machine Est Mon Coeur einen weitverzweigten Wegweiser errichtet, der am Ende jedoch immer in Richtung der unterkühlten Klangästhetik führt, die auch das von den Bewegungen des Ozeans inspirierte „Beam Of Fire“ durchzieht. Viele der Songs wurden von Bianca und Gabin über lange Zeiträume entwickelt, mehrfach begutachtet und angepasst. Diese stetige Reflexion führte dazu, dass die neun Stücke auf „Dystopium“ sehr formvollendet wirken.

Wir verwarfen recht viel. Manchmal gab es vier bis fünf verschiedene Versionen eines Songs, bevor wir damit zufrieden waren. Natürlich ist die Platte nicht perfekt, aber mit den Makeln, die geblieben sind, können wir leben. Sie verleihen dem Sound Persönlichkeit.

DystopiumDas Artwork zu „Dystopium“ stammt von Bianca. Warum war es euch wichtig, die Gestaltung dessen nicht aus der Hand zu geben?

Bianca: „Ich arbeite oft parallel an Kunst und Musik, wodurch es mir kaum möglich ist, diese Dinge zu trennen. Daher macht es auch Sinn, dass die Artworks und Visuals von mir kommen. Aus meiner Sicht ist unsere Musik sehr cineastisch und bildlich, weshalb ich mich damit eh auseinandersetze.“

Als ein Tor zu ihrem Universum verstehen Machine Est Mon Coeur die an ihr Projekt gebundenen visuellen Arbeiten. So auch ihre Videos, die von einer sehr eigenwilligen, aber durchaus beeindruckenden, Anmut sind – stets an einen Hauch von Rätselhaftigkeit gebunden. Jener kreative Rundumschlag, den Machine Est Mon Coeur ihrem Publikum offerieren, macht das Duo und seine Intensionen nahbarer und sorgt zudem dafür, dass man sich als Hörer mit all seinen Sinnen im Werk der Beiden verlieren kann.

Wenn man mit derart vielen elektronischen Elementen arbeitet, wie es Machine Est Mon Coeur tun, dann stellt die Konzertsituation oft eine ganz besondere Herausforderung dar. Erst recht, wenn man dann zudem noch den Anspruch besitzt, nicht einfach nur die Tasten eines Laptops bedienen, sondern stattdessen stets live spielen zu wollen.

Wir spielen alle Samples immer in dem Moment ein, in dem wir performen, und kreieren gleichzeitig etliche Schichten und Texturen. Außerdem gefällt es uns, den Aspekt der Improvisation bei unseren Auftritten zu bewahren und Strukturen offenzuhalten. Das hält uns auf den Füßen und lässt alles frisch bleiben.

Einer ganz anderen Improvisationsleistung sahen sich Machine Est Mon Coeur plötzlich gegenüber, als wir sie im Rahmen dieses Features, um die Bereitstellung eines exklusiven Coversongs für unsere „Kultverdächtig“-Playlist baten. Zielstrebig machten sich Bianca und Gabin jedoch ans Werk und nahmen sich „Hurt“ von den Nine Inch Nails an, das sie bis aufs Skelett entkleideten und in ein neues Gewand hüllten – eins, das imposant und filigran zugleich daherkommt.

„Die Nine Inch Nails sind keiner unserer Haupteinflüsse, aber es fühlt sich an, als kämen wir aus der gleichen Familie. Natürlich sind wir recht unterschiedlich, doch teilen wir ähnliche Wurzeln.“

Wie hat sich eure Beziehung im Laufe der Jahre, die ihr als Machine Est Mon Coeur zusammen verbracht habt, verändert?

„Es dauerte ein wenig, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, hörten Musik und schauten Filme. Mit diesen Ereignissen im Hintergrund war es irgendwann leichter, den jeweils Anderen zu verstehen. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir brutal ehrlich zueinander sein können. Wir wissen beide, dass wir nicht das Selbstbewusstsein des Gegenübers zerstören wollen, weshalb Kritik immer aus einer konstruktiven Ecke kommt.“

Kultverdächtig

Manchmal bedeutet kultverdächtig, sich nicht einfach nur treiben zu lassen, sondern stattdessen den eigenen Visionen kompromisslos zu folgen. Genau dies tun Machine Est Mon Coeur, indem sie ihre Tracks eigens aufgestellten Maximen unterwerfen, sie zu kontrollieren versuchen und in ein konstruiertes Umfeld einbetten.

Gewinnspiel

Signierte CD-Exemplare von „Dystopium“, T-Shirts, Buttons und Zeichnungen von Bianca – all das verlosen wir in zweifacher Ausführung unter denjenigen, die eine Mail mit dem Betreff „Machine Est Mon Coeur“ an martin@kultmucke.de schicken. Einsendeschluss ist der kommende Donnerstag, der 14.05.2015. Die Preise werden nur innerhalb Deutschlands verschickt und der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Interessante Links

Offizielle Website

Bandcamp

Facebook

Youtube

Fotos © by Christine Burkart