Understatement deluxe: Massive Attack live

In Berlinby Martin

Genre:

Nur wenige Bands schaffen es, sich einen dauerhaften Platz in den Ruhmeshallen der Musikgeschichte zu sichern. Die Bristoler Formation Massive Attack thront dort jedoch seit Jahrzehnten. In ihrer akustischen Nische, dem Trip-Hop, gelten Massive Attack, neben ihren Kollegen von Portishead, als wichtigster Einfluss für das Genre, welches Elemente aus Hip-Hop und Electro miteinander verbindet. Gestern, am 05.07.2014, gaben sich Massive Attack die Ehre und erklärten Berlin zum Austragungsort ihres einzigen Deutchland-Gigs innerhalb der aktuellen Tour.

Fiebrig flimmert die Luft vor dem Berliner Tempodrom. Das Wetter will sich nicht so recht entscheiden, ob es die Ankunft von Massive Attack mit Sonnenschein oder Regen würdigen soll. Während Tausende Menschen bereits in das Innere des 2001 erbauten Gebäudes pilgern, versuchen andere, vor den Türen noch ein Ticket für den Abend zu ergattern. Doch müssen sie dabei tief in die Taschen greifen, denn die Händler verlangen horrende Summen für die Möglichkeit, dem ausverkauften Konzert noch beiwohnen zu können.
Drinnen staut sich derweil die Hitze. Alles schwitzt und klebt. Plötzlich erlischt das Licht und eine monumentale Videowall erstrahlt vor dem wartenden Publikum. Ohne Vorbband entert Robert „3D“ Del Naja, einer der beiden Köpfe hinter Massive Attack, zusammen mit einigen Musikern und der Sängerin Martina Topley-Bird die Bühne. Das wenig bekannte „Battlebox“ dient derweilen als mysteriöses Eröffnungsstück. Auch „United Snakes“, eine B-Seite des letzten Albums „Heligoland“ (2010), lässt viele Zuschauer grübeln, ob es sich eventuell um neues Material der Trip-Hopper handeln könnte – ist eine neue Platte doch längst überfällig. Erst mit „Risignon“, bei dem sich auch Grant „Daddy G“ Marshall, die zweite Hälfte des Erfolgsduos, blicken lässt, wird deutlich, dass Massive Attack zu einem Rundumschlag ihrer alten Hits ansetzen werden. Als fleischgewordener Scherenschnitt tänzelt die Kapelle vor blauen Visuals, bis schließlich die Erfolgssingle „Paradise Circus“ ertönt. Würdevoll vertritt Topley-Bird Hope Sandoval, Frontfrau von Mazzy Star, die dem Track im Original ihre Stimme leiht. Del Naja und Marshall haben sich währenddessen an die Synthesizer begeben und treiben behutsam die Beats voran, sodass sich die Schönheit des Songs Schicht um Schicht entblättern kann.
Die Alben „Mezzanine“ (1998) und „Heligoland“ scheinen zentraler Angelpunkt des Auftritts zu sein und wirken wesentlich stärker vertreten als ihre großartigen akustischen Geschwister. So schafft es auch „Girl I Love You“ in die Setlist, wodurch der Menge erstmals Mister Horace Andy vorgesetzt wird. Der 63-Jährige Reggaesänger fasziniert durch seine Präsenz, indes kriegsverherrlichende Propaganda – es laufen Bilder und Texte im Hintergrund – einen scharfen Kontrast ziehen. Massive Attack sind politisch und schaffen es mit viel Understatement wieder und wieder, auf die Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Provokante Sprüche inklusive.

Die Briten sind besonders. Die Welt weiß das.

Wie giftige Gase zieht grün beschienener Nebel bei „Psyche“ in Richtung der Konzertbesucher, die diesen gierig aufsaugen und langsam in Trance verfallen. „Future Proof“ von „100th Window“ (2003) greift im Folgenden die kollektive Umnachtung auf und lässt den Boden wanken. Binäre Codes rasen durch die Dunkelheit und Massive Attack zeigen sich von ihrer aggressiveren Seite. Nachdem der Sound bei den ersten Tracks noch recht leise schien, türmt er sich nun bedrohend auf und Del Najas Sprechgesang verliert sich in der Unendlichkeit. Die  Energie, die Massive Attacks Kompositionen stets innewohnt, wird mehr als greifbar. Genau der richtige Zeitpunkt, wie es scheint, um mit dem Klassiker „Teardrop“ herumzuexperimentieren. Die ursprüngliche Sanftheit des Tracks weicht dabei einer industriellen Härte. Dröhnend ertönt schließlich auch „Angel“, bei dem Horace Andy von schwarz-weißen Visuals gerahmt wird und ikonenartig in einem hellen Lichtkegel steht. Nach diesem fast übersinnlichen Augenblick vertonen die stechenden Rhythmen von „Jupiter“ Einträge aus einem Kampflogbuch.

Bereitmachen! Roger. Na also, geht doch.

Mit „Safe From Harm“ gedenken Massive Attack ihrem, von der Kritik hochgelobten, Debüt „Blue Lines“ (1991). Es ist Deborah Miller, langjährige Live-Sängerin der Band, die dem Stück seine Seele einhaucht. Del Naja verzichtet derweil auf seine Rap-Parts, zugunsten kreischender Gitarrenriffs, die das Publikum in Ekstase versetzen. Einmal eingegroovt lässt es sich auch hervorragend zu den Trommeln von „Inertia Creeps“, die von zwei Schlagzeugen ausgehen, tanzen. Auf der Videowall dazu erneut Wortfetzen, Zitate und Schlagzeilen zum aktuellen Weltgeschehen.

Heavy Metal macht Kopfweh.

In der Zugabe, die von nicht enden wollendem Applaus und Gestampfe eingeläutet wird, steht Horace Andy kurz allein im Fokus der Aufmerksamkeit, säuselt „Everywhen“ vor sich hin, holt sich dann für „Splitting The Atom“ aber Del Naja und Marshall an seine Seite. Das Herrentrio macht sich recht gut, doch auch die abschließende Interpretation von „Unfinished Sympathy“, bei der erneut Debbie Miller hinter dem Mikro steht, sorgt für Begeisterungsstürme aufseiten der Zuschauer, die bis zur Verbeugung des Ensembles anhalten.