Alt-J – Mehr als nur eine Tastenkombination

In Berlin by Website-Einstellung

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Im November letzten Jahres waren sie noch als Support der irischen Band Two Door Cinema Club, in den Hallen des Astras an der Warschauer Straße anzutreffen. Ein paar wenige Monate später füllen Alt-J dieses im Alleingang, und zwar restlos bis auf den letzten der über 1500 Stehplätze. Was ist passiert? Ein Mercury Prize für ihr Debut “An Awesome Wave” scheint fast nebensächlich, wenn man bedenkt, wie die Newcomer aus Leeds 2012 durch die Decke gingen.

Der Winter überhäuft am Samstag, den 23.02.2013, die Hauptstadt mit Tonnen von Schnee. Trotz der plötzlichen Rückkehr von Väterchen Frost zieht es etliche Menschen nach draußen. In einem riesigen Knäuel, ähnlich einer Horde von Pinguinen, die sich zum kollektiven Wärmen aneinander kuschelt, sammeln sich Musikvernarrten vor dem Astra in der Revaler Straße. Sie eint der Wille ins Innere des Kulturhauses vorzudringen, um dort den Klängen des britischen Quartetts Alt-J zu lauschen. Einmal die Hürden des E-Ticket-Umtauschs und der Taschenkontrolle überwunden, erwartet den Konzertbesucher eine aus allen Nähten platzende Location. Kondenswasser rinnt über die Lampen im Vorraum, die einst die herrschaftlichen Räume des Palasts der Republik ausleuchteten. Die Leute pellen sich aus ihren Zwiebelschichten an Klamotten und fangen das Schwitzen an, so warm ist es im Kessel der Unterhaltung. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, heizt das Trio Stealing Sheep die Menge mit ihrem süßen Gemisch aus Indiepop und Folk an. Ein wunderbarer Einstand für den Abend.

Dann ist es plötzlich so weit. Der Saal wird in violettes Licht getaucht und Alt-J betreten die Bühne. Mit “Intro” beginnen die ehemaligen Studenten der Bildenden Künste und der englischen Literatur erwartungsgemäß das Konzert und sorgen dabei mit flirrenden Bässen für erste Gänsehautwellen. Die Menge jubelt und verfällt in Extase. Hier und da reißen junge Menschen ihre Arme in die Höhe und formen kleine Dreiecke mit den Händen. An dieser Stelle sei für den Unwissenden und alle Antihipster erwähnt, dass man ein Delta-Symbol (∆) erhält, sofern man auf einer herkömmlichen britischen Mac-Tastatur die Kombination aus “Alt” und “J” drückt.

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Stück um Stück spielen sich die Herren durch den Abend und werden dabei von Jubel-und Begeisterungsstürmen des Publikums begleitet. Vielerorts sieht man Lippen, die sich synchron zu den Lyrics der dargebotenen Stücke bewegen. Und wenn Sänger Joe Newman mal kurz aus dem Takt ist, füllen fanatische Gesänge die entstehende Lücke. Nach circa einer Stunde endet mit “Taro” ein kurzweiliger Abend. Der Song schwingt sich zum strahlenden Highlight auf, bei dem die begeisterte Masse noch einmal gemeinschaftlich feststellt, dass sich alle Strapazen der Anreise, hin zum Neckar des Alternative Pops, gelohnt haben.

Dennoch bleibt bei manch kritischem Hörer ein bitterer Beigeschmack zurück. Auch eine phänomenale Lichtshow, die in dieser Nacht die Gemüter erleuchtet, kann über einen Fakt nicht hinwegtäuschen. Alt-J stehen noch am Anfang ihrer Karriere. Sie sind noch nicht die selbstsicheren und charismatischen Künstler, für die viele sie halten. Nur in wenigen Momenten während ihrer Performance lösen sie sich von den schon bekannten Arrangements ihrer Tracks. Es lastet ein großer Druck auf den jungen Musikern, den man ihnen eben teils auch anmerkt. Hier und da fehlt es noch an Gelassenheit und es ist abzuwarten, wie Alt-J mit der immer größer werdenden Erwartungshaltung der Kritiker umgehen werden. Es möchte wohl keiner in ihrer Haut stecken, wenn es irgendwann darum gehen wird, ein neues Album zu präsentieren.