Kultverdächtig: Mekka

In Musikby Martin

Berlin – Ein Mekka für Newcomerbands. Die Stadt an der Spree ist seit Langem erklärter Wallfahrtsort zahlreicher junger Musiker. Zynisch lockt die deutsche Metropole mit aussichtsreichen Versprechungen und lässt doch gleichzeitig die Träume und Wünsche all der Nachwuchstalente um sich tänzeln, als sei sie ein elektrifizierter Insektenvernichter auf der Suche nach frischer Nahrung. Angezogen von der hypnotischen Schönheit Berlins verglühen in der Folge zahlreiche Karrieren, noch bevor sie wirklich begonnen haben. „Kultverdächtig“ hat sich einmal umgeschaut und zwischen all den Hoffnungsträgern drei Jungs gefunden, die mit Witz, Können und der tatsächlich unentbehrlichen Schnauze für Furore im Underground sorgen. Apropos Mekka, wir haben da ein gleichnamiges musikalisches Pilgertrio im Angebot: Die drei Herzbuben von Mekka.

Einhornflüsterer

IMG_5453-2Was bedeutet Musik für euch?

Ein ewiges, magisches Rätsel.

Wer Berlin zum persönlichen Ort des Wirkens und Waltens erklärt hat, der liebt per se Herausforderungen. Jan, Levi und Leo sind dem Südwesten unserer Republik entflohen, um ihr Glück im kühleren und anonymeren Norden zu suchen und zu finden. Zwischen Beton und Asphalt haben die Jungs sich im Laufe der Zeit ein Zuhause aufbauen können, von dem aus sie regelmäßig ihre akustischen Experimente starten. Jüngst führt sie ein melodischer Ausflug auf die Spuren Bob Dylans. Um unserer Bitte nachzukommen, einen Track für die „Kultverdächtig“-Coverplaylist beizusteuern, entscheiden sich Mekka, es zahlreichen ihrer Kollegen gleichzutun und sich eines Werkes des gefeierten US-amerikanischen Folk- und Rocksängers anzunehmen. Entstanden ist ein lässige und gleichsam hochemotionales Synthie-Hommage des Stückes „Mama, You Been On My Mind“.

Wieso habt ihr dieses Lied erwählt?

„Als Dankeschön an unsere Mütter. Und weil einer von uns jemanden vermisst.“

Die Mitglieder von Mekka haben eine wahre Odyssee hinter sich. Sänger Levi wächst in Connecticut auf und tingelt später, im Gepäck seiner Eltern, durch ganz Deutschland. Hamburg, Frankfurt, Heppenheim, Heidelberg – irgendwann lernt der Junge, der immerzu auf Achse ist, einen Kerl namens Jan kennen. Die Beiden verstehen sich auf Anhieb und versuchen es auch recht schnell musikalisch miteinander. Ein Bündnis ist geschlossen, das bis heute anhält und die jungen Männer schließlich aus dem Süden in die Hauptstadt befördert. Doch nicht, ohne zuvor noch einen Bassisten gefunden zu haben, der ihr Gemisch aus Gitarre, Schlagzeug, Drumbeats, Synthies, Klavier und Gesang gekonnt zu ergänzen weiß.

Jan: „Als ich mit Levi auf Suche nach Verstärkung war, habe ich Leo mal zu einer Probe mitgeschleppt. Seitdem will er irgendwie nicht mehr gehen, wir wissen auch nicht so genau warum. Jetzt kümmern wir uns um ihn.“

IMG_5231In Karlsruhe formieren sich Jan, Levi und Leo zuerst unter dem Namen Kamera. Alle drei bringen eine gewisse akustische Erfahrung mit sich und wurden ihr Leben lang von Schall und Klang begleitet. Jan bereits als kleiner Piefke in der musikalischen Früherziehung, wo er neben dem Glockenspiel auch das Notenlesen erlernt. Levi hingegen wird von seinen Eltern schon zeitig mit Opernarien gequält und gefoltert, bis ihm schließlich aufgeht, dass sich das klassische Sangeswerk bereits tief in seiner Emotionalität verankert hat und ihm auch heute noch die eine oder andere Träne abzuverlangen vermag. So ist das eben. Auch wer zwanghaft versucht, sich von seinen Wurzeln abzugrenzen, wird irgendwann merken, dass genau sie es sind, die das Fundament der eigenen Persönlichkeit bilden. Leo treibt seine Revoluzzerphase noch etwas weiter, und zwar bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Rotzig schüttelt er seine langen Haare in einer Metalband, bis Levi und Jan ihn an die Hände nehmen und in die Welt des Synthie Pops entführen. Die lange Mähne wird dabei kurzerhand mit dem Rasierer abgeschoren.

Ihr scheint ein recht bunter Haufen, mit ganz unterschiedlichen Biografien, zu sein. Inwiefern kann eure Musik davon profitieren?

Jan: „Ich glaube unsere Musik profitiert davon nicht, wir sind eher damit beschäftigt, diese unhandliche Masse zu pürieren und genießbar zu machen. Nein, ich denke diese Mischung gibt dem rockigen Grundgerüst ein bisschen was Lockeres, Grooviges, auch durch Leos Hang zum Hip Hop und Jazz. Schnulzige Melodien kommen durch Levis Vorliebe für Franko-Italo-Chansons und Volksmusik. Etwas Tanzbares kommt vielleicht durch meine Liebe zu elektronischen Drumsounds.“

There Is A New Gang In TownWoher auch immer sie kommen mag, aber die Stimmung der fünf Stücke auf Kameras Debüt-EP „There Is A New Gang In Town“ ist ein Konglomerat aus Kitsch, Pathos, Obskurität, Rührseligkeit und Burschencharme. Was sich seit der ersten Bandzusammenkunft, nach der dem Trio übrigens ihr eigens mitgebrachter Bassverstärker geklaut wurde, entwickelt hat, überzeugt durch eine Tiefe, die der „Null Bock“-Generation sonst gerne abgesprochen wird. Doch warum sollten Menschen, die in einem technisierten und rasend voranschreitenden Zeitalter heranwachsen, weniger zu erzählen haben als ihre Mütter und Väter, Großmütter und Großväter? Kamera schreien sich demnach bei „Karyl [Not To Put Too Much]“ schon mal die Seele aus dem Leib und erinnern beiläufig an die Anfänge von Muse, als die noch mehr waren als ein glatter Stern am Pophimmel. Es ist ein neuer Weltschmerz, eine neue Bitterkeit zu der sich Kamera bekennen und derer sie ungeachtet von gesellschaftlichen Ideologien folgen. Auch der Opener „Keeno [Will Scare You.]“ beschreibt, nebst seiner verzerrten Soundästhetik, eine düstere Vision der Gegenwart, in deren Innersten jedoch Hoffnung keimt. „Erased [Into This, I Tried – I Really Did]“ schließt sich an und wabert mysteriös durch den Raum, entfernt sich kurz und durchfährt dann als markanter Stich Mark und Bein. Wenn eine Truppe vierzigjähriger Postrocker mit Stücken wie „Kapla [8.50]“ oder dem filigransten der Titel von „There Is A New Gang In Town“, „Katth“, um die Ecke kommen würden, wäre das die Wiederauferstehung eines längst vergessenen und weltumwühlenden Genres.  Kamera sind beim Release ihrer ersten EP jedoch gerade einmal Anfang zwanzig und zeigen vielen Branchenopas, wo der melodische Hammer hängt. Etwas zu sagen zu haben, knüpft sich eben an keine Altersgrenzen.

Wovon erzählen die fünf Stücke thematisch?

Jan: „Von dem Buchstaben K. Das kann für alles stehen, also zum Beispiel für KANN oder KAMERA oder KARMA oder KASTANIENBAUM, aber eigentlich sind alle Lieder auch Liebeslieder, weil wir alle furchtbare KUSCHELSOFTIES sind.“ Levi: „Naja, da sie über einen längeren Zeitraum geschrieben wurden, fließt da viel mit ein. Damals beschäftigten mich vor allem Gedanken zur Vergänglichkeit und Liebe.“

Nachdem Kamera das letzte Foto zu „There Is A New Gang In Town“ geschossen haben, verabschieden sie sich von ihrem Bandnamen. Fortan ziert Mekka das Songskizzenbuch.

Kamera war ja nicht direkt das jetzige Projekt. Der neue Name ist gewählt, weil wir das Gefühl hatten, dass die Musik jetzt ganz anders ist und sie ein Neuanfang für uns war, auch hier in Berlin. Kamera hatten wir damals gewählt, weil wir schnell einen Bandnamen für die Veröffentlichung der EP gebraucht haben und Levi meinte, dass wir doch alle Kameras ganz gern haben. Was Besseres ist uns dann auch nicht eingefallen.

Und so kommen wir zurück zum Beginn dieses Artikels. Im Lichtermeer von Berlin gestrandet fanden Jan, Levi und Leo ihre ganz eigenen Geschichten zwischen all den historischen Schauplätzen der ehemals geteilten Stadt. Sozusagen ihr eigenes Mekka, an dem sie ihren Gedanken und Ideen frönen konnten.

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Was macht Berlin attraktiv für musikalischen Nachwuchs?

Jan: „Im Winter ist es immer ganz dunkel und grau. Da bekommt man Depressionen und hat schlechte Laune, das ist dann die perfekte Stimmung, um melancholische Musik zu schreiben.

Levi: „Zum einen ist der Lebensstandard hoch, die Preise hingegen aber relativ niedrig. Zum andern lernt man viel mehr interessante Menschen kennen und erlebt an einem durchschnittlichen Tag viel mehr als in der Provinz.“

An einen neuen Bandnamen knüpfen sich schnell Erwartungen und Hoffnungen. Für viele Musiker bedeutet jener schließlich die persönliche Identität, das Selbstbild oder die künstlerische Aussagekraft.

Mekka, dahinter stecken ein M, dann ein E und zwei K, vielleicht noch ein A. Sonst auch Mecker, MC A, Me K.A. und ‚Meine Euphorie Kommt Kaum Absurd‘. Außerdem steht der Name für ein Ziel, für einen Traum, für das Glück, für die Romantik, Hans Wild, einen Ort, der ein Zentrum ist und das bietet, was jemand für sich erwartet. Er steht für alles und für nichts.

Was aber nun, wenn die Umbenennung zum Scheitern führt? Wenn plötzlich die ersten zarten Fanbande ins Leere verlaufen, weil der Wechsel für Interessierte nicht wahrnehmbar war? Ein Risiko, das man eingehen muss, wenn man sich entscheidet, eine neue Flagge über dem eigenen Schiff zu hissen. Mekka haben sich zudem mit ihrer zweiten EP aber selbst noch ein wenig „Glück“ zur Seite gestellt.

Mekka_credit_LeniElbert_AlbumCover_lores„Glück“ ist die erste EP, die ihr als Mekka veröffentlicht habt. Inwieweit seht ihr selbst eine Entwicklung in diesem Release?

„Unseren alten Liedern haftet etwas Schweres, Dunkles an. Das neue Material ist optimistischer, frühlingshafter. Levi ist nicht mehr so traurig, weil er endlich neue Synthesizer hat.“

Tatsächlich streifen Mekka für das mit zwei Stücken versehene Werk, zumindest auf akustischer Ebene, den Mantel der Gewichtigkeit ab. Gelockert geht es in Richtung Synthie Pop, vorbei an Bands wie The Notwist, Phoenix oder Zoot Woman. „Kalim“, ein Track, der von Geheimnissen, Erinnerungen und dem Nahost-Konflikt erzählt, holt den Hörer an der Schwelle zwischen Traum und Wirklichkeit ab und geleitet ihn behutsam in ein beschauliches Refugium. Sanft umspielt der Song die Gedanken, benetzt die Sinne und weckt den Wunsch nach Harmonie und einem friedlichen Gleichgewicht. Sein Nachfolger „Zorba“ knüpft nahtlos an und wirkt doch gleichzeitig noch transzendenter als „Kalim“.

Worum geht es thematisch bei „Zorba“?

Levi: Naja, kennt ihr das Buch oder den Film „Alexis Sorba“? Ein Meisterwerk! Der Film jedenfalls. Den hab ich im Flieger mal geguckt und die besten Zitate rausgeschrieben.

Was versteht ihr persönlich denn unter Glück?

Jemand hat mal gesagt ‚Verlange nicht, dass alles so kommt, wie du es willst. Begnüge dich mit dem, was geschieht, und dein Leben wird glücklich sein.‘

Irgendwie scheinen Mekka genau dieser Weisheit zu folgen. Im Zentrum des Dschungels aus Newcomerbands, die alle krampfhaft versuchen, sich zu behaupten, atmen Jan, Leo und Levi ganz genüsslich ein und lassen sich mit dem Wind treiben. Anstatt ängstlich und panisch zu reagieren, weil hinter jeder Ecke der lang ersehnte Ruhm warten könnte, schreiten sie mit Neugier durch die Gegend und betrachten das Business eher nüchtern. Auf die Frage, wie man denn die eigene Bekanntheit steigern wolle, antworten die Herren zum Beispiel ironisch lächelnd, dass es bei Youtube gute Tutorials zu finden gäbe, die einem erklären, wie man schnell auf über 10.000 Soundcloud-Klicks kommt. Ansonsten sei aber auch Ebay eine lohnende Fundgrube für gekaufte  Facebook-Likes aus Taiwan und Indien.

Viele Künstler beschweren sich über die heutigen Zustände, was das Konsumentenverhalten und die Labelpolitik angeht. Könnt ihr euch da anschließen?

„Nein, wir sind keine Menschen, die sich beschweren. Wir machen es einfach anders und freuen uns darüber, dass Menschen unsere Musik hören, auch wenn sie nichts dafür bezahlen. Außerdem haben wir mit BeatBude ein tolles Label, das sich auch nicht beschwert und uns glücklich machen will.“

In der Ruhe liegt die Kraft. Gerade erst sind Mekka von ihrer ersten richtigen Tour zurück in die heimischen Wohnzimmer gekehrt und ziehen eine wirklich positive Bilanz. Das Dreiergespann kann nach zahlreichen Shows, die sie gespielt haben, tatsächlich ein Plus in der Kasse verzeichnen. Dass das einem Ritterschlag gleicht, scheint der Band dabei gar nicht allzu bewusst zu sein. Immerhin kämpfen selbst wesentlich bekanntere Acts wieder und wieder darum, nicht in einem finanziellen Disaster zu enden, wenn sie sich aufmachen, um die Bühnen der Welt zu erobern.

Bitte teilt uns eine schöne Erinnerung aus einem eurer Konzerte mit uns!

Levi: „Einmal haben ein Paar Leute nach dem letzten Lied geklatscht und Zugabe gerufen. Das war der Moment, da wir wussten, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt.“

Mekka haben Blut geleckt. Im Sommer wollen sie eine neue EP auf den Markt bringen, um dann im Herbst erneut auf Tour zu gehen. Ein Album brauche es dazu aber nicht, da sind sich die Jungs einig. Es mache einfach viel mehr Spaß, regelmäßig neue Sachen veröffentlichen zu können, wie es in der elektronischen Musikszene unter anderem gang und gäbe sei. Dann heißt es nun also abzuwarten, bis uns Mekka mit ein paar neuen Glanzstücken überraschen werden.

Was würdet ihr unseren Lesern gern abschließend noch mitteilen?

Kommt zu unseren Konzerten, kauft alles, was wir haben, und macht uns reich!

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Kultverdächtig

Warum stechen nun ausgerechnet Mekka aus den Wellen an Nachwuchsmusikern hervor, die regelmäßig den Wasserstand der Spree ansteigen lassen? Nun, vielleicht weil sie verstanden haben, dass Berlin es gerne etwas gemächlicher angeht und eine ausgeprägte Schwäche für Zynismus und Sarkasmus hat. Wer sich davon abschrecken lässt, der hat leider schon verloren. Mekka wirken ungebunden, kreativ und allem voran nicht auf den Kopf gefallen. Die Türen von Kultmucke werden für sie definitiv auch zukünftig weit offen stehen.

Gewinnspiel

Wie es sich für richtige Musiker gehört, veröffentlichen Mekka am liebsten auf Vinyl. Jeweils ein signiertes Exemplar der 12″ „There Is A New Gang In Town“ und der 7″ „Glück“ könnt ihr gewinnen, wenn ihr eine Mail mit dem Betreff „Mekka“, bis spätestens kommenden Dienstag, den 22.04.2014, an martin@kultmucke.de schickt.

Interessante Links

„Glück“ bei Bandcamp kaufen

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