Liebesbriefe an die Unvollkommenheit

In Musik by Martin

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Im Alter von 16 Jahren begann Joseph Mount wie wild mit allerhand elektronischer Klangschnipsel herumzuexperimentieren. Dass der junge Brite dabei einen ganz eigenen Zugang zur Welt der Harmonien und Melodien fand, sprach sich in Branchenkreisen schnell herum und so wurde er zum gefragten Live-Act. Allein auf der Bühne zu stehen, entsprach dabei jedoch nicht den Vorstellungen Mounts und in der Konsequenz bat er zwei alte Schulkameraden, ihn bei seinen Zukunftsplänen zu unterstützen. Aus der One-Man-Show Metronomy wurde ein lässiges Trio, welches gemeinsam das von der Kritik hochgelobte Album „Nights Out“ (2008) veröffentlichte. 2012 folgte mit „The English Riviera“ der internationale Durchbruch. Während der Entstehungsgeschichte jener Platte veränderte sich die Bandbesetzung erneut und wuchs zum Quartett an. Für „Love Letters“, den neusten Geniestreich Metronomys, blieb nun jedoch erstmalig alles beim Alten. Zusammen erschufen Joseph Mount, Oscar Cash, Anna Prior und Olugbenga Adelekan ein Album, das man klangtechnisch vielleicht gar nicht erwartet hätte.

Joseph15979HDNachdem „The English Riviera“ vollgepackt war mit funkelnden Indietronica-Hymnen, die sich gut im Stroboskoplicht eines jeden Nachtclubs machten, zieht es Metronomy mit „Love Letters“ unter den freien Himmel. Schon der Opener „The Upsetter“ begeistert durch seine feinen Gitarrenakkorde und sensiblen Gesänge, die sich, auch aufgrund der recht rau wirkenden Produktion, einen sehr ungebundenen Geist bewahren können. „Love Letters“ lebt von seiner Unfertigkeit. Viele der Songs wie „Monstrous“ oder „The Most Immaculate Haircut“ klingen nach Demos, die irgendwann zwischen Bandprobe und dem Engagement auf einem Dorffest aufgenommen wurden. Im Hintergrund rauscht und knistert es, hier und da geht die eine oder andere Note etwas daneben, und doch ist es genau das, was die Platte zu einem wohltuenden Ohrenschmaus macht. In einem Interview verriet Mount dem Guardian, dass er durchaus auch mit dem Produzenten Flood (U2, The Killers, Editors) für „Love Letters“ hätte ins Studio gehen können, dass er aber stattdessen ganz bewusst den leicht heruntergekommenen Charme der Londoner Toe Rag Studios auserkor, um dort die zehn Songs für das neue Album lebendig werden zu lassen. In jener uncleanen Atmosphäre entfalteten Metronomy schließlich ein Potenzial, das schon lange in ihnen geschlummert haben, jedoch aufgrund des Hypes um sie, wohl etwas in Vergessenheit geraten sein muss. Der titelgebende Track „Love Letters“ wird zum Beweis für die Vernarrtheit Metronomys, sich mit vollem Herzen der Leidenschaft für retroeske Soundästhetiken hinzugeben. Als würden die Supremes im Hintergrund singen wagt das Stück eine Stippvisite in den musikalischen 60ern und 70ern. Etwas psychedelischer wird es dann bei „Month Of Sundays“, wohingegen „Reservoir“ als Strauß bunter Jahrmarktstöne daherkommt. Auch das herrliche „Never Wanted“, das „Love Letters“ beschließt, besticht durch seinen einzigartigen Charme. Magisch, schlicht, wundervoll. Bewertet man nun nachträglich die Single „I’m Aquarius“ als Vorboten für „Love Letters“, muss man doch erstaunt feststellen, dass der Song dem Charakter der Platte absolut nicht gerecht werden kann. Im besten Fall versteht man ihn als Brücke zwischen „The English Riviera“ und einem karrieretechnischen Wagnis, das Metronomy mit „Love Letters“ definitiv eingegangen sind. Es bleibt abzuwarten, wie die breite Masse reagieren wird.

Steckbrief

Künstler: Metronomy

Musiklabel: Warner Music

Veröffentlichung: 07.03.2014

Mucke:  Indietronica, Synthie-Pop, Retro-Pop, Lo-Fi

Hitverdächtig: “Love Letters”, “Month Of Sundays”, “Never Wanted”

Klingt nach: Einer Fusion aus klassischem Songwritertalent und der Liebe zur Unvollkommenheit. Authentizität ist in Zeiten wie diesen ein geradezu inflationär verwendeter Begriff, wenn es darum geht, die Hinterlassenschaften vieler Musiker zu beschreiben. Nur was macht wahre Authentizität aus? Wenn ein gefeiertes, vielversprechendes Nachwuchstalent sich am vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere dazu entscheidet, alle ihm offerierten Angebote auszuschlagen, um stattdessen dem eigenen Instinkt zu folgen und ein Album voller Ecken und Kanten zu produzieren, dann könnte dies dem schon sehr nahe kommen. 

Tanzbar? Zieht die Schuhe aus und sucht Kontakt zum Boden. Mit nackten Füßen tanzt es sich besser, wenn „Love Letters“ seine Runden auf dem Plattenspieler dreht. Vermutlich das Abspielgerät, welches den analogen Flair der Platte am besten zu unterstützen weiß.

Kult: Metronomy waren bereits vor „Love Letters“ zur Kultband auserkoren worden. Nun verdeutlichen sie, dass eine Portion Understatement und Gelassenheit schnell zum sprichwörtlichen Tüpfelchen auf dem „i“ werden kann, auch wenn das Wort „Kultband“ diesen Buchstaben gar nicht erst enthält. Es ist erstaunlich zu sehen und zu hören, wie Truppe aus Großbritannien es immer wieder schafft, die an sie gestellten Erwartungen komplett umzuwerfen und gleichzeitig dennoch dafür zu sorgen, dass die Liebe zu ihnen ungebrochen bleibt. Letztendlich scheinen Liebesbriefe wohl auch 2014 nichts von ihrer unerschütterlicher Anziehungskraft verloren zu haben.

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