Ein unvergesslicher Konzertabend mit Missincat und Hundreds

In Berlin by Martin

Es klingt per se schon nach einem Experiment, ein Konzert beziehungsweise dessen Beginn für 19:30 Uhr anzusetzen und zu glauben, dass das im Warten oft stark strapazierte und deswegen meist unpünktliche Berliner Publikum wirklich rechtzeitig erscheinen würde. Am gestrigen Abend läutet die Glocke, nein, kreischt die schrille Klingel des Hebbel Am Ufer jedoch genau zu dieser Zeit durch die Korridore und bittet um Eintritt in den Saal des charmanten Theaters – und kaum ein Platz bleibt leer. Kein Wunder, steht doch ein ganz besonderer Abend auf dem Programm.

Eröffnet wird dieser von der Italierin Caterina Barbieri, die als Missincat bereits seit Jahren unsere Hauptstadt unsicher macht und zu einer echten Bereicherung für die hiesige Independentszene wurde. Mit der Gitarre in der Hand und vielen flotten Sprüchen auf den Lippen schafft es die blonde Schönheit binnen kürzester Zeit, die Aufmerksamkeit der Konzertbesucher für sich zu gewinnen, sodass diese ihr gebannt zuhören und sich von ihren süßlichen Harmonien verzaubern lassen. In der Folge rauschen Songs wie „Pirates“, „Bitter“ oder „Wolf In A Sheepskin“, gleich einer Frühlingsbrise, vorbei und hinterlassen eine wohlige Wärme im Herzen. Die Stücke entstammen allesamt dem bald erscheinenden, dritten Album Missincats, das den Namen „Wirewalker“ trägt. Nachdem die Songwriterin allerhand Gesänge, Percussions und interessantes Klimbim durch die Loop Station geschickt hat, beschließt sie ihren Teil der Show mit einer sehr intimen Version ihres Hits „Capita“. Begleitet wird sie dabei von Philipp Milner, noch bevor dieser gleich mit seiner Schwester Eva die Bühne als Hauptact entern wird.

Es bedarf nur einer recht kurzen Umbauphase und schon wird die Bühne in ein sattes Orange getaucht, vor dem sich die Instrumente wie Scherenschnitte abzeichnen. „Tame The Noise“ ist das Motto der aktuellen Tour des Geschwisterpaars Milner alias Hundreds. Dass die beiden Hamburger gerne einmal außergewöhnliche Wege innerhalb ihrer Karriere beschreiten, haben sie schon oft bewiesen – die aktuelle Konzertreise stellt dabei allerdings selbst Projekte wie das Coverspektakel „Variations“ in den Schatten. Als mutige Soundbändiger haben es sich die Hundreds nicht nehmen lassen, nach dem Erfolg ihrer letzten Tour, noch einmal ins Scheinwerferlicht zurückzukehren und ihre Songs in einem abgespeckten, deutlich akustischeren Gewand zu präsentieren.

Allein betritt Philipp die Szenerie, setzt sich ans Klavier und spielt ein intimes Intro für das großartige „Ten Headed Beast“. Kurz darauf folgt ihm Eva barfüßig. Als sie zu singen beginnt, wird eins klar: Die Stimme darf in den kommenden 90 Minuten im Vordergrund stehen. Gerahmt wird der gestochen scharfe Gesang Evas dabei durch akzentuierte Kompositionen, die sich auf die Stärke ihrer Melodien und die Wucht ihrer Beats verlassen. Gänsehautwellen jagen durch die Menge. Vielleicht ohne es zu wissen, liefern Hundreds den Beweis dafür ab, dass es sich bei ihnen um wahrhaftige Musiker handelt – jene, die es verstehen, ihre Songs für sich sprechen zu lassen und die keinerlei Angst davor haben, eingefahrene Muster zu durchbrechen. Unterstützt von Florian Wienczny, ebenfalls Drummer bei Yesterday Shop, und einer phänomenalen visuellen Untermalung liefern die Hundreds einen der prägnantesten und beeindruckendsten Konzertabende seit Langem ab. Neben einer ausgewogenen Mischung aus Stücken des selbst betitelten Erstlingswerks „Hundreds“ und dem Nachfolger „Aftermath“, allesamt neuartig interpretiert und teilweise einer herrlich aufregenden Verfremdung ausgeliefert, führen auch Coverversionen von Björks „Who Is It“ und Blacks „Wonderful Life“ dazu, dass sich das Publikum am Ende von seinen Sitzplätzen erhebt und dem Trio frenetisch zujubelt.

CHAPEAU!

Fotos © by Claudia Till