Kultverdächtig: Monophona

In Musik by Martin

Ein Song besteht aus Hunderten von Spuren, Tausenden von Einzelteilen. Wie ein Puzzle liegen diese meist zerstreut umher und benötigen jemanden, der sie behutsam miteinander verbindet. Dieser jemand ist der Musiker. Mit seiner Kreativität als Konstruktionsplan und seinem Talent als Kleber fügt er zusammen, was zusammengehört. Je ausgeprägter dabei sein Sinn für Präzision, umso eindrucksvoller klingt dann oft auch das Ergebnis dessen, was seine Arbeit hervorgebracht hat. “Kultverdächtig” ist stets auf der Suche nach begabten Soundbastlern. Wie wild durchstöbern wir die Werkstätten der Labels und sind dabei unter anderem auf eine sehr interessante Band aus Luxemburg gestoßen: Die Zwielichtgestalten von Monophona.

Schwarz, weiß, grau

Monophona71Was bedeutet Musik für euch?

Claudine: Für mich bedeutet Musik eine Ausdrucksmöglichkeit, da ich eher schüchtern bin und mich in Gesellschaft immer unwohl fühle. In der Musik habe ich einen Weg gefunden, doch irgendwie meine Existenz auf diesem Planeten zu rechtfertigen.

Chook: Musik ist schon immer ein fester Bestandteil meines Lebens gewesen. Sie ist für mich die beste Art und Weise, Gefühle auszudrücken. Musik hat mich noch nie im Stich gelassen.

Chook ist DJ, Claudine spielt in einer Folkrockband. Beide sind in völlig unterschiedlichen akustischen Welten zu Hause und doch eint sie die Liebe zur Musik. Eines Tages bittet Chook Claudine um ein paar Vocals, um mit diesen ein wenig herumexperimentieren zu können. Schnell ist er überwältigt von der zarten und gleichzeitig enorm ausdrucksstarken Stimme seiner Kollegin. Er spürt, dass er gern ein Stück gen Zukunft mit ihr gehen möchte. Doch wie lassen sich zwei scheinbare konträr zueinanderstehende Genres kombinieren? Indem man keine Fragen stellt, sondern sich unverkopft jener Herausforderung stellt.

“You Are All You Have” ist der inoffizielle Startschuss für das Projekt Monophona. Zwar ist der Track noch klar im Drum’n’Bass verortet, der typisch für die Arbeiten von Chook ist, nur infiltriert Claudines Gesang im selben Moment die elektronische Tanzmusik, als wäre er nie für etwas anderes bestimmt gewesen. Schon machen die harten Beats Platz und verbeugen sich ehrfurchtsvoll vor der neu aufkommenden Fragilität und Leichtigkeit. Diese Kombination bewährt sich und Claudine und Chook beschließen, ihr Potenzial unter einem gemeinsamen Banner zu vereinigen.

Claudine: “Das Neue war eigentlich, dass mit Monophona auch eine neue Arbeitsweise verbunden war. Songs entstanden nicht mehr auf die klassische Art und Weise und ich musste alte Gewohnheiten und Automatismen ablegen, was das Schreiben anging. Das hat eine Menge frischen Wind gebracht und war eine Bereicherung.”

DSC_0607In ihren Werken verlassen sich Claudine und Chook seitdem auf eine klare Arbeitsteilung. Während das Hauptaugenmerk der Sängerin auf den Melodien und Texten liegt, stürzt sich Chook auf die Ummantelung dieser mithilfe verschiedenster Sounds. Quasi als eine Art Akzentuierung, die den Stücken einen ungewohnten Charakter verleiht – irgendwo zwischen Heimlichkeit und verhangener Spritualität.

Weshalb habt ihr euch für Monophona als Bandnamen entschieden?

“Wir haben über sechs Monate lang gesucht und dabei festgestellt, dass es fast jeden erdenklichen Bandnamen bereits gibt. Der Klang des Namens Monophona gefiel uns gut und er passt auch zur Musik, finden wir.”

Monophonie steht im musikalischen Sinne für die Einstimmigkeit. Tatsächlich fusionieren die unterschiedlichen Auffassungen und Ansichten der beiden Luxemburger derart gut miteinander, dass sie in der Konsequenz einen einzigen, in sich geschlossenen, Mikrokosmos zu erschaffen in der Lage sind. Melancholisch, düster und undurchsichtig.

Wenn das Ziel klar ist, dann ist es auch möglich, mit verschiedenen Mitteln daraufhin zu arbeiten.

Man stelle sich vor, man stehe auf einer vom Licht beschienenen Wiese. Die Sonne wärmt noch im Rücken, während man in Richtung eines angrenzenden Waldes schreitet. In dem Moment, in dem man die Grenze zwischen dem duftenden Gras und den wuchernden Bäumen, deren Kronen jedwede Helligkeit verschlucken, hinter sich gelassen hat, wird es plötzlich eisig kalt. Sofort kriechen dicke Schatten von den Füßen über die Brust bis hoch zur Kopfhaut und lassen die eben noch gespürte Hitze verpuffen. Monophonas Musik bietet den perfekten Soundtrack für jenes Schauspiel. Sie ist im Halbdunklen geboren, irgendwo zwischen Schwarz und Weiß. Anmutig manövrieren Monophona ihre Songs durch die verschiedensten Grautöne und hauchen dabei der Leblosigkeit Farbe ein.

Inwiefern macht sich eure unterschiedliche akustische Vergangenheit nun bei Monophona bemerkbar?

Chook: “Ich habe früher elektronische Dancefloor-Musik gemacht, in der sich das Format der Arrangements meist sehr ähnelte. Durch die Arbeit mit Claudine wurde diese Routine aufgebrochen und es sind Sachen entstanden, auf die ich sonst nie gekommen wäre. Ich denke, dass es für Claudine ähnlich war. Von daher hat unsere unterschiedliche Vergangenheit nur Positives mit sich gebracht.”

monophona_thespy_coverAllerhand Gründe dafür, dass Chook mit seiner Aussage goldrichtig liegt, hält Monophonas Debütalbum “The Spy” bereit. Die Platte entstand über einen Zeitraum von zwei Jahren, innerhalb derer sich die beiden Soundtüftler wie wild ihre Ideen per Dropbox zusandten. Irgendwann waren dann 13 Songs zusammengetragen, die allesamt durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden zu sein scheinen und doch gleichzeitig zahlreiche überraschende Wendungen für den Hörer bereithalten. Die Fusion aus der Künstlichkeit computergenerierter Texturen und dem authentischen Einsatz akustischer Elemente macht den Reiz von Tracks wie dem Albumopener “Cracks” oder seinem Nachfolger “Let Me Go” aus. Selten hat man etwas gehört, dass auch nur annähernd an die Eigenständigkeit von Monophonas Stücken heranreicht. Etliche Künstler rühmen sich zwar immer wieder gern mit den hippsten und skurrilsten Wortneuschöpfungen, um ihre akustischen Hinterlassenschaften zu beschreiben, doch können die daran gebundenen Versprechungen meist nur wenigen Takten standhalten. Bei Monophona ist das anders. Claudine und Chook sind zurückhaltend und maßen sich in keinster Weise an, das auditive Rad neu erfunden zu haben. Doch schaffen sie es, ihr Publikum in ein Paralleluniversum mitzunehmen, das seinesgleichen sucht. Auch der Song “Give Up” stellt zur Schau, wie tief die Kreativität Monophonas schürft, bis sie schließlich den Nerv der Verletzlichkeit einer jeden Person getroffen hat.

Worum geht es bei “Give Up”?

Claudine: “Es geht um eine bestimmte Person, die mir über Jahre immer wieder sagte: ‘Du kannst das nicht’. Am Ende hatte sich mein Selbstbewusstsein dann tatsächlich voll und ganz verabschiedet und ich konnte nichts mehr anfassen, ohne nicht endlos daran zu zweifeln. Bis ich verstand, dass diese Person eigentlich nur wollte, dass ich ihr endlich erlauben würde, aufzugeben. Denn da wir zusammenarbeiteten, forderte ich jedes Mal, wenn ich etwas von mir forderte, auch etwas von ihr. Und eigentlich wollte sie nur ihre Ruhe und ohne Stress das tun, was sie schon immer getan hatte. Vielleicht hatte sie recht und ich kann wirklich vieles nicht, aber ich möchte es wenigstens weiterhin versuchen dürfen. Mit diesem Lied habe ich mich aus dieser unangenehmen Situation verabschiedet.”

Wenn man die CD-Version von “The Spy” öffnet, gibt die schwarze Einlage der Verpackung, den Rohling aus ihrem dunklen Inneren frei – ja, entlässt ihn geradezu aus der Finsternis. Eine wirklich schöne Spielerei, die für ein erstes Gefühl der Begeisterung sorgt, noch bevor Songs wieWarrior”, das titelgebende “The Spy”, über das Claudine übrigens sagt, dass es von seinem Aufbau fast einem Theaterstück gleiche, oder das sehnsüchtige “Still” den Verstand umspülen können. Mal verspielter (“Unfold”) und dann wieder ernsthaft und fast pessimistisch (“Quiet”, “Ribcages”) präsentiert sich die Platte, bis “The Boy” zum scharfkantigen Höhepunkt avanciert. Der Song kratzt auf dem Trommelfell, schlägt auf die Gehörknöchelchen und versetzt sämtliche Sinneshärchen in heftige Schwingungen.

Claudine: Ich glaube, dass ein wenig Düsternis der Musik ganz gut tut, da sie immer auf der Kippe steht und wir schon aufpassen müssen, dass wir nicht Gefahr laufen, in zu flauschige, harmlose Sphären abzudriften.

Eine Angst, die nicht wirklich berechtigt zu sein scheint. Einzig “Sleep” und das reprisenartige “Humming”, also jene Tracks, die “The Spy” final beschließen, transportieren einen Hauch von Sanftmut, den es aber auch braucht, um mit dem Gefühl des Gefangenseins, auf dem das Album gründet, zurücklassen zu können.

Monophona

Würdet ihr nachträglich etwas an “The Spy” verändern wollen?

“Vielleicht würden wir ein paar Songs weglassen. Nicht weil wir sie nicht mögen, aber einige Leute haben angemerkt, das Album sei ein wenig zu lang. Wir glauben, dass sie recht haben. Das Nächste wird auf jeden Fall kürzer.”

Immerhin haben Monophona dadurch genug Songs, um damit Konzerte zu spielen, die diesen Namen auch verdienen.

Der Schwerpunkt liegt definitiv auf unserer Musik. Wir machen keine Riesen-Show mit Pyrotechnik und fünfzig Tänzern auf der Bühne. Wir spielen die Musik, die wir von Herzen geschrieben haben.

Da es Claudine und Chook dabei von Anfang an wichtig war, die Vielschichtigkeit ihrer Werke nicht einbüßen zu müssen , holten sie sich schließlich einen dritten Mann an ihre Seite. Den Schlagzeuger Jorsch.

“Wir haben sehr lange daran gebastelt, wie wir unsere Musik auf der Bühne umsetzen sollten, da sie doch eher intim ist. Jorsch bringt eine Dynamik ins Set, die man eben nur durch einen ‘richtigen’ Schlagzeuger erreichen kann. Des Weiteren strahlt er auf der Bühne so viel Spielfreude aus, dass ihn ein Zuschauer beim Eurosonic Festival mal so ansprach: ‘You’re the happiest drummer I have ever seen.'”

Mit diesem glücklichen Schlagzeuger an ihrer Seite zieht das ehemalige Duo seitdem seine Kreise und hinterlässt rätselhafte Klanggebilde, die vielleicht niemand je ergründen können wird. Ein weiteres gesellt sich nun dazu, denn wie alle “Kultverdächtig”-Künstler griffen auch Monophona zu ihren Instrumenten, Soundprogrammen und Mikros, um uns mit einem Song für unsere Coverplaylist zu erfreuen. Die Wahl fiel auf “Head And Heart” des verstorbenen britischen Musikers John Martyn.

Claudine: “Als ich John Martyn zum ersten Mal gehört habe, da dachte ich, dass er eigentlich die fast perfekte Kombination aus allem ist, was mir an Musik gefällt. Ich mag seine Stimme, sein Gitarrenspiel und auch die Jazzeinschläge in seinen Songs. ‘Head and Heart’ ist eines meiner Lieblingslieder. Was das Gitarrenspiel angeht, ist er ohne Zweifel meine Hauptinspirationsquelle.”

Feinfühlig überziehen Monophona John Martyn’s “Head And Heart” mit der für sie charakteristischen tonalen Ästhetik und hüllen das Stück in einen feinen, elektrifizierten Nebel.

Wir sprachen viel über eure verschiedenen akustischen Backgrounds. Gibt es denn aber auch geteilte Vorlieben?

Ja, bei verschiedenen Bands sind wir uns alle einig. Fink vor allem. Jono McCleery, Daughter, Bon Iver und Sóley gehören auch dazu. Manchmal überraschen wir uns auch. Mir gefällt zum Beispiel die letzte Platte von Jon Hopkins, während ich schon verblüfft war, als Chook mir begeistert von Agnes Obel erzählte.

Kultverdächtig

Neben ihrer Karriere bei Monophona arbeiten Claudine und Chook als Lehrer in einer Ganztagsschule. Dort betreuen sie Teenager bei der Planung und Umsetzung musikalischer Projekte. Wie schön muss es sein, von zwei solch talentierten Künstlern lernen zu dürfen? Und auch Schlagzeuger Jorsch ist als Sozialarbeiter stets am Puls der Gesellschaft und verleiht diesem gern den passenden Beat. Wir ziehen unseren Hut für solches Engagement und wissen es gleichzeitig umso mehr zu schätzen, dass das Trio dennoch immer wieder Zeit findet, uns mit seinen außergewöhnlichen Songs in den Bann zu ziehen.

Gewinnspiel

Zwei handsignierte CDs von “The Spy” warten auf die Teilnehmer der abschließenden Verlosung. Um eure Chance auf diese nicht vorbeiziehen zu lassen, schickt bis spätestens kommenden Mittwoch, den 07.05.2014, eine Mail mit dem Betreff “Monophona” an martin@kultmucke.de. Viel Glück!

Interessante Links

“The Spy” bei bandcamp kaufen

Offizielle Website

Monophona bei Facebook

Soundcloud-Profil von Monophona

Fotos © by Joel Nepper