Kultverdächtig: Nicolas Huart

In Musik by Martin

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Ist das zu glauben? Mittlerweile haben wir im Rahmen von “Kultverdächtig” schon 32 verschiedene Bands und Solokünstler vorstellen dürfen. Alles Menschen, die mit vollster Passion, und ungeachtet dessen, ob sich es sich auch aus finanzieller Sicht für sie auszahlen wird, Musik machen. Mal extrovertierter und selbstbewusster, mal leiser und bedächtiger. Wir freuen uns über jedes einzelne Gesicht, das sich hinter den entsprechenden Artikeln verbirgt. Und wieder haben wir jemanden gefunden, der sich mit der Philosophie, die an “Kultverdächtig” gekoppelt ist, absolut identifizieren kann: Der bärtige Nicolas Huart.

Von den kanadischen Bergen in die deutsche Hauptstadt

Nicolas Huart by Susanne Erler (2)Was bedeutet Musik für dich?

Ich habe noch nie wirklich über die Bedeutung von Musik nachgedacht, eher darüber, wie sehr ich sie brauche. Ich werde sie einfach nicht los. Sie ist etwas, das ich tue, auch wenn das nicht immer leicht ist.

Nicolas Huart ist einer unter vielen, einer unter vielen in Berlin gestrandeten Musikern. Doch was macht ihn besonders? Was hebt ihn aus der grauen Masse hervor? Warum handelt dieser Beitrag von ihm und nicht demjenigen, der eventuell zwei Türen weiter im Friedrichshain wohnt? Immerhin wimmelt der Bezirk, der aktuell auch den gebürtigen Kanadier beherbergt, nur so vor Künstlern und jenen, die glauben, welche zu sein.
Vor ein paar Monaten landete eine Mail mit zwei, drei Songproben in unserem Posteingang. Routinemäßig wurde die angehängte Info gelesen und ein erster Link geklickt, um auch auf akustischer Ebene einen Eindruck von dem angepriesenen Talent zu erhalten. Und dann war es auch schon geschehen. Die Fragilität der Melodien, das kluge Understatement im Songwriting und eine Stimme, die Sanftmut und Stärke derart miteinander verbindet, dass Gänsehaut vorprogrammiert ist, all das führte zu der Entscheidung, Nicolas Huart unbedingt bei “Kultverdächtig” begrüßen zu wollen. Dass dieser Impuls genau der richtige gewesen zu sein scheint, beweist auch das Cover von Arcade Fire’s “My Body Is A Cage”, das Nicolas Huart exklusiv für Kultmucke eingespielt hat. Sensibel nähert sich Nicolas dabei der Überpräsenz eines Sängers wie Win Butler und macht sich den Track ganz behutsam zu eigen. Nach wenigen Takten ist dann die Erinnerung an das Original verblichen und eine friedliche Glückseligkeit macht sich breit.

Warum fiel deine Wahl auf dieses Stück?

“Ich mochte und respektiere Arcade Fire schon immer. Als ‘Neon Bible’ erschien, war ich völlig überwältigt. ‘My Body Is A Cage’ ist der finale Track auf der Platte und einfach brillant. Außerdem geht es mir meist genauso, wenn ich auf die Tanzfläche geworfen werde. Ich kann einfach nicht tanzen.”

Aufgewachsen in einem von seinem Vater erbauten Haus, an einem Talhang südlich von Montreal, greift der junge Nicolas Huart eines Tages beherzt zu einer Gitarre, die irgendwann einmal als Geschenk an die Familie gegangen war, jedoch keine weitere Verwendung fand, als dekorativ in der Ecke herumzustehen. Während Mutter und Schwester ihre Zeit hinter dem Piano verbringen, probiert sich Nicolas derart hartnäckig an dem Saiteninstrument aus, bis es ihm tatsächlich gelingt, diesem ein paar sinnvolle Melodien zu entlocken.

Kannst du dich noch an den ersten Song erinnern, den du geschrieben hast?

“Das kann ich und ich bevorzuge es, nicht darüber zu sprechen.”

Nicolas Huart by Susanne Erler (3)

Winter 2013 – Nicolas ist, nachdem er fünf Jahre in Leipzig verbrachte, in unsere Bundeshauptstadt übergesiedelt. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Webdesigner für deutsche und kanadische Musiklabels, wohingegen er all seine Freizeit nutzt, um als Songwriter aktiv zu sein. Das tut er allerdings schon eine ganze Weile. “Le Visage Dans Le Mains” (2006) und “Le Vanil Noir” (2007) sind erste Zeugnisse seiner Leidenschaft für das Singen und Komponieren.

Was kannst du zu den beiden Veröffentlichungen erzählen?

“Sie sind auf viele Arten recht verschieden. ‘Le Visage Dans Le Mains’ ist irgendwie autobiografisch und wurde in einem Studio, zusammen mit anderen Musikern, aufgenommen. Viele Leute waren in die Entstehung involviert. ‘Le Vanil Noir’ hingegen habe ich allein zuhause eingespielt und gemixt, nachdem ich von einem Trip in die Schweiz zurückgekommen war, wo ich zusammen mit einem Freund in den Alpen, in der Nähe eines Berges namens Vanil Noir, gearbeitet hatte. Ich wollte Geschichten erzählen, auch wenn es nicht meine, sondern die anderer Leute waren.”

PyramideVier Jahre nach dem Release von “Le Vanil Noir” erscheint mit “Pyramide” ein weiteres Album, das Nicolas in seiner Muttersprache Französisch verfasst hat. Das gibt ihm die Freiheit, seine Gefühle und Gedanken ungefiltert und rein in seine Songs einfließen zu lassen, erklärt der dunkelhaarige Sänger, wobei er auch zugeben muss, dass es nicht ganz so einfach sei, mit dem Schwung jener Mundart mitzugehen. Neun Stücke, darunter auch das kratzig-stopplige “Métaphysique”, welches von der Sinnessuche als Religion mit eigenen Regeln erzählt, reihen sich während einer halben Stunde Spieldauer aneinander. Obwohl die Folk-Chansons dabei auf tonaler Ebene eine gewisse Leichtigkeit transportieren, bezeichnet Nicolas Huart “Pyramide” als eher dunkle Platte. Immerhin ginge es in den Texten um Tod, unerfüllte Sehnsüchte, Seeungeheuer und UFOs – die akustische Lieblichkeit diene einzig als Kontrastmittel.

Welchem Genre fühlst du dich am meisten verbunden?

Dem Blues. Er kann fröhlich, melancholisch oder sexy sein. Er liefert eine sehr große Bandbreite an Stimmungen.

BlugeistWesentlich trüber als “Pyramide” präsentiert sich Nicolas Huarts letzte EP “Blugeist” (2013). Erstmals in seiner Solokarriere singt der Kanadier dabei komplett auf Englisch. Nicht zuletzt hat das zur Folge, dass die EP eine völlig neue Richtung im Schaffen des Wahlberliners einschlägt. “Blugeist”, deren Name übrigens auf den Traum einer ehemaligen Mitbewohnerin von Nicolas zurückgeht, entstand an einem einzigen kalten Winternachmittag.

“Ich wollte alles so simpel wie möglich. Und ein paar raue Kanten. Also wählte ich fünf Songs und drückte auf Aufnahme. Danach ergänzte ich noch ein paar Spuren und das war’s!”

Ob der gefühlsbetonte Opener “Eeta”, das rebellierende “Drake’s Window” oder auch das strahlend schöne “In My Blood” – die Tracks auf “Blugeist” profitieren in starkem Maße von der Einmaligkeit, derer sich Nicolas Huart bei der Entstehung unterworfen hat. Es sollte mehr solcher Platten geben.

Was gefällt dir am Musikmachen?

Ich mag es, aufgrund einer Zeile oder eines Gitarrenriffs aufgeregt zu sein. Diese Dinge eine Zeit in meinem Kopf zu haben und dann etwas daraus zu machen. Quasi das erste Publikum für einen neuen Song zu sein.

Als wäre eine Solokarriere noch nicht genug, sucht Nicolas Huart auch immer wieder die Auseinandersetzung und Kollaboration mit anderen Musikern. War es in den späten Neunzigern noch eine Punkrockband, bei der er seine Kreativität auslebte, verschreibt er sich 2010 mit Herz und Verstand dem Projekt Long Voyage. Gemeinsam veröffentlicht die Band, die hauptsächlich aus Freunden besteht, die gern zusammen auf der Bühne stehen, mehrere EPs und 2013 auch ein Album, das den Titel “Vertical” trägt. “Vertical” vereint gekonnt Elemente aus Folk, Pop, Country, Alternative und modernem Indie. Vor allem die letzten beiden Stücke, “Rocket Science” und “Displaced”, bleiben durch originelle Harmonien und eine beeindruckende Vielschichtigkeit im Gedächtnis.

Worin siehst du Vor- und worin Nachteile, Mitglied einer Band zu sein?

“Mit einer Band zu arbeiten ist oft eine Herausforderung, aber sehr entlohnend, wenn du erst auf der Bühne stehst. Solo zu spielen ist wesentlich leichter zu managen, aber es ist schwierig dieselbe Energie bei einem Konzert zu rekreieren.”

Nicolas Huart by Susanne Erler (4)

Kultverdächtig

Nicolas Huart ist ein ehrlicher Songwriter, der sich mit dem, was er zu Papier bringt, auseinandersetzt. Systematisch klopft er dabei akustische Fassaden ab, versucht ihre Schwachpunkte zu finden und die Strukturen dahinter freizulegen. Auf dieses rohe Gestein, das im übertragenen Sinne ein melodischer Fetzen oder ein paar erste Worte sein können, baut der Klangarchitekt seine Kompositionen auf. Grazil, wahrhaftig, kultverdächtig!

Gewinnspiel

Ihr wollt die volle Packung Nicolas Huart? Wir verschaffen sie euch! Beziehungsweise könnt ihr selbst eures Glückes Schmied werden. Schickt dazu eine Mail mit dem Betreff “Nicolas Huart” bis spätestens kommenden Mittwoch, den 13.08.2014, an martin@kultmucke.de und gelangt in die Lostrommel, aus der am Ende zwei Gewinner gezogen werden, die sich über signierte, und mit viel Liebe angefertigte CD-Exemplare von Nicolas Huarts “Pyramide”, der “Blugeist”-EP und Long Voyages “Vertical” freuen dürfen. Die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Interessante Links

Offizielle Website von Nicolas Huart

Bandcamp-Seite von Nicolas Huart

Nicolas Huart bei Facebook

Soundcloud-Profil von Nicolas Huart

Offizielle Website von Long Voyage

Long Voyage bei Facebook

Bandcamp-Seite von Long Voyage

Fotos © by Susanne Erler