Original Unverpackt

In Berlin, Geheimtippby Claudia

Käsescheiben in Folie, Limo in Aludosen, Shampoo in Plastikflaschen – bei jedem Einkauf produzieren wir Müll. Sara Wolf und Milena Glimbovski wollen das ändern. In ihrem Mini-Supermarkt verzichten sie auf jegliche Einwegverpackungen. Stattdessen können Kunden ihre eigenen Behälter mitbringen oder vor Ort leihen. Eine kleine Rebellion gegen Verschwendung. Kultmucke war für euch bei der Eröffnung von “Original Unverpackt” dabei.

Samstagvormittag, Kreuzberg gibt sich trübe und verschlafen. Vor einer unscheinbaren Ladenfront in der Wiener Straße 16 hat sich eine kleine Traube von Leuten versammelt. Einige quetschen sich in den brechend vollen Laden, andere kommen mit kleinen Papiertüten heraus. Sie werden von Journalisten abgefangen und befragt. Auch Fotografen, Radioreporter und sogar ein italienisches Fernsehteam belagern die Besucher. Im Mittelpunkt stehen Sara Wolf und Milena Glimbovski, die beiden Gründerinnen von Berlins erstem Unverpackt-Supermarkt. Sie posieren vor ihrem Schaufenster für die Fotografen.

Volles Haus in der Wiener Straße 16. Die Eröffnung von Original Unverpackt zieht Leute aus der ganzen Stadt an.

Volles Haus in der Wiener Straße 16. Zur Eröffnung von Original Unverpackt kommen Kunden aus der ganzen Stadt.

Schüssel drunter, Hebel ziehen und schon lassen sich Erbsen, Bohnen und Co. selbst abfüllen.

Schüssel drunter, Hebel ziehen und schon lassen sich Erbsen, Bohnen und Co. selbst abfüllen.

Woher kommt so viel Aufmerksamkeit für einen Tante Emma-Laden? Die Idee hinter Original Unverpackt ist radikal simpel und trifft den Nerv eines gestiegenen ökologischen Bewusstseins, vor allem unter Großstadtbewohnern. Sara und Milena haben Einwegverpackungen aus ihrem Geschäft verbannt. Pasta, Backpulver und sogar WC-Reiniger lagern in Gläsern, Fässern sowie Körben und müssen vom Kunden abgefüllt werden. Dafür liegen Papiertüten, Stoffsäckchen und wiederverwendbare Behälter bereit. Heute am Eröffnungstag drängen vor allem junge Berliner in den kleinen Laden, schütten Gummitiere oder Nudeln in mitgebrachte Dosen und stehen an der Kasse Schlange.

Die 24-Jährige Milena bedient die ersten Kunden ihres neu eröffneten Ladens.

Die 24-Jährige Milena bedient die ersten Kunden ihres neu eröffneten Ladens.

[quote]Zuletzt war ich Tag und Nacht hier[/quote]

Sara und Milena wuseln eilig zwischen Kunden, Mitarbeitern und Journalisten hin und her. Die ganze Nacht hindurch haben sie mit ihrem Team sowie freiwilligen Helfern die letzten Regale aufgebaut und eingeräumt. „Zuletzt war ich Tag und Nacht hier”, erzählt die 24-jährige Milena. „Die vergangenen Monate waren eine krasse Zeit. Ich glaube, das alles hat meine Beziehung ruiniert. Aber ich habe auch erkannt, wer meine echten Freunde sind.” Zwei Jahre hat es gedauert, bis aus der Idee ein gut bestückter Mini-Supermarkt wurde. Finanziert haben die beiden Berlinerinnen ihr Projekt mit Hilfe von Crowdfunding. Innerhalb weniger Tage hatte die Kampagne bereits tausende Unterstützer.

Nico hat die Crowdfunding-Kampagne unterstützt. Jetzt kauft er mit Julia verpackungsfrei ein.

Nico hat die Crowdfunding-Kampagne unterstützt. Jetzt kauft er mit Julia verpackungsfrei ein.

Einer der Förderer ist Nico. Bei der Eröffnung wollte der Potsdamer natürlich dabei sein. „Es ist ziemlich voll und deshalb nicht so ein richtiges Einkaufserlebnis. Aber der Laden gefällt mir”, sagt Nico. Zusammen mit Julia, seiner Begleiterin, hat Nico Pasta und Gemüse gekauft. Auch Julia wohnt nicht gleich ums Eck: „Ich komme aus Steglitz. Für den täglichen Einkauf ist das zu weit, aber für Dinge, die länger halten, lohnt sich der Weg.“

Auch Wein, Öl und Essig können Kunden selber zapfen.

Auch Wein, Öl und Essig können Kunden selber zapfen.

[quote]Das System ist auf jeden Fall praktisch, vor allem für kleine Portionen.[/quote]

Weiter hinten im Laden lässt Jana gerade Reis aus einem Spender rieseln. Die Neuköllnerin hat extra einen ausgewaschenen Joghurteimer mitgebracht, den sie zuerst an der Kasse wiegen musste. Beim Bezahlen wird sein Gewicht dann von der Ware abgezogen. „Das System ist auf jeden Fall praktisch, vor allem für kleine Portionen”, findet Jana. Individuelle Mengen statt XXL-Packungen ­­– so sollen weniger Lebensmittel im Abfall landen.

Jana aus Neukölln hat sich ihre eigenen Behälter mitgebracht.

Jana aus Neukölln hat sich ihre eigenen Behälter mitgebracht.

Etwa 350 Produkte bietet Original Unverpackt an, darunter auch Drogerie- und Kosmetikartikel. Das überschaubare Angebot soll sich bewusst von den großen Ketten mit ihrem Überangebot abgrenzen. Anne aus Friedrichshain ist das recht: „Das ist ja kein Discounter, hier gibt es eher spezielle Sachen.” Als Anne vom Konzept des Ladens gehört hat, hat sie zum ersten Mal wirklich darüber nachgedacht, wie viel Verpackungsmüll bei ihren Einkäufen anfällt.

Rund 350 Produkte haben Milena und Sara in ihr Unverpackt-Sortiment aufgenommen.

Rund 350 Produkte haben Milena und Sara in ihr Unverpackt-Sortiment aufgenommen.

[quote]Ich bin auf jeden Fall glücklich, … .[/quote]

Genau zu solchen Gedanken wollen die Gründerinnen von Original Unverpackt anregen. Milena strahlt zufrieden, wenn auch erschöpft: „Ich bin auf jeden Fall glücklich, dass heute so viele Leute da sind. Hoffentlich kommen die alle wieder“, sagt die 24-Jährige. „Ich freu mich aber auch, wenn die Eröffnung geschafft ist und wir schlafen können.“ Milena eilt weiter.

Das Team um Milena und Sara besteht mittlerweile aus 10 Mitstreitern.

Das Team um Milena und Sara besteht mittlerweile aus 10 Mitstreitern.

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