Kultverdächtig: Pascal Pinon

In Musik by Gastautor

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Wer kennt sie nicht, die Märchen von der kleinen, unscheinbaren Tänzerin, die zur Königin des Pops aufstieg, dem Gitarre spielenden Jungen mit Schmalzlocke, der zum gefeierten Youtube-Phänomen avancierte und seitdem etliche Belieber zu seinen Anhängern zählt, oder der scheinbar aus einem anderen Universum stammenden Dance-Sensation, die mit skurrilen Bühnenoutfits von sich reden machte? Oft wurden sie bereits erzählt, jene Geschichten der allseits bekannten Medienlieblinge. Meist reich ausgeschmückt und von jeher mit einem glorreichen Happy End versehen. „Kultverdächtig“ blättert jedoch unbeeindruckt weiter durch das Buch der musikalischen Erzählungen und gelangt schließlich zu einem Kapitel, dessen Seiten noch nicht allzu abgegriffen sind. Es waren einmal… die zwei zauberhaften Schwestern von Pascal Pinon.

Wenn das Eis zu schmelzen beginnt

by_Lilja_Birgisdottir_PP_2Was bedeutet Musik für euch?

Es ist eine Kunstform, die so schön sein kann, dass du zu weinen beginnst, die deine Wunden zu heilen vermag, dich tanzen lässt, dir die Möglichkeit gibt, deine Gedanken auf poetische Weise auszudrücken und die in der Lage ist, nicht endenwollende Gefühle in dir wachzurufen.

Die Zwillinge Ásthildur und Jófríður Ákadóttir, welche unter dem Namen Pascal Pinon seit 2009 gemeinsam Musik machen, kommen aus Island, einem in vielerlei Hinsicht recht außergewöhnlichen Land. So gibt es dort beispielsweise kaum Wälder, da diese im Laufe der Zeit fast vollständig gerodet worden sind, um im Gegenzug Brennholz und Weidegrund zu gewinnen. Wind und Wetter war es somit ungebremst möglich, eine spröde Landschaft zu erschaffen und gestalten, die nahezu einzigartig auf diesem Planeten ist und darüber hinaus durch ihre spezielle Schönheit zu begeistern weiß. Und derart einmalig wie seine Natur sind auch die Bewohner des zweitgrößten Inselstaates Europas. Unter diesen rund 300.000 Menschen, von denen ungefähr ein Drittel in der Hauptstadt Reykjavík lebt, scheint seit Jahren ein regelrechter Kreativitätsvirus ausgebrochen zu sein. Aufgrund dieser Tatsache können wir uns heute an infizierten Künstlern und Bands wie Björk, Sigur Rós, Emilíana Torrini, Múm, Of Monsters And Men, Sin Fang, Sóley oder etlichen anderen erfreuen. Das schöpferische Potenzial scheint dabei ungebrochen und von einer Feingeistigkeit zu sein, wie man sie nur selten anderswo zu finden vermag. Jüngst gesellen sich nun auch Pascal Pinon zu jener Riege begabter Talente aus dem eisigen Norden. Dass sie dies auch völlig zurecht tun, beweist unter anderem eindrucksvoll das exklusiv für Kultmucke eingespielte Cover des The Kooks Klassikers „Seaside“. Mit demselben Charme, der ihrer Heimat Island zu der bereits erwähnten kühlen Anmut verhilft, verwandeln Pascal Pinon den Track in ein einmaliges raues Bruchstück moderner Popmusik.

Warum fiel eure Wahl genau auf diesen Song?

Jófríður: „Als ich 2011 in Holland war, wanderten wir nachts oft durch die Stadt. Ein Junge hatte den Track damals auf seinem Handy und spielte ihn öfter ab. Für mich war das damals eine sehr bedrückte Zeit und es schaudert mich, wenn ich daran zurückdenke. Ich wollte die Traurigkeit nun aufnehmen und sie in einen Song packen.“

Schon früh enterte die Musik das Leben von Ásthildur und Jófríður. Vor allem Letztere stieg dabei, ohne sich auch nur für den Hauch einer Sekunde umzudrehen, sofort auf jenes Boot, das sie hinaustragen sollte. Hinaus auf ein Meer voller Melodien und Harmonien. Mit an Bord war, neben ihrer ebenfalls sehr talentierten Schwester, zudem auch stets Jófríðurs Sinn für Worte, welchen sie bereits im zarten Alter von 13 Jahren nutze, um erste Texte für das später erscheinende Debütalbum von Pascal Pinon zu verfassen. Worauf es beim Komponieren von Songs darüber hinaus noch ankommt, hat sie schon weit vorher herausgefunden. Nämlich als sie fünf Jahre alt war und den Großteil ihrer Zeit am heimischen Keyboard verbrachte. Nur was soll man auch anderes tun, wenn man in einem Haushalt aufwächst, in dem beide Eltern als Musiker tätig sind? Zudem heißt es ja auch, früh übe sich, was ein Meister werden will.

Jófríður: Ich kann nicht sagen, ob ich ein moderner Mozart war oder nicht.

pp11 by_Lilja BirgisdóttirEine umfassende Musikerziehung, das generelle Umfeld, die Einflüsse von Radio, Film, Internet, Natur und dem weißen Rauschen, wie sie selbst sagen, taten dann ihr Übriges und schon sah man die beiden Schwestern zusammen mit ihren Freundinnen Halla und Kristín in den heimischen Kinderzimmern mit allerhand Instrumenten herumexperimentieren. Dass daraus aber ein ernst gemeintes musikalisches Projekt werden würde, hätten die meisten Leute wohl eher nicht gedacht. Jófríður und Ásthildur hingegen schon. Und so wurde neben der Schule fleißig geprobt und geübt, bis die ersten Tracks eine Form angenommen hatten, die es den beiden als Wert erschien, aufgenommen zu werden. Nun musste schnell noch ein Bandname her. Die Mädchen entschieden sich dabei scheinbar willkürlich für „Pascal Pinon“, nachdem sie in einem Café über das seltsam anmutende Portrait des gleichnamigen Stars eines Kuriositätenkabinetts gestolpert waren, der angeblich mit zwei Köpfen zur Welt gekommen war, wobei es sich bei einem davon nur um die herausgeputzte Version eines Tumors handelte. Und so zufällig die Wahl ihres Namenspaten auf den ersten Blick auch erscheinen mag, als umso schiksalhafter stellt sie sich dann auf einen zweiten heraus. Denn eigentlich stand von vornherein fest, dass es irgendwann einzig und allein die beiden Zwillinge sein werden, die das Projekt auf ihren Schultern tragen. Mit Jófríður als Singer Songwriterin und Ásthildur als ihrer Stütze, ohne die sie nicht existieren kann. Eine perfekte Symbiose in vielerlei Hinsicht. Doch musste zuvor erst einmal der Grundstein für eine vielversprechende Karriere gelegt werden, indem man zu viert das selbstbetitelte Album „Pascal Pinon“  veröffentlichte.

2010 erschien dann also euer Debüt. Seid ihr denn zufrieden mit dem Resultat?

Jófríður: „Ja, einerseits bin ich wirklich stolz, andererseits fühle ich mich in Bezug darauf auch oft etwas unbehaglich. Wenn ich könnte, würde ich zurückgehen und ein wenig daran verändern. Wahrscheinlich würde ich mich selbst dazu ermutigen, etwas tougher zu sein und mir mehr Zeit zu lassen. Es entstand in so einer empfindlichen Lebensspanne, wir gaben wirklich alles, was wir dafür aufbringen konnten und doch ist es so weit entfernt davon, perfekt zu sein. Nur ist es eben ein sehr ehrliches Album und ich glaube, das verleiht ihm Einiges an Charme.“

image.phpGenau diese Tatsache macht „Pascal Pinon“ in der Tat zu einer wundervollen Platte. Die Bescheidenheit und auch die Selbstzweifel, welche Jófríður äußert, wenn sie über das Album spricht, kann man bereits dann überhaupt nicht mehr nachvollziehen, wenn der Opener „Undir Heiðum Himni“ erklingt. Man darf schließlich auch nicht vergessen, dass es sich hier nicht um das Spätwerk einer gereiften, erfahrenen Band handelt, sondern ganz im Gegenteil, um den ersten Versuch zweier junger Mädchen, ihren Mikrokosmus auf eine klangliche Ebene zu transportieren. Dass ihnen das auf sensible und unglaublich beeindruckende Art und Weise gelingt, zeigen Stücke wie das strahlende „Árstiðir“ oder  das liebenswerte „I Wrote A Song“. „Pascal Pinon“ ist gespickt mit wärmendem Lo-Fi und fängt genau die Atmosphäre ein, in der es entstand.

„Wir waren völlig allein in einem Haus irgendwo auf dem Land, hatten einiges an Equipment, bei dem wir nicht wirklich wussten, wie man es gebraucht und das Macbook unserer Mutter. Wir fingen also an, die Songs gemeinsam einzuspielen und anschließend nahm jede ihren Part noch einmal gesondert im Wohnzimmer auf, während die anderen in der Küche ein absolut süchtig machendes Computerspiel spielten.“

Auch das Berliner Label Morr Music war recht schnell von dem Talent der beiden Schwestern angetan und nahm sie, wie zuvor schon zahlreiche andere isländische Musiker, bereitwillig unter Vertrag. Zweieinhalb Jahre nach dem Release ihres Debüts veröffentlichten Pascal Pinon dann das zweite Album „Twosomeness“.

mm121_PP_12x12„Ekki Vamenta“ eröffnet effektvoll das zweite Album der Schwestern, bei dem sie sich vollends zu ihrer Zweisamkeit bekennen. Und so tritt endlich ein, was lange vorher schon prophezeit war. Ásthildur und Jófríður wagen sich fortan allein in eine ungewisse Zukunft. Ohne großes Beiwerk und auch ohne ihre ehemaligen Bandkolleginnen. Dass dies die Innigkeit der Zwillinge gleichzeitig auf eine neue Ebene zu heben vermochte, spürt man in jedem einzelnen der 12 Stücke, die sich auf „Twosomeness“ versammelt haben. Ob „Somewhere“, „Bloom“ „Rifrildi“ oder einer der anderen Tracks, sie alle wirken reifer, fokussierter, erwachsener und im selben Zuge eben auch vollständiger. Jófríðurs Songwriting hat sich derweil aufgebäumt und ist in Höhen entwachsen, in denen ihren musikalischen Altersgenossen regelrecht schwindlig werden dürfte. Ásthildur hingegen bleibt fest verwurzelt am Boden und gibt ihrer Schwester die Gewissheit, an ihrer Seite zu stehen und ihre Ideen mit einer Behutsamkeit umzusetzen, welche den beiden Frauen zu einer erstaunlichen Klarheit und Präsenz verhilft. Es hat sich schlussendlich also ausgezahlt, die Ferien, Feste und all die Freizeit für das Ziel zu opfern, einen würdigen Nachfolger für „Pascal Pinon“ zu produzieren.

Worin liegt für euch der Vorteil, als Schwestern Musik zu machen?

„Wir leben im selben Haus, also ist es immer ein leichtes, den jeweils anderen zu erreichen. Außerdem sind wir nicht so angespannt wegen der ganzen finanziellen Aspekte, weil wir eine Familie sind und uns dabei gegenseitig vertrauen. Und wir haben ähnliche Stimmen, wodurch es schön klingt, wenn wir zusammen singen.“

Es muss wahrlich wunderbar sein, zu wissen, dass man dem Gegenüber uneingeschränkt vertrauen kann, egal welche verrückte Idee einem auch durch den Kopf jagen mag. Ein Gefühl, das vor allem Geschwister kennen, die zusammen aufgewachsen sind. Noch schöner ist es dann aber, wenn man ohne Einschränkungen, die angenehmen Seiten des Lebens miteinander teilen kann. Zum Beispiel den Moment, in dem man die gegenseitige Zuneigung auf CD oder Vinyl gepresst in seinen Händen hält.

Es fühlt sich so großartig an! Wir haben so lange auf den Release von „Twosomeness“ gewartet. Es ist immer besonders, ein zweites Album zu machen, denn man achtet mehr auf die Art der Entstehung und fügt nicht einfach nur ein paar Songs zusammen, sodass sie jemand hören kann.

Welche Geschichte steckt hinter dem Track „Bloom“?

Jófríður: „Ich schrieb ihn in dem Mai, kurz bevor wir mit den Aufnahmen zum zweiten Album begonnen haben. Der Song basiert auf meinen Gedanken von damals. Später las ich zudem ein Interview mit Beach House, in dem sie über ihr neue Platte sprachen, die ebenfalls den Titel „Bloom“ trägt. Sie erklärten, dass die Blütenpracht als solche nicht nur Gutes an sich habe, denn das Traurige sei, dass diese unglaubliche Schönheit nur für einen kurzen Moment andauere. Das war so perfekt geeignet für meinen Song, dass ich mir die Aussage ausleihen musste.“

by_Lilja_Birgisdottir_PP_3Dass Pascal Pinon vom Verblühen noch weit entfernt sind, davon kann man sich bei ihren Liveshows überzeugen. In kürzester Zeit verfällt man dort den süßlichen Gesängen der beiden Schwestern und möchte gar nicht mehr aufwachen aus dem prächtigen Tagtraum, den sie einem damit bescheren. Es ist in diesem Zusammenhang nicht einmal von Nöten zu verstehen, wovon Jófríður und Ásthildur da letztendlich singen. Immerhin ist ein großer Teil ihrer Songs in ihrer Muttersprache verfasst, weil sich dies eben richtig für sie anfühlt, und sollte das die Plattenkäufe beeinflussen, dann sei es eben drum, finden die Sängerinnen. Doch wird das vermutlich nie zu einem wirklichen Problem werden, denn Isländisch als solches bringt einen sehr wohltuenden Klang mit sich, der perfekt mit den zarten Gesängen Pascal Pinons harmonisiert und, wie eben bereits angedeutet, die Bühnenshow der beiden nur noch um eine weitere interessante Facette ergänzt.

Ihr durftet jüngst Sin Fang auf seiner Tour begleiten. Wie war das für euch?

Jófríður: „Es hat unheimlich Spaß gemacht. Zudem war es eine nette Erfahrung, mit einer anderen Band unterwegs zu sein. Die Shows waren somit natürlich auch wesentlich größer, als wenn wir allein unterwegs sind. Das war einerseits recht cool, auf der anderen Seite aber dadurch auch weniger persönlich. Ich hatte Angst, die Leute würden nicht ruhig sein, wenn wir spielen, weil Sin Fang einen viel größeren Sound mitbringt. Aber das war nie so.“

Während der Reise mit dem begnadeten Musiker Sindri Már Sigfússon alias Sin Fang entstand zudem eine Kollaboration, die das Trio mehrfach gemeinsam performte.

Ein glücklicher Moment, an den ihr euch gern zurückerinnert?

Mit der Familie zusammenzusitzen, in der Küche unseres Großvaters, Waffeln zu essen und heiße Schokolade zu trinken.

Kultverdächtig

Um ehrlich zu sein, ist es völlig irrelevant, ob Pascal Pinon kultverdächtig sind oder nicht. Denn trotz ihres jungen Alters gehören Ásthildur und Jófríður schon jetzt zu den ganz Großen in Sachen Originalität. Mit ihrem unsäglichen Gespür für spannende Arrangements schaffen sie es binnen weniger Takte, die Aufmerksamkeit eines jeden Hörers auf sich zu ziehen. Wir wundern uns also überhaupt nicht, dass es bei ihren Konzerten, egal ob als Support oder Hauptakteur, stets mucksmäuschenstill ist.

Verlosung

Passend zu diesem umfangreichen „Kultverdächtig“ halten wir wie immer ein paar großartige Gewinne für euch bereit. Und zwar verlosen wir zwei handsignierte Exemplare von Pascal Pinons Zweitwerk „Twosomeness“. Interessiert? Dann schickt bis spätestens kommenden Montag, den 19.08.2013, eine Mail mit dem Betreff „Pascal Pinon“ an martin@kultmucke.de. Unter allen Teilnehmern werden zufällig zwei Gewinner ermittelt.

Interessante Links

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