Diesen Namen sollte man sich merken: Phoria

In Musik by Martin

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Im Rahmen der Berlin Music Week, die nun schon ein paar Tage zurückliegt, nutzten wir die Gelegenheit, um uns mit der britischen Band Phoria im Salon Schmück auf einen Kaffee zu treffen. Es ist das Showcase-Festival First We Take Berlin gewesen, dass die fünf Musiker in unsere Hauptstadt gelockt, und in dessen Rahmen sie ein Konzert im Bi Nuu gespielt hatten.

Für mich als Musikredakteur ein ganz besonderer Augenblick – habe ich mich doch schon während der ersten Takte, die ich von dem Quintett vernahm, vollkommen in ihre Kompositionen verliebt. Demnach war es auch keine schwierige Entscheidung, sich trotz all des Trubels, den Berlin Music Week mit sich brachte, ein paar Minuten zu nehmen, um einmal persönlich mit Trewin, Ed, Jeb, Seryn und Tim über die Gedanken hinter ihren Songs und ihren bisherigen Werdegang zu sprechen.

Die erste Frage haben schon viele meiner Interviewpartner beantworten müssen. Sie ist sicherlich nicht die leichteste. Was bedeutet Musik für euch?

Trewin: „Sie ist eine der expressivsten Kunstformen, die man wohl finden kann. Eine wirklich große Frage, eventuell helfen da auch große Antworten.“

Tim: „Freiheit. Man kann auf so viele Arten mit ihr umgehen und sich auf so unterschiedliche Weise durch Musik ausdrücken. Verglichen mit anderen Kunstformen ist sie sehr weitläufig.“

Ed: „Und obwohl Musik so unglaublich abstrakt ist, kann sich fast jeder mit ihr identifizieren, sobald sie zu spielen beginnt. Wenn du ein Bild siehst, muss dieses nicht zwangsweise zu einem Teil von dir werden, aber an Musik kommst du nicht vorbei.“

Ihr kommt aus Brighton. Wie sollte ein Fremder dort den Tag verbringen?

Trewin: „Uns haben gerade ein paar Couchsurfer besucht und wir haben mit ihnen darüber geredet, was man in Brighton machen könnte. Zum Beispiel an den Strand gehen.“

Natürlich.

Ed: „Die Fußgängerzone ist viel schöner, und zwar vor allem Snoopers Paradise. Das ist ein großartiger Vintage-Laden.“

Jeb: „Du findest dort die verrücktesten Dinge. Aber auch weiter nördlich gibt es Hunderte von kleinen Läden, in denen man ganz wunderbar den Tag verbringen kann. Wenn man Seebrücken mag, sollte man natürlich zum Pier gehen. Ansonsten einfach Leute kennenlernen. Die sind enorm freundlich in Brighton.“

Trewin: „Ja! Nette englische Menschen.“

Jeb: „Die Musikszene darf man sich natürlich auch nicht entgehen lassen.“

Und das führt uns direkt zur nächsten Frage. Ihr seid selbst zu einem Teil der britischen Musikszene geworden. Wie ist es, dort als Newcomer anzufangen?

Ed: „Das war anfangs ganz schön hart, wobei uns viele Leute in Brighton wirklich unterstützt haben und wir dort auch viel aufgetreten sind. Sich dort eine kleine Fanbase aufzubauen, hat Spaß gemacht. Irgendwann haben wir versucht, das dann auszuweiten, was wesentlich schwieriger gewesen ist.“

Trewin: „Es hat uns fünf Jahre gekostet, um an den Punkt zu kommen, an dem wir jetzt stehen. Wenn man uns also als Newcomer bezeichnet, ist das lustig, weil wir schon lange dabei sind.“

Jeb: „In London ist alles wesentlich komplizierter, weil dort natürlich auch der Wettbewerb stärker ist. Wenn du nicht bereit bist, an dem einen oder anderen Ort für umsonst zu spielen, dann finden sie jemand anderen, der das tut. Insofern nutzt man jede Chance, die sich bietet, auch wenn das nicht immer die besten Umstände nach sich zieht. Langsam haben wir es aber geschafft, das tatsächlich Menschen kommen, nur um uns zu sehen.“

Also habt ihr langsam einen gewissen Bekanntheitsgrad in eurem Heimatland?

Jeb: „Auf jeden Fall in Brighton und London, wo wir auch die meisten Gigs gespielt haben. Es ist schön, wenn dann Besucher zu unseren Konzerten kommen, um die Musik zu hören und nicht nur, um in einer Bar etwas zu trinken“

Für Musiker gibt es nichts Schöneres, als wenn das Publikum still ist und ihnen zuhört.

Phoria by Christine Burkart (1)

Phoria ist euer Bandname. Das lässt an Euphorie denken. Was braucht ihr, um glücklich zu sein?

Trewin: „Selbst in England denken viele, Phoria sei eine Abkürzung für Euphoria. Dann müssen wir immer enttäuschen und sagen, dass das nicht daherkommt. Das Wort hat eine ganz andere Bedeutung. Steht deine Frage trotzdem weiterhin?“

Wir machen zwei daraus. Erst sagt ihr mir, was euch gut tut und froh werden lässt, und dann reden wir über euren Bandnamen!

Trewin: „Was uns glücklich macht? Nun, ich sah neulich einen Düsenflieger durch den Himmel fliegen. (lacht) Ansonsten Menschen.“

Und Musik?

Trewin: „Natürlich auch die Musik. Vor allem mächtige Sounds.“

Ed: „Ich bin in der Sekunde euphorisch, bevor ich die Bühne betrete. Das ist das beste Gefühl. Aber auch, wenn du eine Rückmeldung von deinen Zuhörern erhältst. Dafür mach ich das alles.“

Zurück zum Bandnamen. Weshalb viel eure Wahl auf genau diesen.

Trewin: „Nun, uns hat gefallen, wie das Wort aussieht und wie es sich anhört. Später fanden wir dann heraus, dass Phoria auch im Englischen eine tatsächliche Bedeutung hat. Und zwar für die Fokussierung der Augen. Irgendwie interessant!“

Tatsächlich ist es auch gar nicht so unpassend, wenn man sich eure Songs anhört, die auch zwischen klarer Fokussierung und Verschwommenheit hin und her wanken.

Trewin: „Vielleicht.“

Inwiefern hat sich euer Stil denn über die Zeit verändert? Vor allem, wenn man an die erste EP zurückdenkt.

Trewin: „Von der ersten EP bis heute? Bei der ersten EP hielten wir alles sehr elektronisch. Natürlich gibt es Live-Elemente, aber das sind wenige. Daran haben wir festgehalten. Es ist wunderbar, mit echten Instrumenten, etwas zum Leben zu erwecken, aber wir haben keine Angst mehr davor, digitale Beats zu verwenden.“

Ganz zu Anfang haben wir fast nur mit akustischen Gitarren, Schlagzeug und Orgel herumexperimentiert. Das hat uns sehr geholfen, zu lernen, wie man Songs komponiert.

Jeb: „Wir haben schon immer Musik geliebt, die eine große Palette bedienen kann. Es gibt keine feste Idee, wie unsere Band klingen muss.“

Findet ihr denn, dass die fünf Tracks auf eurem Erstlingswerk „Yourself Still“ noch immer repräsentieren können, wer ihr heute seid?

Trewin: „Oh, ja. Unsere EPs stammen alle aus demselben konzeptionellen Klanguniversum. Ich glaube, dass da auch nichts verloren gegangen ist. Und doch will man von Songs zu Song so unterschiedlich klingen, wie irgend möglich. Ohne dabei, die eigene Signatur zu verlieren.“

Jeb: „‚Yourself Still‘ war ein naiver erster Versuch. Wir hatten gerade eine Show zusammengespielt und dann kam ein Produzent und fragte, ob wir gerne kostenlos ein paar Stücke aufnehmen wollen würden. Das taten wir.“

Trewin: „Man kann den Sounds, die man macht, nicht entkommen.“

Ed: „Alles, was wir an Instrumenten hatten, nahmen wir damals mit ins Studio.“

Eine wirklich tolle EP! Kommen wir zum Nachfolger „Bloodworks“. Auf eurem Youtube-Channel findet man großartige Videos für all die Stücke der EP. Wie wichtig ist euch der visuelle Aspekt innerhalb eurer Arbeit?

Trewin: „Sehr wichtig. Aber darüber muss Jeb sprechen, denn er macht die Visuals.“

Jeb: „Ich mag es, auf ein Konzert zu gehen und auf allen Ebenen angesprochen zu werden. Beziehungsweise eine Show mit dem Gefühl zu verlassen, in einer ganz eigenen Welt gewesen zu sein. Dieser Aspekt hat mir immer gefallen, also probierten wir, das auf die kostengünstigste Weise für uns umzusetzen und das ging mit dem Projektor.“

Bist du auch für eure Musikvideos verantwortlich?

Jeb: „Ja, genau.“

Für eure neue EP „Display“ habt ihr vier Stücke eingespielt. Wenn man sich jedoch die Vinyl-Version zu Gemüte führt, findet man darauf noch einen weiteren, sehr andersartigen, Track namens „Robin’s Cello“. Digital gibt es diesen gar nicht. Warum?

Ed: „Die Idee, eine Vinyl herauszubringen, hat uns sehr gefallen. Daran sollte dann aber auch etwas Besonderes gebunden sein. Gleichzeitig bietet das Stück eine völlig neue Einsicht in das, was wir machen.“

Trewin: „Ja. Außerdem wollten wir die Leute dazu ermutigen, sich noch mehr mit dem zu beschäftigen, wofür Phoria eben soundtechnisch auch stehen kann.“

Welche Geschichten erzählt denn „Display“ dem Hörer?

Trewin: „Keine Ahnung. Vielleicht, wie seltsam und schön es ist, am Leben zu sein.“

Tom: „Es geht in Richtung ‚Der Herr der Ringe‘.“ (lacht)

Könnt ihr euch noch erinnern, wie „Atomic“ entstand?

Trewin: „Es gab da diesen Gitarrenriff, der uns eine Weile beschäftigte. Vor einem Jahr war ich dann in Berlin, um einen Produzenten zu finden, damit wir unsere Platte fertig kriegen. Das klappte alles irgendwie nicht und am Ende hatte ich einfach eine sehr verrückte Zeit hier. Zusammen mit einem Freund. Davon handelt ‚Atomic‘.“

Gibt es schon Pläne für ein Debütalbum?

Jeb: Wir arbeiten daran, es Mitte des nächsten Jahres zu veröffentlichen. Viele der Tracks stehen bereits, wobei sich das natürlich wieder ändern kann. Das hängt mit unserer Arbeitsweise zusammen. Oft passiert es, dass wir sehr lange Zeit an einer Idee festhalten und sie dann kurz vor Schluss völlig verwerfen. Insofern werden wir bis zur Deadline nicht sagen können, wie dieses Album klingen wird.

Dann bleiben wir gespannt und warten sehnsüchtig darauf. Ich danke euch für das Gespräch.

Phoria by Christine Burkart (2)
Fotos © by Christine Burkart