Kultverdächtig: Plankton Waves

In Musik by Gastautor

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Massenhaft spült die Musikbranche akustisches Treibgut an die Strände der begierigen Konsumenten. Sich in jenem Wust aus Veröffentlichungen zurecht zu finden, gleicht dabei einer schier unlösbaren Aufgabe. Große, sperrige Hinterlassenschaften der Medienlieblinge blockieren den Weg zu geheimen Schätzen und sorgen derweilen dafür, dass sich zahlreiche Hörer an ihnen die Zähne ausbeißen. Doch wer sich damit nicht zufrieden gibt und stattdessen unbeeindruckt an den gut platzierten Anhäufungen vorbeigleitet, der hat vielleicht das Glück, echte Perlen fern des Mainstreams entdecken zu können. „Kultverdächtig“ hat sich den Schutzanzug übergeworfen und sich durch Sand und Müll gewühlt, um sie zu finden: Die Individualisten von Plankton Waves.

Die Tiefen des Klangozeans

Plankton_Waves_Bandpic2_(by_Anja_Millen)_(print)Was bedeutet Musik für euch?

Musik ist sehr intuitiv und im Grunde unkompliziert, sie ermöglicht es uns, Gefühlskomplexe zum Ausdruck zu bringen, Stimmungen einzufangen und Geschichten zu erzählen.

Die Geschichten, die Natalie Pickar und Michel Flammant alias Plankton Waves erzählen, sind vorrangig düstere Szenarien, voller Kraft und Energie. Sie handeln vom Ende der Welt, den Kämpfen zwischen Himmel und Erde und sind stets in mystische Schwaden aus elektrifizierten Klängen gehüllt. So auch ihre aktuelle Single „Warriors“. Sobald die ersten Töne des hypnotisierenden Tracks erklingen, gerät der Verstand ins Wanken. Als stürze man von einer hohen Klippe in tiefschwarzes, kaltes Wasser. Dort wartet bereits die Stimme Pickers wie ein hungriges Seeungeheuer auf ihre Opfer, verschlingt sie und gibt sie nicht mehr her. Faszinierend, magisch, ehrfurchtsvoll.

Worum geht es thematisch bei „Warriors“?

„Bei ‚Warriors‘ geht es um die Erotik der Angst vor dem Unausweichlichen, der damit verbundenen Hilflosigkeit aber auch gleichzeitig der aus der Konfrontation resultierenden Befreiung. Das Unausweichliche kann vieles sein. Der Tod, eine Begegnung, ein Gespräch, eine Krankheit oder der Weltuntergang.“

planktonwaves_songsofendings_cover_hiresEs ist nicht wirklich verwunderlich, dass ein Song wie „Warriors“, der solch massive Botschaften beinhaltet, auf einer EP mit dem Namen „Songs Of Endings“ zu finden ist. Die neuste Veröffentlichung des Luxemburger Duos beherbergt neben besagtem Stück noch vier weitere lichtscheue Werke. Ob das archaische „“Cthulhu“, das albtraumhafte „Out Here“, das transzendente „I Should Love Her“ oder der schwere Ending-Track „World’s End“, Plankton Waves schonen ihre Hörer nicht, sondern konfrontieren sie ungeschönt mit Urängsten und Fieberträumen. Die Verbindung aus dunklen Synthies, donnernden Bässen und den übermächtigen Vocals schafft dabei eine bemerkenswerte Atmosphäre von morbidem Charme. Entstanden ist „Songs Of Ending“ zu großen Teilen im hauseigenen Studio. Abgekapselt von der Außenwelt und dem Trubel des Alltags nutzten Plankton Waves die Ruhe der Isolationen, um erste Improvisationen zu komplexen Resultaten weiterzuentwickeln. Dabei arbeiteten Natalie und Michel oft getrennt voneinander an unterschiedlichen kreativen Baustellen. Jeder wob dabei behutsam die eigenen Ideen in die Song-Entwürfe ein und so war es möglich, die eine oder andere schöpferische Sackgasse zu umschiffen. Eine Frage dabei bleibt jedoch ungeklärt:

Woher kommt dieser dunkle Einschlag bei euch?    

„Keine Ahnung. Der war schon immer da. Vielleicht kommt er erst jetzt so richtig zum Vorschein, da keine anderen Bandmitglieder ihn ‚verwässern‘ können. Privat sind wir aber eigentlich ganz fröhliche Menschen.“

Bevor sich Natalie und Michel als Plankton Waves formierten, hatten sie, über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren, in einigen anderen Bands (beispielsweise Minipli oder John McAsskill) zusammen gespielt. 2009, nach der Auflösung ihres letzten gemeinsamen Projektes mit einigen anderen Musikern, drängte sich dann jedoch zunehmend der Gedanke auf, den Schutz einer größeren Gruppe einmal zu verlassen und sich fortan zu zweit zu probieren. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. Bereits ein Jahr später erschien mit „Undurial“ die erste EP von Plankton Waves.

Heute könnt ihr euch nicht mehr ganz damit identifizieren. Wieso?

„Die EP haben wir in einer sehr frühen Phase der Bandgeschichte aufgenommen. Sie ist in dem Sinne ein Übergangswerk, da wir zu dem Zeitpunkt noch unseren Weg als Duo gesucht haben. Der Sound war noch weniger fokussiert und unsere Arbeitsweise noch sehr an unsere früheren  Schaffensprozesse angelehnt. Als Prozess war ‚Unduriel‘ wichtig, als Resultat jedoch stellt sie uns weniger zufrieden als unsere aktuellen Werke, die aber ohne diese erste EP so nicht möglich gewesen wären.“

Plankton Waves - Cloud Caravan (CD Front Cover) LoResPlankton Waves stehen mit diesem Gefühl der Zerrissenheit gegenüber ihrem Erstlingswerk nicht allein. Viele Künstler berichten ähnliche Empfindungen und distanzieren sich oft im Nachhinein von ihrem Debüt. Demnach setzt die zweite EP „Cloud Caravan“ (2012) den eigentlichen Grundstein für den heutigen Charakter der Band. Und sie birgt eine große Überraschung.

Auf eurer zweiten EP befindet sich der Song „Cloud Caravan“. Ein spannendes Stück, denn ihr vertont dabei das Gedicht „Himmelsschlange“ des Lyrikers Jakob van Hoddis. Wie kamt ihr auf die Idee, euch dessen anzunehmen?

„Michel kam irgendwann mit der Idee an, das Gedicht als Text für einen Song zu nehmen, an dem wir gerade arbeiteten. Von der Atmosphäre, der Thematik und den visuellen Assoziationen hat es perfekt gepasst. Es gab keine Diskussion mehr, einen anderen Text zu nehmen.“

„Cloud Caravan“ sticht aus dem Sud aktueller, zeitgenössischer Musik hervor wie ein spitzer Splitter. Kaum fassbar, mit rasiermesserscharfen Kanten versehen, schneidet der Song sich durch die Wahrnehmung. Erst befremdlich anzuhören, entfaltet er dabei zunehmend eine Originalität, die man nur selten dargereicht bekommt. Es ist ein mutiger Versuch von Plankton Waves, entgegen des englischen Titel des Stückes mit jenen expressionistischen, deutschsprachigen Zeilen zu verblüffen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt und sich tatsächlich voll und ganz auf dieses Experiment einlässt, der wird „Cloud Cravan“ mehr und mehr zu schätzen wissen und kann sich irgendwann den Windungen der „Himmelsschlange“ nicht mehr entziehen.

Plankton WavesWas inspiriert euch?

Träume, Begegnungen, Gespräche, Erinnerungen. Alles kann inspirierend sein und Assoziationen erzeugen.

Noch nie sind wir mit „Kultverdächtig“ auf solch schattigen Pfaden gewandelt, wie wir es taten, als wir uns Plankton Waves für einen Moment anschlossen, um ihre Welt zu ergründen. Demnach waren wir natürlich auch mehr als gespannt, als wir die Band darum gebeten haben, ein exklusives Cover für uns einzuspielen. Die Wahl von Natalie und Michel fiel auf einen Titel, mit dem wir dabei absolut nicht gerechnet hätten.

„Wir haben ‚Be My Bay‘ von The Ronettes ausgewählt. Es ist ein sehr schöner Song voller Unschuld und Naivität. Er handelt von der ersten Liebe. Wir haben uns gefragt, wie der Song klingen würde, wenn er aufgrund der zerbrochenen ersten Liebe gesungen werden würde.“

Erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit sich Plankton Waves das umjubelte „Be My Baby“ zu eigen machen. Diese Band scheut die Herausforderung nicht und ist noch dazu in der Lage, sie auch mit Bravour zu meistern. In einer Welt, in der sich Künstler immer wieder neu erfinden müssen, um nicht im Strudel der Eintönigkeit unterzugehen, bringt das Doppel die besten Voraussetzungen mit, auch langfristig bestehen zu können.

Wir mögen keine Routine oder Wiederholungen, eine regelmäßige Neuerfindung, respektive Umorientierung, ist für uns natürlich und unumgänglich.

Plankton_Waves_Livepic3_(by_Mike_Zenari)_(print)Man darf gespannt sein, in welche Richtung die musikalischen Nomaden, die laut eigenen Aussagen in vielen Genres verwurzelt sind, als nächstes ziehen werden. Noch ist unklar, ob ein Longplayer, eine weitere EP oder sogar ein Doppelalbum das nächste Ziel für Plankton Waves darstellen könnte. Natalie und Michel warten bereitwillig den nächsten Aufwind ab, der sie zu neuen Gefilden tragen wird. Und bis dahin sind sie auf den Bühnen dieser Welt zu finden. In extravaganten Kostümen und mit einem hohen Anspruch an Ästhetik verwandeln Plankton Waves dabei regelmäßig ganze Konzerträume in rätselhafte Zwischenwelten. Kein Wunder, dass sie nicht zuletzt deshalb auch gern gesehene Gäste im Vorprogramm von Acts wie Zoot Woman, Austra, Anika oder Clock Opera waren.

Was gefällt euch daran, auf der Bühne zu stehen?

„Mit Licht, Projektionen und Kostümen können wir der Musik, die wir in unserem Kämmerlein geschaffen haben, eine neue Dimension geben und mit der wirklichen Welt in Interaktion treten. Der kreative Prozess von Komposition und Produktion ist zwar sehr erfüllend, Konzerte aber machen die Musik erst richtig lebendig und in einem bestimmten Sinne real erfahrbar.“

Lebendigkeit. Auch wenn es vielleicht oberflächlich den Anschein macht, dass sich Plankton Waves hauptsächlich der musikalischen Dämmerung verschrieben haben, so lässt sich hier und da doch auch ein gewisser Optimismus, ein Lichtstreif am Horizont erkennen.

http://youtu.be/Kk_9mYabazY

Wann darf man glückliche, sonnendurchflutete Songs von euch erwarten?

Da sind wir selber gespannt. Vielleicht früher als erwartet, vielleicht aber auch nie.

Kultverdächtig

Gern sind wir eingetaucht in die Welle aus trübem, mit Planktonteilchen durchzogenem Wasser, haben das Rauschen der unergründlichen See in unseren Ohren gehört und waren fasziniert von der damit verbundenen Rätselhaftigkeit. Plankton Waves sind eine einzigartige, wenn auch sicherlich nicht für jeden Geschmack verdauliche, klangliche Erscheinung. Mit einer markanten Stimme, wie man sie das letzte Mal bei Silly’s Tamara Danz vernommen hat, und einer unstillbaren akustischen Bandbreite avanciert das Duo schnell zum perfekten Begleiter für jeden Mitternachtstanz.

Verlosung

Habt ihr nun Lust bekommen, das eigene Musikregal mit den Plankton Waves zu überschwemmen? Dann bieten wir euch die perfekte Gelegenheit dazu! Und zwar verlosen wir insgesamt zwei musikalische Pakete, jeweils bestehend aus einer signierten 7″-Vinyl von „Cloud Caravan“, der entsprechenden CD-Variante und einer CD-Single der aktuellen EP „Songs Of Ending“. Wer sein Glück versuchen möchte, der schickt bis spätestens kommenden Montag, den 08.07.2013 eine Mail mit dem Betreff „Plankton Waves“ an martin@kultmucke.de.

Interessante Links

“Songs Of Endings” via Bandcamp kaufen

„Cloud Caravan“ via Bandcamp kaufen

Offizielle Website von Plankton Waves

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