The Perfect Pineapple

In Musik von Gastautor

Genre:

The Perfect Pineapple„Was ist das denn für ein Mist?“

Jürgen schien nicht begeistert. „Kann nicht einfach irgendwer eine meiner Platten reinschieben?“
Zwischen altem DDR-Schmuck und versilbertem Besteck hob er eine alte Nina Hagen-Scheibe in die Luft. Demonstrativ wedelt er sie Richtung Bühne, wo in diesem Moment drei junge Musiker die ersten Akkorde ihres Sets spielen. Vinyl-Liebhaber Jürgen setzte sich naseschnaubend wieder auf seinen Plastikstuhl und konzentrierte sich auf die umhertaumelnde Kundschaft. Es ist 11:15 Uhr, ideale Flohmarkt-Zeit bei einem Familienfest in Königs Wusterhausen. Nach erfolglosen Versuchen, Passanten zu seinem Stand zu locken, blickte er wieder zur Bühne. Die Jungs können ihn allerdings immer noch nicht überzeugen – dabei machen sie alles richtig. Zarte Akustik-Melodien reihen sich ineinander und würden sogar die bitterste Miene zum Grinsen bringen. Nur eben Jürgen nicht. Erst das Einsetzen des Gesangs konnte ihn beruhigen und seinen Unmut über die Musik (oder fehlende Kundschaft) vergessen lassen. Die Verantwortlichen für die Beschallung des kleinen Areals sind The Perfect Pineapple. Vier junge Zehlendorfer, die bei Live-Auftritten zwischen zwei und vier Mitgliedern – plugged und unplugged schwanken. Eine Konstante gibt es dennoch immer wieder zu beobachten: die Leidenschaft.

Es ist inzwischen 11:21 Uhr und sämtliche Anwesende dieses Brandenburg-Familientages widmen sich der konkurrierenden Hüpfburg, den Biersorten des Ausschanks oder den Schießbuden der Kirmesabteilung. Keine idealen Voraussetzung, um mit Indie die Füße zum Hüpfen zu mobilisieren. The Perfect Pineapple lassen sich dennoch nichts anmerken und spielen ein motiviertes Akustik-Set. Zwei Gitarren, die einander ergänzen und sich melodisch aufbauen, umrahmen die Kicks und Hits des Drummers. Die Stimmen der Sänger erzählen mal verzweifelt, mal euphorisch von der Sehnsucht nach Liebe, dem Scheitern von Prüfungen und vor allem dem ständigen Glauben an Glück. Es sind die Art von Liedern, die du mit dem nickendem Kopf auf- und mit dem strahlendem Lächeln wahrnimmst. Indie, wie er sein muss. Präzise, melodisch und ergreifend. Songs wie „Dance in the Rain“ und „Circus“ ernten vereinzelt Mitklatscher und Fußwipper. Aber erst als ein noch unbetitelter Song gespielt wurde, vergaßen die Eltern ihre Kinder in der Hüpfeburg, überfüllten Barkeeper die Getränke und ignorierten Budenbetreiber die Wünsche der Zocker. Viele Gesichter erstarrten bei der Schönheit dieses Liedes. Meins miteingeschlossen. Eine herzergreifende Ballade, die sogar zum Tanzen anregt. Es war das bereits achte Konzert, was ich von den Musikstudenten besuchen durfte – aber noch nie habe ich dieses wunderschöne Stück gehört. Ein seltsames Szenario in Königs Wusterhausen – mit einem Song versammelten sich sämtliche Besucher des Festes in relativer Nähe zur Bühne und verliebten sich in The Perfect Pineapple. Die Wertschätzung für diesen facettenreichen Indie war spürbar. Im Vertrautem erzählte mir Sänger Simon Ortmeyer, dass man dieses Prunkstück wohl „Grizzly“ nennen würde – aber man wäre da nicht so fixiert. Passt zu ihnen, den bodenständigen Jungs aus Klein-Machnow in Zehlendorf.

Seit fast 4 Jahren treffen sie sich jede Woche, um gemeinsam zu fachsimpeln, zu lachen und zu proben.  FluxFM und RadioEins haben die Mittzwanziger bereits in ihre Rotation verankert. Ob „Grizzly“ später auch dazugehören wird, bleibt abzuwarten. Womöglich könnte es die Single eines 2012 erscheinendem Nachfolger des Debüts „Water Crown EP“ werden. Nur einer würde sich diese Scheibe wohl nicht holen. „Nee, das hat keinen Wert! Hier schau mal – Nina Hagens beste Platte. Purer Goldstaub!“ Wie gut, dass sich auch Plattendealer wie Jürgen mal irren…

Verfasst vom gastautor Christian Müller vom Bricolae Kreativteam.