Record Store Day 2014

In Lifestyleby Martin

Für einen echten Musikliebhaber gibt es wohl nichts Schöneres, als in sein Plattenregal zu greifen, sich eines seiner Lieblingsalben herauszufischen und anschließend die Abtastnadel des Plattenspielers durch die Rillen seines favorisierten analogen Tonträgers fahren zu lassen. Das Kratzen beim Aufsetzen, das gleichmäßige Drehen der Scheibe und dazu ein Cover in den Händen zu halten, für das es keine Lupe braucht, um all die Einzelheiten zu erkennen – wer will da noch widerstehen? Vinyl übt eine Faszination aus, der man sich kaum entziehen kann. Am offiziellen Record Store Day, der 2014 zum bereits achten Mal stattfindet, haben Freunde des schwarzen Goldes die Chance, exklusive 12″, 10″ oder 7″ zu erstehen, die ausschließlich für dieses Ereignis produziert wurden und auch nur an diesem Tag erhältlich sein werden. Das ist für viele, als würden Weihnachten und ihr Geburtstag zusammenfallen. Wir haben uns einmal durch das diesjährige Angebot gewühlt, um euch ein paar Höhepunkte vorstellen zu können.

Seinen Ursprung hat der Record Store Day, wie sollte es auch anders sein, in den USA. Erdacht als Strategie, um Käufer wieder mehr an den Fachhandel zu binden und sie von den großen Mainstream-Ketten wegzulocken, ging das Prinzip recht schnell auf und entwickelte sich zu einem regelrechten Hype. Heute fiebern etliche Menschen dem dritten Samstag im April entgegen, denn das ist von jeher der feste Termin für den Record Store Day. In Deutschland, Österreich und der Schweiz nehmen mittlerweile über 185 unabhängige Läden an dem eintägigen Event teil. Eine Liste mit allen partizipierenden Verkaufstellen findet man auf der offiziellen Seite des Record Store Days, die darüber hinaus auch Instore-Gigs und sämtliche exklusive Releases listet.

Worauf freuen wir uns nun ganz besonders? Welche Platten wollen wir euch gern ans Herz legen? Na, die hier!

Music Finnland With The Line Of The Best Fit – The Limited Record Store Edition (10″-Compilation)

MF_TLOBF_RSD_albumcover_web-500x504The Line Of Best Fit zählt zu den stilsichersten und erfolgreichsten Musikblogs auf diesem Globus. Die Briten haben sich seit ihrer Gründung durch ein treffsicheres Gespür für Sternstunden der Independentszene auszeichnen können. Zusammen mit Music Finland kuratieren sie nun eine Compilation, deren 5000 Exemplare gratis mit in die Tüten der Besucher des Record Store Days 2014 wandern werden. Für uns in vielerlei Hinsicht ein vielversprechendes Highlight. Zum einen, weil eine 10″-Scheibe doch eher selten Schule macht, zum anderen, weil die sechs darauf befindlichen Songs allesamt für Gänsehaut sorgen. Wer hätte gedacht, dass derart viel kreatives Potenzial in Finnland stecken könnte? Man muss nämlich wissen, dass alle der gefeaturten Künstler, jener frostigen Republik im Norden Europas entstammen. Wenn dann auf der A-Seite Satellite Stories „Lights Go Low“ dem Indiepop huldigt, hier und da sogar ein bisschen an Death Cab For Cutie erinnert, NEØVs „Laketown“ jegliches Eis zum Schmelzen bringt oder The New Tigers, einzig für den Record Store Day, ihr bis dato unveröffentlichtes „Keep Cool“ aus der Schublade holen und es gehörig aufpolieren, lernt man dieses kostenlose Präsent wirklich wertzuschätzen. Doch auch die B-Seite hat einiges zu bieten. Nämlich den Track „Uu Uu Uu“ des Dream-Pop-Wunderkinds Jaakko Eino Kalevi, Mirel Wagners fantastisch inszeniertes Lo-Fi-Soul-Gebilde „What Love Looks Like“ und zur Krönung schließlich das rockige „Death Reflects Us“ von Beastmilk, bei dem selbst den Editors für einen Moment der Atem stocken dürfte. Chapeu!

Nina Persson – Sometimes (weiße 7″-Single)

LJX072_300Sei ein Star und mach dich rar. Nina Perssons Beitrag zum Record Store Day ist auf weltweit 300 Kopien limitiert. Das heißt, dass man wohl sehr früh aufstehen muss, wenn man sich die Chance auf ein Exemplar der 7″ von „Sometimes“ nicht entgehen lassen will. Neben dem exklusiv gecoverten Track, der im Original von Nils Lofgren stammt, ließ die Frontfrau der Cardigans auch noch eine Demoversion ihres wunderschön melancholischen „This Is Heavy Metal“ auf die Platte pressen. Jenes Stück stammt vom ersten Soloalbum der Schwedin, welches wiederum den Titel „Animal Heart“ trägt und am Valentinstag über Lojinx erschien. Das Herz blutet bei den gefühlvollen Kompositionen Nina Perssons allemal, insofern darf man sich definitiv auch auf „Sometimes“ freuen.

John Grant – Gets Schooled (12″-EP)

john-grant-get-schooledJohn Grant bekommt eine Lektion erteilt. Nachdem der homosexuelle Sänger auf seinem letzten Album bereits die Königin der emotionalen Balladen, Sinnéad O’Connor, hier und da zu einem Gastspiel bewegen konnte, hat er diese Idee nun weitergesponnen und daraus eine komplette EP entwickelt. Neben der irischen Sängerin geben sich darauf auch Damien Dempsey, Beth Orton, Conor O’Brien und seine Band die Villagers die Ehre und stehen Grant zur Seite. Resultat dessen sind fünf gefühlvolle Stücke, die den gebürtigen Amerikaner einmal von einer Seite zeigen, die man sonst vielleicht nicht unbedingt an ihm kennt. „Gets Schooled“ erschien im November 2013 auf dem Vorzeigelabel Bella Union und ist am Record Store Day erstmals auch in Deutschland erhältlich.

Charlotte Gainsbourg feat. Beck – Hey Joe (7″-Single)

Hey JoeSie gehört zu den wenigen Schauspielern, die es immer wieder vor die Kamera zieht, wenn der exzentrische Regisseur Lars von Trier zum Dreh ruft. Jüngst verkörperte Charlotte Gainsbourg die Nymphomanin Joe in dem viel diskutierten Erotikdrama „Nymph()maniac“. Doch damit nicht genug. Zusammen mit dem Liedermacher Beck Hansen steuerte sie außerdem auch einen Titel zum Soundtrack des Zweiteilers bei. „Hey Joe“ ist ein Cover des gleichnamigen Songs, welcher vor allem durch die Interpretation von Jimi Hendrix bekannt wurde. Am Record Store Day findet man die unter die Haut gehende Version von Madame Gainsbourg und Mister Hansen exklusiv als 7″-Single, welche darüber hinaus auch einen passenden Remix enthält.

Balthazar – Leipzig (7″-Single)

Balthazar-Leipzig-300x300Belgien ist seit jeher für seine Fritten, sein mittelalterliches Brügge und viele dringend rennovierungsbedürftige Autobahnen bekannt. Dass aber auch hörenswerte Independentmusik in unserem Nachbarland produziert wird, galt lange Zeit als gut gehütetes Geheimnis. Spätestens mit dem Quintett Balthazar wird nun aber laut, was Kenner schon lange wussten – die Belgier haben ein Gespür für innovative Melodien. So überzeugt auch die besagte Genter Band durch ihre einzigartige Mischung aus Alternative Rock und Funk-Punk. Nachdem ihr zweites Album „Rats“ von der Kritik hochgelobt wurde, zeigt die Single „Leipzig“ in der Folge, dass man auch zukünftig noch einiges von den Herrschaften erwarten darf. Am Record Store Day gibt es sie erstmalig auf Vinyl zu ergattern.

Lucius – Wildewoman (12″-LP + 7″-EP)

Lucius_AlbumJess Wolfe und Holly Laessig werfen sich in einen farbenfrohen Zwillingslook, tragen ordentlich Make-Up auf, stellen sich hinter das Mikrofon und würzen ihren Powerpop mit einer gehörigen Prise Sixties-Flair. „Wildewoman“, das Debüt der beiden New Yorkerinnen, zeigt eindrucksvoll, dass Frauen das Musikbusiness 2014 fest in den Händen halten. Als Femmes Fatales machen Lucius, so der Name des Duos, Emanzipation tatsächlich hörbar. Sie scheuen weder Paukenschläge, noch schrille Gesänge oder betont groovige Harmonien. Dieser Mut zahlt sich aus und beschert uns ein wunderbar aufgekratztes Erstlingswerk. Wer dieses bisher noch nicht sein eigen nennt, der sollte es sich nicht entgehen lassen und beim Record Store Day endlich zuschlagen. Obendrauf gibt es dann immerhin auch eine 7″, auf der sich der Bonustrack „Genevieve“ sowie eine exklusive Live-Session-Aufnahme von „Don’t Just Sit There“ befinden.

Thievery Corporation – Saudade (grüne 12″-LP)

ESL220.1500x1500 (2)Nachdem sich Eric Hilton und Rob Garza 1995 in der Washingtoner Eighteen Street Lounge kennenlernen, fangen sie kurz darauf an, gemeinsam mit Sounds herumzuexperimentieren. Dabei lassen Thievery Corporation gekonnt Elemente aus Bossa Nova oder Jazz in ihre markanten Trip-Hop- und Chillout-Texturen einfließen. Diese gewagte Klangfusion manifestiert den Ruf der beiden Musiker als tonale Genies und macht sie zu gefragten Kollaborationspartnern für die Crème de la Crème der Branche. Ihre neuste Platte „Saudade“ speckt zwar etwas an elektronischer Artifizialität ab, besinnt sich dafür aber konsequent auf die schlichte Schönheit brasilianischer Tanzmusik. Zum Record Store Day tauchen Thievery Corporation das, mit 13 Tracks bestückte, sinnliche Album in ein sattes Grün.

The Notwist – Run, Run, Run (12″-Double-Groove)

Notwist_EP_type_2400The Notwist sind auf akustischer Ebene schon lange für ihre Verspieltheit und Experimentierfreude bekannt. Zum Record Store Day werden die deutschen Indietronica-Urgesteine ihrem Ruf allerdings auch auf haptischer Ebene gerecht. Mit dem wunderbar ausgefallenen Track „Run, Run, Run“, vom neuen Album „Close To The Glass“, im Gepäck, wagen sie einen kleinen Scherz. Und zwar erscheint das Stück auf einer sogenannten Double-Groove-Vinyl, bei der das Aufsetzen der Nadel darüber entscheidet, welche der zwei parallel liegenden Spuren gefahren und demnach auch, welcher Song schlussendlich abgespielt wird. In der auditiven Wundertüte stecken neben Originalversion von „Run, Run, Run“ auch Remixe und eine unveröffentlichte Nummer namens „Magnificent Fall“.

Smoke Fairies – Smoke Faries (bunte 12″-LP)

cover_cov_lgIn Richtung erdigen Blues-Folks bewegen sich die Smoke Fairies alias Katherine Blamire und Jessica Davies. Ihre düster-sanften Kompositionen durchdringen dabei schnell das Bewusstsein und verankern sich nahezu unbemerkt in den Gedanken. Schon summt man Songs wie das mantraartige „Eclipse Them All“ oder „Hope Is Religion“ ununterbrochen vor sich hin. Passend zum Release ihres selbstbetitelten, vierten Albums (VÖ: 11.04.2014) nutzen die Engländerinnen die Gelegenheit und bringen eine Woche später, nämlich am Record Store Day, eine limitierte Auflage der Platte auf buntem Vinyl heraus. Zum Glück konnten Blamire und Davies sich auftuende Selbstzweifel, ob Smoke Fairies auch zukünftig eine Perspektive für sie darstelle, beseitigen und steckten stattdessen all ihre Kraft in das Songwriting zu „Smoke Fairies“.

Liars – Mess On A Mission (kreative 12″-Single)

Liars_MessOnAMission_RSD2014Auch die Liars sparen keinesfalls an Skurrilität. Das Trio aus NYC hat seinen Platz an der Horizontlinie des Post-Punks gefunden, also dort, wo alles möglich zu sein scheint. Wo sich ein Klanguniversum ausdehnt, das keine Grenzen kennt. Ihre aktuelle Single „Mess On A Mission“ beispielsweise schwirrt wie ein aufgeschreckter Bienenschwarm durch die Luft und hinterlässt ein intensives Dröhnen im Ohr. Erst nachdem die anfängliche Hektik abgeklungen ist, mit der die Liars zuvor Puls und Herzschlag zum Rasen gebracht haben, wird einem klar, was einen da gerade überrollt hat. Nämlich ein vom Rave infiziertes Glanzstück zeitgenössischen Electros. Im Rahmen des Record Store Days gibt es die Single „Mess On A Mission“ als außergewöhnliche Vinyl mit eingearbeitetem Wollfaden. Tracktechnisch findet sich auf der Scheibe die Original Edit des Songs, zwei Remixe und die B-Seite „Blah-Vets“.