Auf ein Wort mit Rhonda

In Musik by Martin

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Zu Berlins schönsten Orten zählt ohne Zweifel die von Touristen und Einheimischen gleichermaßen frequentierte Museumsinsel. Zwischen Bode-Museum, neuer Nationalgalerie, Pergamonmuseum sowie altem und neuem Museum lässt es sich gut flanieren – im Schatten der Schöngeistigkeit vergangener Jahrhunderte. Gegenüber, auf der Uferpromenade der Spree, traf sich Kultmucke mit einer Band zum Gespräch, die ebenfalls vom Glanz vergangener Tage fasziniert ist.

Rhonda sind ein Quintett aus Hamburg, das sich dem Neosoul verschrieben hat, und diesen gekonnt, in Verbindung mit Elementen aus anderen Genres, in Szene setzt. Ihre Single „Camera“ schaffte es mit wenig Mühe, dort anzuknüpfen, wo vor circa acht Jahren die Nachwuchstalente der englischen BRIT School ihre Wurzeln geschlagen hatten. Nun feiert das charmante Ensemble, rund um Sängerin Milo Milone, ein Revival, das vielleicht gar kein wirkliches ist, wenn man dem glauben darf, was uns die hübsche Blondine und ihr bärtiger Kollege Ben in einem wirklich interessanten Gespräch erzählten.

Rhonda by Christine Burkart (2)Wie geht es euch und was beschäftigt euch dieser Tage?

Milo: „Gut, würde ich sagen. Wir sind sehr, sehr früh aufgestanden heute. Deswegen sind wir auch so ein bisschen bescheuert im Kopf.“

Ben: „Die Tage im Moment sind natürlich sehr wirbelig. Das Album ist noch nicht so lange draußen und wir haben tatsächlich eine ganze Menge Termine. Auf der einen Seite ist das ganz schön spannend und macht Spaß, auf der anderen Seite merkt man langsam, dass einem das auch in den Knochen steckt.“

Milo: „Aber ich mag das sehr gerne!“

Ben: „Ich auch.“

Die Promoarbeit?

Milo: „Ja, auch über alles reden zu können. Man erschafft ja was, wo sehr viel Liebe drinsteckt und so hat man dann die Möglichkeit, das auch zu erklären. Viele Leute legen die Platte auf den Plattenspieler oder tun sie in den CD-Player, hören sie sich an und haben dann irgendeine Meinung dazu. Ich finde es manchmal ganz schön krass, dass zwei Jahre Arbeit in fünf Sekunden quasi bewertet werden.“

Viele Leser interessieren sich oft dafür, wie sich eine Band gegründet hat. Was gibt es dahingehend bei euch zu berichten?

Milo: „Es ist tatsächlich so, dass diese Band, um es mal ganz bescheuert auszudrücken, passiert ist. Es gab nie einen richtigen Plan. Ein Teil von uns hatte in der Vorgängerband, den Trashmonkeys, gespielt. Ich bin dort im letzten Dreivierteljahr als Bassistin eingestiegen. Eigentlich war ich immer Sängerin gewesen und hab erst für die Trashmonkeys Bass gelernt, weil es halt spannend war für mich, etwas Neues zu machen. Und weil man als Musiker ja auch meist versucht, sich weiterzuentwickeln. Dann haben wir irgendwo im Süden ein Konzert gespielt und danach im Hotelzimmer abgehangen, James Brown Videos geguckt, geredet und Bier getrunken. Das war sehr witzig. Irgendwann sprachen wir darüber, auf was für Musik wir Lust hätten. Ich höre zum Beispiel gern alten Punk und alten Soul und meinte, dass ich Bock auf eine Band hätte, in der ich richtig singen könnte. Eine dreckige Soulband. Das war dann erst mal nur so rumgeschwärmt. Irgendwann wollten wir an dem neuen Trashmonkeys-Album arbeiten und haben dann während der Probe alles umgeworfen. Ich bin ans Mikro gegangen und der damalige Sänger an den Bass und schon entstand ‚Take It Back‘, der jetzt einer der Songs auf der Platte ist.“

Das war alles vor ungefähr zwei Jahren?

Milo: „Ja, genau.“

Rhonda, das klingt nach einem Frauennamen. Warum war dieser die passende Bezeichnung für euch als Band?

Milo: „Wir waren da wie gesagt an diesem Punkt, es gab die Trashmonkeys, die Hälfte von ihnen war noch dabei, der Sänger wollte andere Musik machen und dann haben wir kurz darüber nachgedacht, ob wir den schon bestehenden Namen einfach behalten. Allerdings war ja irgendwie alles neu, also ging das Überlegen weiter. Ganz viele Bands, die musikalisch in Richtung der Sechziger gehen, geben sich auch Namen, die danach klingen. Ich kam irgendwann mit Rhonda an, weil ich den Namen sehr schön finde und er nicht wirklich polarisiert. Außerdem heißt ja auch die Freundin von Alf so, oder ein Song von den Beach Boys. Alle fanden das dann ganz gut und so haben wir uns am Schluss dafür entschieden.“

Soul, Indie, Punk, Rock, Reggae, Bossa Nova – eure Musik scheint viele Elemente aus den unterschiedlichsten Genres zu vereinen. Wo würdet ihr euch selbst denn am ehesten einsortieren?

Milo: „Ich finde es immer ganz gut, wenn jeder das entscheidet, wie er möchte. Wer weiß, wie wir in ein paar Jahren klingen? Die Platte ist geworden, wie sie ist, weil wir das gemacht haben, was wir können und was wir wollten. Wir mögen alle gern Filmmusik, Westernsachen, alten Soul, sind aber auch teilweise ganz unterschiedlich.“

Ben: „Da kann alles passieren. Wir haben alle einen recht breit gefächerten Musikgeschmack und es kann gut sein, dass wir als Nächstes eine Nummer machen, die gar nicht auf das jetzige Album passen würde.“

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Vergleiche mit Duffy oder auch die verstorbene Amy Winehouse kommen sicher häufiger auf, wenn es darum geht, euren Sound zu beschreiben.

Milo: „Ja.“

Wie steht ihr dazu?

Milo: „Es sind zwei Sachen. Auf der einen Seite ist das einfach die Musik, die wir mögen und machen. Wir haben nie überlegt, was möglichst viel Erfolg nachsichziehen könnte und sind dann auf die entsprechende Welle aufgesprungen. Bezüglich der Vergleiche: Ich finde, dass sowohl Amy Winehouse als auch Duffy sehr talentierte und gute Sängerinnen sind. Deswegen nehme ich das als Kompliment. Ich habe dann aber auch irgendwann mal darüber nachgedacht, was man wohl sagen würde, wenn es die beiden nie gegeben hätte. Auch bei Amy Winehouse wurden verglichen, und zwar mit alten Soulsängerinnen.“

Ich glaube, wenn man sich Amy Winehouses und meine Plattensammlung angucken würde, könnte man da sicher die eine oder andere Übereinstimmung finden.

Hört ihr privat viel Musik, die sich im selben Spektrum wie die eure bewegt, oder geht es da auch mal in eine komplett andere Richtung?

Milo: „Ich hab früher viel Punk gehört. Also vor allem die Anfänge aus den Siebzigern.“

Ben: „Manchmal hat man halt so Phasen. Zum Beispiel bei mir vor Kurzem stark in Richtung Blue Grass.“

Milo: „Bei Hip-Hop mag ich zum Beispiel gern diese ganzen Neunziger Sachen. Atmosphere oder MF Doom.“

Und moderne Musik? Wie steht ihr zu dieser?

Ben: „Für mich sind die Neunziger Jahre modern. Mir geht das alles viel zu schnell.“ (lacht)

Milo: „Also ich habe mich da gerade gestern mit einer Freundin drüber unterhalten. Ich habe beobachtet, dass ganz viele Leute, die Musiker sind, oder aus diesen Kreisen kommen, meistens von moderner Musik eher abgeschreckt sind. Das hab ich noch nie verstanden. Ich finde, dass oft viel Quatsch im Radio läuft, aber dass es auch sehr gute moderne Musik gibt. Diese Freundin von mir arbeitet übrigens in Hamburg in einem kleinen Café, das sehr hip ist, und die hat dort einfach eine CD von Justin Bieber aufgelegt. Vor allem einen Song, den sie total geil findet. Ganz viele Menschen sind dann angekommen und haben sie gefragt, was sie da eigentlich hört, weil es ihnen gefallen hat. In dem Moment, wo sie gesagt hat, es sei Justin Bieber, ging das plötzlich gar nicht mehr für die. Super interessant. Ich hab mich irgendwann davon verabschiedet, zu schnell zu urteilen und bin offener.“

Die Worte populäre Musik sind für mich nicht mehr abstoßend. Hauptsache, da ist irgendwie Liebe drin. Dann kann ich alles respektieren, auch wenn ich die Musik nicht mag.

Ben: „Außer, es ist politisch inkorrekt.“

Was denkt ihr, warum hören viele Menschen auch 2014 noch gerne Musik, die nach vergangenen Klangepochen klingt? Es wird ja teilweise allen Künstlern vorgeworfen, nur noch zu kopieren und nichts Neues mehr zu machen.

Milo: „Das ist immer so bescheuert, weil es total leicht gesagt ist. Du steckst ganz viel Liebe und ganz viel Persönlichkeit in etwas rein und dann wird ganz schnell darüber geurteilt, ob das irgendwo geklaut sein könnte. Leute mögen alte Sachen, vielleicht, weil es ihnen ein behutsames Gefühl gibt. Sie lieben Filter auf Fotos, lieben es alte Bilder von ihren Eltern anzuschauen. Alles hat bräunliche, gelbliche, rötliche Töne. Bei der Musik kann ich mir das auch ein bisschen so vorstellen.“

Ben: „Vielleicht liegt es auch daran, dass es die Liedform schon sehr lange gibt. Es ist ganz modern, Liedformen aufzubrechen, sodass es keinen klaren Refrains mehr gibt, oder die Strophen verschwimmen. Ich kann mir vorstellen, dass der Mensch an sich einfach daran gewöhnt ist, ein richtig normales Lied zu hören. Vermutlich wird das also immer funktionieren.“

Milo: „Die Leute müssen sich entspannen. Jeder versucht, immer besonders individuell und krass zu sein. Du kommst in eine Stadt und alle sind Künstler, Musiker, schneiden Videos und machen dies und machen das, sind nebenbei Weltmeister im Triathlon, doch keiner besinnt sich wirklich auf das, was er eigentlich tut.“

Vor ein paar Wochen erschien mit „Raw Love“ euer Debütalbum. Inwiefern hat Liebe denn auch eine raue Seite?

Ben: „Ich glaube, das bezieht sich tatsächlich eher auf den Inhalt der Platte. Es steckt halt wirklich sehr viel Liebe drin, aber unser Sound ist dann doch eher rau. Das hab ich gerade nicht wirklich gesagt, oder? Hey Milo, unser Sound ist rau!“ (lacht)

Milo: „Yeah, rau.“ (lacht) „Liebe ist immer schön und in der Idealvorstellung oft ganz romantisch, dabei hat sie Tausende Seiten. Liebe kann genauso extrem wie eine Jugendkultur sein, fast schon roh. Auch Liebe und Hass liegen nah beieinander. Gar nicht, weil man eine Person oft erst liebt und sie vielleicht irgendwann dann hasst, sondern vielmehr, weil es beides sehr extreme Gefühle sind.

Wenn etwas roh oder rau ist, dann ist das eben ein sehr extremer Zustand, weshalb ich ‚Raw Love‘ als Titel für unser Album als sehr passend empfand. Er verrät nichts und alles.

Widmen wir uns kurz einem der Tracks von „Raw Love“ genauer. Worum geht es bei eurer Single „Camera“?

Milo: „Das ist tatsächlich der quatschigste Text von allen auf der Platte. Bei dem Song geht es mehr um das Gefühl des Liedes und weniger um Lyrics, die besonders tief gehen.“

Zu „Camera“ gibt es ein schönes Video, das euch bei einem Auftritt vor einer Menschenschar zeigt, die erst recht starr und unbeweglich wirkt und dann zunehmend in Ekstase verfällt. Wie erlebt ihr denn die tatsächlichen Besucher eurer Konzerte? Was machen eure Songs mit ihnen?

Milo: „Live ist das natürlich alles noch mal rauer als auf der Platte und hat schon fast einen punkigeren Anschlag. Die Songs sind irgendwie rougher!“

Ben: „Das hat vor allem mit der Lautstärke zu tun. Du kannst eben Lautstärke nicht aufnehmen. Sobald unsere Stücke auf Zimmerlautstärke laufen, haben sie nicht mehr die Gewalt, die sie haben, wenn man jemand vor der Bühne steht und uns als fünfköpfige Band erlebt.“

Milo: „Soul ist auch nicht berechenbar. Es kann immer alles anders kommen, als gedacht.“

Improvisiert ihr viel bei euren Gigs?

Milo: „Auf jeden Fall! Aber das passiert auch automatisch, wenn man etwas liebt und sich damit beschäftigt.“

Ben: „Das Publikum ist meistens ab der ersten Nummer schon relativ gut dabei. Was uns total schockt und was ich persönlich so noch nicht erlebt habe, in keiner Band, in der ich zuvor gespielt habe. Bei Rhonda funktioniert das aber. Da fließen sofort Energien in beide Richtungen. Das ist schön.“

Milo: „Extrem magisch. Wir sind sehr glücklich darüber.“

Dann sollten wir wohl abschließend empfehlen, eure anstehende Tour zu besuchen.

Milo: „Auf jeden Fall!“

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Fotos © by Christine Burkart