Read + Listen: Hannah Epperson

In Berlin by Martin

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Wer kennt sie nicht, die Vorfreude, mit der man zum anstehenden Konzert der Lieblingsband schreitet? Hohe Erwartungen und stimmungsgeladene Erinnerungen begleiten dabei oft den Gang in Richtung Veranstaltungsort. Manchmal werden wir im Folgenden bestätigt, manchmal hingegen maßlos enttäuscht. Doch wie verhält es sich bei einem Gig, bei dem uns der angekündigte Act noch nicht allzu viel sagt?

Lasst euch überraschen von Hannah Epperson und ihrer Mischung aus Klassik-Pop und Indietronica. Mit Violine und Loop-Pedal bewaffnet, konnte die in Salt Lake City geborene Musikerin bereits zahlreiche Kritiker in den USA und Kanada von sich überzeugen. Im Januar geht sie, eingeladen von dem neu gegründeten Kollektiv listencollective und uns als Präsentatoren, auf Deutschlandtournee. Nach eingehender Prüfung und Stunden voll auditiver Ekstase sind wir uns mehr als sicher, dass ihr die Auftritte der hübschen Blondine so schnell nicht vergessen werdet, und möchten deswegen einige unserer Leser zu selbigen einladen. Eine entsprechende Verlosung findet ihr – nach Interview und Hörproben – am Ende dieses Artikels.

Hannah Epperson (2)Wie sieht dein Verständnis von Musik aus?

„Gerstenfelder im nachmittäglichen Herbstschatten. Rotes Licht hinter Zigarettenqualm. Schneeverwehungen. Zeitungen nach einem heftigen Regenfall im Schmutz. Ein bebendes Espenwäldchen im August 1999. Dunkles Violett und dann Stadtlichter, die sich an tief hängenden Wolken spiegeln. Sprühnebel. Latex, Schlangenhaut, Ahornsirup. Musik ist wie der seltsame Äther, der alles andere aufschiebt. Sie ist gleichsam der Vorgang des Vorbeigehens und das, was vorbeigegangen ist. Für mich geht es bei Musik mehr um das Gefühl oder ein intuitives Verständnis als um technisches Wissen. Ich denke, ich kann sie genauso wenig verstehen, wie ich sie nicht verstehen kann.“

Woher stammt dein Bedürfnis, Künstlerin sein zu wollen?

„Von der Musik, dem Tanz, visueller Kunst und der Literatur. All dies waren signifikante Quellen der Freude und Lebensbestätigung in meiner Kindheit und meinen Teenagerjahren. Meine drei älteren Brüder spielten alle ein Instrument, als wir aufwuchsen, und unsere Gemeinde in Salt Lake City bestand hauptsächlich aus Künstlern und sozialen Ausreißern. Kreativität, Moral und zwischenmenschliche Beziehungen waren schon immer derart in mein privates Leben verstrickt, dass ich es mir anders nicht mehr vorstellen könnte. Mich umtreibt seit meinem achten Lebensjahr zudem eine obsessive Vergötterung von Björk, die mir eventuell auch in späteren Jahren ein Anreiz bot, weiter Musik zu machen.“

Die Geige ist innerhalb deiner Kompositionen sehr präsent. Was gefällt dir an diesem Instrument?

„Ich widmete mich mit circa fünf Jahren der Geige, nachdem meine Eltern meine Pläne, eine Flöte haben zu wollen, abgelehnt hatten. Damals war ich extrem von ‚Peter und der Wolf‘ angetan. Mir gefällt das Gefühl des Fließens, das ich beim Geigespielen habe. Kennt ihr es, wenn man eine neue Sprache lernt, und plötzlich beginnt, darin zu träumen? Manchmal habe ich den Eindruck, als könne ich in der Sprache der Violine träumen, weshalb ich mich mit ihr sehr wohl fühle. Außerdem lässt sie sich hervorragend transportieren, was ich auf Konzertreisen wertzuschätzen lernte. Teilweise kann ich zu Shows mit dem Fahrrad fahren, während ich mein Instrument und meine Pedals auf dem Rücken zusammengeschnürt habe. Das macht mich zu einer Art umweltbewusster Banditin oder so, was mir gefällt. Darüber hinaus gibt es eine zündende Beziehung zwischen Violine und weiblicher Stimme, weil sie sich das gleiche Klangspektrum teilen. Auf viele Arten habe ich das Gefühl, als würden wir in einem Dialog stehen, und dass meine Geige mir beigebracht hat, wie ich meine menschliche Stimme zum Singen nutzen kann. Ich zögere noch immer, mich selbst als Sängerin zu bezeichnen.“

In deinen Songs treffen klassische auf elektronische Elemente. Was dürfen die Hörer von dieser Fusion erwarten?

Zuallererst liebe ich es, auf der Tanzfläche rumzuzappeln, im Club zu schwitzen und mein Skelett aufgrund von heftigen Beats und Bässen unter meiner Haut schütteln zu hören. Gleichzeitig gerate ich aber auch in Ekstase, wenn ich auf dem Boden liege, meine Augen schließe und eine Klassikplatte höre. Diese beiden unterschiedlichen Erlebnisse triggern in mir eine gewisse Euphorie an. Da ich ein lebensliebender Nimmersatt bin, wollte ich das Ganze irgendwann kombinieren. Außerdem glaube ich, dass ich Teil der massiven Welle an jungen Leute bin, die von verschiedensten Impulsen beeinflusst wurden. Diese Vielseitigkeit führt zu einem integrativeren Ansatz, was das Komponieren betrifft. Das lässt sich überall beobachten. Aufregend. Außerdem genieße ich es, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die Sounds und Musik ganz anders auffassen als ich. Es gibt so viel Platz für Kreativität, Innovation und Spielereien, wenn man neue Wege finden muss, mit Leuten unterschiedlicher Herkunft und Gewohnheiten zu kommunizieren.“

Was bedeutet es für dich, als Künstler um die Welt zu reisen?

„Es gibt ungefähr 7000 verschiedene Sprachen, die immer noch auf dieser Erde gesprochen werden, und mit diesen auch unzählige Möglichkeiten, die Wirklichkeit zu erleben und mit ihr umzugehen. Ich spreche leider nur eine Sprache fließend, aber Musik hat ihre eigenen Kommunikationsregeln, die manche Unzulänglichkeiten unserer gesprochenen und geschriebenen Sprachen umgehen können. Teilweise kann ich es kaum glauben, wie sehr mich Musik berühren kann, die von einer Person oder einem Ort stammt, die oder der völlig entfernt von meiner eigenen Realität liegt. Es kommt mir vor, als wäre die Möglichkeit, als Musiker zu reisen, vergleichbar mit der Aufgabe, 12000 verschiedenfarbene Fäden miteinander zu verweben. Musik ist ein Prozess der Synthese, bei dem familiäre oder fremde Muster verbunden werden. Jede Person, die ich treffe, jede Geschichte, die ich höre, jedes Essen, das ich esse, jeder Weg, dem ich folge, beeinflusst auf mysteriöse Art und Weise meine Kompositionen. Die Musik, die ich auf der Bühne teile, ist eine Antwort auf die Bühne selbst, das Soundsystem, die Energie der Leute, die mit im Raum sind, und so weiter.“

Listen: Hannah Epperson

Gewinnspiel

Um abschließend Tickets für die anstehende Deutschlandtour von Hannah Epperson zu gewinnen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff „Hannah Epperson“ an martin@kultmucke.de. Einsendeschluss ist Dienstag, der 12.01.2016. Unter allen Teilnehmern verlosen wir insgesamt 2×2 Gästelistenplätze für ein Konzert eurer Wahl und 1×2 Gästelistenpätze für das Berlinkonzert. Bitte nennt euren vollen Vor- und Zunamen sowie die von euch präferierte Show in der geschickten Nachricht. Viel Erfolg!

Tourtermine