Read + Listen: Ian Fisher

In Berlinby Martin

Romantisierung. Unser Verstand ist eine Traumfabrik, mit der sich nicht einmal das amerikanische Hollywood messen kann. Was wir uns in unseren Köpfen ausmalen, übersteigt oft jedweden Grad an Realität und trieft nur allzu häufig vor naivem Kitsch.

So zum Beispiel auch das Bild des einsamen Vagabunden, der mit seiner Gitarre in der Hand durch die Lande zieht. Selbstverständlich in einem alten Van und stets mit einem Grashalm zwischen den Zähnen, auf dem er lässig herumkaut. Abends sitzt der dann am Lagerfeuer, lässt seine Finger über die Saiten seines Instrumentes gleiten und erzählt weise Geschichten zwischen fesselnden Songs. Im wahren Leben sieht der Alltag eines Musikers hingegen etwas anders auch, wenngleich es noch ein paar wenige unter ihnen gibt, denen tatsächlich ein wenig von diesem unnahbaren, geheimnisvollen Flair anhaftet. Wir schicken einen von ihnen, Mister Ian Fisher, auf Deutschlandtour, haben uns zuvor mit ihm unterhalten und verlosen Gästelistenplätze für seine Konzerte.

Ian Fisher by Andreas Jakwerth (2)Ian, es scheint, als wärest du immer auf dem Sprung und spieltest eine Tour nach der nächsten. Wie kommst du zwischendurch zur Ruhe?

„Ich spaziere gerne und mache dabei Lesepausen. Heute bin ich zum Beispiel sieben Stunden lang durch Wien gelaufen und habe, als es regnete, auf ein Geschichtsbuch in einem Café zurückgegriffen.“

Kultmucke präsentiert deine anstehende Deutschlandtour. Kannst du dich selbst an irgendein Konzert erinnern, das du besucht hast und dass du im Nachhinein als kultig bezeichnen würdest?

„Ich erinnere mich, Sufjan Stevens in einem kleinen Venue in St. Louis gesehen zu haben, als ich ein Teenager war. Es war, kurz bevor er das Album „Illinois“ veröffentlicht hat. Seine Band machte damals Cheerleaderbewegungen zwischen den einzelnen Songs. Das war damals ziemlich der Aufhänger. Er wirkte selbst gar nicht so begeistert, aber das Publikum liebte es. Ich würde das nie tun.“

Was denkst du als Künstler, wenn das Publikum bei einem Auftritt plötzlich still wird und deiner Musik lauscht, ohne dabei Geräusche zu machen?

„Das hängt davon ab, ob die Leute irgendwann reagieren oder nicht. Viele deutsche Publika sind recht still, aber nach den Songs applaudieren sie und manchmal siehst du Menschen, die das, was du singst oder sagst, sogar amüsiert.“

Ruhe bei meinen Shows nehme ich als etwas sehr Respektvolles und Großartiges wahr.

„Ich habe vor vielen Konzertbesuchern, vor allem in den Niederlanden und der Schweiz gespielt, von denen gar nichts zurückkam. Egal, was ich auch tat. Ob sie etwas mögen oder nicht, zeigen sie in keinster Form physischen Ausdrucks. Es ist, als performe man vor einer Wand. Für mich waren diese Shows Zeitverschwendung und sehr entmenschlichend.“

Hast du denn andererseits irgendwelche Methoden bei der Hand, wenn es im Publikum zu rumoren beginnt?

„Wenn ich allein vor einer quatschenden Masse spiele, dann nutze ich meistens verschiedene Dynamiken. Ich werde dann manchmal sehr laut und plötzlich wieder leise, bis die Leute so frustriert sind, laut über die Musik hinwegreden und dann wieder flüstern zu müssen, dass sie entweder aufgeben oder gehen. Mit Band ist das schwieriger. In diesen Fällen spiele ich meist einfach lauter, bitte den Tontechniker darum, die Monitore hochzufahren, fixiere meine Augen auf das Exit-Zeichen am Ende des Raumes und beginne, die Songs herunterzuzählen, die es noch braucht, bis ich fliehen kann und nie wieder zurückkomme.“

Musstest du je ein Konzert abbrechen?

„Vor ein paar Jahren trat ich im Sommer in einer Kirche auf, in der ich ein Solo-Akustikset präsentierte. Ich performte die sanftesten, intimsten und traurigsten Songs, die ich je geschrieben habe, als plötzlich ein paar kleine Kinder direkt vor mir zu spielen begannen. Da waren also ungefähr 500 schweigende sowie lauschende Erwachsene und diese zwei lauten Kinder. Es fühlte sich sinnlos an, ein Konzert in diesem Kontext zu geben. Ich konnte mich selbst nicht mehr ernst nehmen. Also hörte ich mitten in einem Song auf.

Ich liebe Kinder. Hippie-Eltern mag ich allerdings nicht.

Vor ein paar Monaten erschien dein neues Album „Nero“. Wo liegen deiner Meinung nach die Stärken und wo die Schwächen der Platte?

„Ich bin zu dicht dran, um das beurteilen zu können. Das ist der Grund, warum Journalisten Reviews schreiben und Hörer sich ihre eigene Meinung bilden.“

Americana, Folk, Country – kannst du dich mit diesen typischen Songwritergenres identifizieren?

„Ja, ich fühle mich mit allen von ihnen verbunden.“

Du bist Teil des Melodica-Netzwerks. Inwiefern ist das bereichernd für dich?

„Seit sieben Jahren gehöre ich zur Melodica-Familie. Ich habe einige meiner besten Freunde über dieses Netzwerk kennengelernt. Es ist schwer, irgendwo anders derart viele Leute an einem Ort zu finden, die alle das gleiche Vagabundenleben leben.“

Listen: Ian Fisher

Tourtermine

19.11.2016 // Dachau, Dachauer Kulturschranke
20.11.2016 // Timelkam, Bart
24.11.2016 // Wattens, Gasthof Neuwirt
25.11.2016 // Steyr, Röda
27.11.2016 // Waldviertel, Salon Ditta
30.11.2016 // München, Feierwerk
01.12.2016 // Dresden, Ostpol
02.12.2016 // Halle, Brohmers
03.12.2016 // Berlin, Badehaus
05.12.2016 // Hamburg, Kleiner Donner
06.12.2016 // Erfurt, Museumskeller
07.12.2016 // Darmstadt, Frischzelle
08.12.2016 // Köln, Blue Shell
10.12.2016 // Mainz, Schon Schön
11.12.2016 // Bielefeld, Falkdendom

Gewinnspiel

Um Tickets für die Tour von Ian Fisher zu gewinnen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff „Ian Fisher“ an martin@kultmucke.de. Einsendeschluss ist Freitag, der 21.10.2016. Unter allen Teilnehmern verlosen wir insgesamt 1×2 Gästelistenplätze für ein Konzert nach Wahl und 1×2 Tickets für die Berlinshow am 03.12. im Badehaus. Bitte nennt euren vollen Vor- und Zunamen sowie die von euch präferierte Stadt in der geschickten Nachricht. Viel Erfolg!