Unverhofft kommt oft: Róisín Murphy im Gespräch

In Musik by Martin

Genre:

Überraschungen sind die Würze in der Suppe des Lebens. Unverhoffte Ereignisse, kleine Geschenke oder vielleicht auch nur ein Lächeln, das uns jemand in der U-Bahn zuwirft – all diese Dinge bringen den drögen Alltag in Schwung.

Nach ihren Erfolgsalben „Ruby Blue“ (2005) und „Overpowered“ (2007) wurde es lange Zeit still um die Ex-Moloko-Frontrau, Róisín Murphy. Nicht zuletzt, weil aus der extrovertierten Powerfrau eine Mutter geworden war. 2014 kehrte Murphy dann aber schließlich mit der italienischen „Mi Senti“-EP zurück ins musikalische Rampenlicht und setzte 2015 mit dem Longplayer „Hairless Toys“ noch eins drauf. Doch damit nicht genug! Bereits wenige Monate später verkündete sie einen weiteren Release – zur Überraschung aller Fans und Kritiker. Wir freuen uns im Rahmen dessen nicht nur über das erneute Sprudeln von Miss Murphys Kreativitätsquelle und die Veröffentlichung von „Take Her Up To Monto“, sondern vor allem auch über das Glück, dass wir die sympathische Gallionsfigur des Electropops zum persönlichen Interview treffen konnten. Das nächste Mal live erleben könnt ihr Róisín Murphy übrigens auf dem Lollapalooza Festival, das vom 10. bis 11. September im Treptower Park stattfinden wird.

Roisin MurphyRóisín, wie geht es dir?

„Mir geht es sehr gut, danke. Ich habe viel zu tun.“

Hast du neben der Promotion für dein neues Album noch andere Pläne für deinen Berlinaufenthalt?

„Nein, leider nicht. Es geht Schlag auf Schlag und dann zurück.“

Du faszinierst Leute rundum die ganze Welt. Wie wichtig ist eine treue Anhängerschaft für dich?

„Sie ist das Wichtigste. Die Fans sorgen dafür, dass ich weitermache. Es überraschte mich, wie stark meine Fangemeinde noch immer war, als ich mit ‚Hairless Toys‘ zurückkehrte.“

Das führt uns direkt zu einer anderen Frage. Als du nach einer längeren Pause dein neues Material veröffentlichen wolltest, warst du erst unsicher, ob das funktionieren und von den Hörern angenommen werden würde.

„Ja!“

Wie hast du diese Angst rückblickend überwunden?

„Ich denke, mit ‚Mi Senti‘ zu starten, nachdem ich eine Weile weg gewesen bin, war eine gute Entscheidung. Eine EP, in der ich auf Italienisch sang, eröffnete mir eine neue Perspektive und gab mir den Mut, zurückzukehren.“

Mit ‚Mi Senti‘ hatte ich eine Art Nebelvorhang heraufbeschworen, wodurch die Leute verwirrt waren.

„Ich bin sehr stolz auf die Platte. Sie führte dann auch zu ‚Hairless Toys‘, vor allem weil ich wieder mit Eddie Stevens zusammengearbeitet hatte.“

Ein Dreamteam, das sich schon zu Zeiten von Moloko bewährt hat! Apropos. Momentan gibt es zahlreiche Bands, die sich wiedervereinen. Was denkst du darüber und war das für Moloko jemals interessant?

„Nein, für Moloko war das nie Thema. Und auch bei anderen Bands finde ich das wenig spannend. (lacht) Oh, das stimmt gar nicht! Da waren ja The Stooges! Als sie sich ans Werk machten, wieder miteinander zu spielen, sah ich sie im Hammersmith Apollo und das war eine Reunion! Brillant!“

Also gibt es zumindest ein paar Ausnahmen, bei denen es sich doch lohnt?

„Ja!“ (lacht)

Man konnte jüngst feststellen, dass du in deinem Live-Set noch immer ein paar Moloko-Tracks versteckt hast. Fühlt es sich für dich anders an, diese zu performen, im Vergleich zu deinem Solomaterial?

„Nein. Jedes Album, das ich gemacht habe, und das gilt auch für die mit Moloko, repräsentiert eine andere Ära in meiner Entwicklung. Natürlich fühlen sich die Stücke dann auch immer ein wenig nach der entsprechenden Periode an. Man kann die Zeit dadurch quasi etwas wiedererleben. Allerdings ist es kein großer Unterschied, ‚Forever More‘ oder ‚Overpowered‘ zu spielen.“

Viele Fans hat es gefreut, Titel wie das eher weniger bekannte, sehr kurze „Dirty Monkey“ auf deiner letzten Tour hören zu können. Wie kam es zu dieser Auswahl?

„Als Teil der Show funktionierte es super, ‚Dirty Monkey‘ dabeizuhaben und dadurch in der Lage zu sein, herumzuschreien und –albern, bevor man mit einem Dancetrack weitermachte. Der Song hatte auch die Funktion eines Störfaktors und sollte das Publikum verunsichern, sodass sie sich fragen mussten, was sie im Folgenden erwarten würde. (lacht) Ich habe diese kleinen Zwischensongs leider auf keiner meiner eigenen Platten mehr gemacht.“

Während du dir eine Pause vom Musikerdasein genommen hast, wie sehr haben dir das Business, die Konzerte und all der Trubel gefehlt?

„Wirklich vermisst habe ich das alles nicht. Als es dann soweit war und das Gefühl aufkam, fing ich wieder an, Musik zu machen.“

Kinder zu haben ist sehr erfüllend. Wobei ich nicht gedacht hätte, dass ich so lange von der Bildfläche verschwinden würde.

„Aber die Jahre zogen eben auch extrem schnell vorbei.“

Als wäre da etwas vom Himmel gefallen, erreichte uns die Nachricht, dass du mit „Take Her Up To Monto“ nur ein Jahr nach „Hairless Toys“ schon wieder ein Album veröffentlichen wirst. Woher kommt diese Platte?

„Nun, die Songs entstanden allesamt in einem großen Zyklus, und zwar für beide Alben. Wir stellten ‚Hairless Toys‘ fertig, tourten und kehrten dann zurück ins Studio, um noch einmal an dem Rest der verbliebenen Stücke zu arbeiten. Deswegen ist die Spanne zwischen den Veröffentlichungen der LPs auch so kurz. Sie sind miteinander verbunden und sollen keineswegs fern voneinander sein. Wie Bruder und Schwester, Schwester und Schwester oder Bruder und Bruder.“

Ist es denn eine Folge deiner langen musikalischen Abstinenz, dass plötzlich derart viel Material aus dir herausprudelte.

„Ich glaube, das funktioniert nicht auf diese Weise. Vielmehr ergab sich die Menge an Ideen während des Songwritings und der Kollaboration mit Eddie Stevens. Wir kennen uns beide so gut und es gibt nur wenige Beschränkungen zwischen uns. Er ist einer meiner besten Freunde. Daher ist es leicht, kreativ mit ihm zu sein und Dinge auszuprobieren. Außerdem braucht es keine großen Diskussionen darüber, was wir machen. Mit unbekannten Produzenten, die ich zuvor noch nicht getroffen habe, kann das auch passieren, aber es ist schwerer und man muss zuvor bestimmte Grenzen überwinden. Manchmal hast du Angst, dass sie das, was du willst, nicht umsetzen können und andererseits haben sie vielleicht ebenfalls Angst, dass du nicht umsetzen kannst, wovon sie dachten, du könntest es. (lacht) Bei mir und Eddie gibt es das nicht.“

Du sagtest „Hairless Toys“ und „Take Her Up To Monto“ sind wie Geschwister. Wenn du dennoch eine feine Linie zwischen ihnen ziehen müssten, worin unterscheiden sich die beiden Platten?

„Vielleicht ist ‚Hairless Toys‘ das nette Kind, das zurückhaltender daherkommt, wohingegen ‚Take Her Up To Monto‘ etwas Ärger verursacht, was dich aber nicht darin beeinflusst, es für seine Art zu lieben. ‚Take Her Up To Monto‘ ist extremer. Extremer in Richtung Pop einerseits, wenn man an ‚Ten Miles High‘ denkt. Wir hatten Respekt vor dem Stück und wollten es nicht übertreiben. Andererseits sind die Songs auf ‚Take Her Up To Monto‘ auch komplizierter. Als wir ‚Hairless Toys‘ fertigstellten, schienen uns die Stücke, die jetzt auf ‘Take Her Up To Monto’ sind, etwas zu angsteinflößend. Deswegen entschieden wir, dass wir später noch einmal an ihnen arbeiten würden. ‚Mastermind‘ zum Beispiel ist ein Monster von einem Track.“

Der Titel „Take Her Up To Monto“ ist eine Hommage an deinen Vater.

„Es gibt da dieses irische Volkslied, das mein Vater stets sang. Ein sehr cleveres, satirisches Stück. Große Teile irischer Geschichte werden darin vereint. Es ist sehr lustig und erzählt von dem Dubliner Rotlichtbezirk, rundum die ehemalige Montgomery Street. Gleichzeitig hat es diese schöne Melodie, die mein Dad gerne singt. Das macht er selbst heute noch, wenn wir Arm in Arm die Straßen entlang laufen. Ich setze dann oft mit ein.“

‚Take Her Up To Monto‘ wurde zu einem Teil meines Rhythmus. Ein post-modernes Fragment davon, was und wer ich bin.

Du scheinst eine gute Verbindung zu deinem Vater zu haben. Wolltest du das mit dem Titel zum Ausdruck bringen?

„Ja, ein bisschen schon. Außerdem wollte ich aber auch meiner irischen Herkunft Tribut zollen. Dieser Song ist in Irland enorm bekannt. Man muss sich also vorstellen, was die Iren wohl dachten, als sie hörten, dass ich das Album ‚Take Her Up To Monto‘ nennen würde. Ich bin eine Electrokünstlerin und niemand, bei dem man sofort an Irland denkt. Obwohl ich Róisín Murphy heiße. Wie viel irischer geht es? Dennoch werde ich nicht mit irischer Musik identifiziert und ich war gespannt auf die Reaktionen der irischen Leute.“

Welche Rolle spielt Musik in der Erziehung deiner Kinder?

„Sie ist einfach da. Ich denke dabei jedoch nicht an Erziehung. Meine Kinder sind noch sehr jung, ich habe also noch etwas Zeit. Sie sollen Spaß haben und sich ausprobieren dürfen. Es gibt ein Piano im Haus. Ich habe es gekauft, als sie noch ganz klein waren.“

Sie müssen aber nicht daran übern?

„Nein, sie fabrizieren nur Quatsch darauf. Im Moment.“ (lacht)

Passend zu deinen beiden letzten Alben fingst du an, bei den entsprechenden Musikvideos selbst Regie zu führen. Wie kam es dazu?

„Ich war ein bisschen neidisch auf FKA Twigs, als ich sah, wie sie erklärte, dass sie dies und das und jenes selbst inszeniert hätte. Dann dachte ich mir, dass ich das verdammt noch mal auch will! Das war mir schon ewig ein Bedürfnis. Sobald sich die Chance anbot, ergriff ich sie. Es ist aber ein recht harter Job. Nur liebe ich ihn! Und ich bin sehr stolz auf die Ergebnisse!“

Zurecht. Die Videos für „Hairless Toys“ waren großartig und schienen eine Geschichte zu erzählen.

„Sie waren alle miteinander verbunden, was den Stil betrifft. Als wären sie Trailer für größere Filme. Dadurch waren sie recht cineastisch. Der Hauptcharakter verändert sich allerdings mit jedem Video. Zuerst ist sie eine Schauspielerin und Model, dann Hausfrau und schließlich eine Kabarettistin. Es wirkt, als wäre es immer dieselbe Frau, die in verschiedenen Filmen unterschiedliche Rollen spielt.“

Dürfen wir denn auch bald einen ersten Film von dir erwarten?

„Vielleicht.“

Regie zu führen gefällt mir und ich werde immer besser darin.

„Ich denke über Film und Kunst nach. Über Gallerien und Installationen. Warum sollte man das alles nicht miteinander verknüpfen?“

Vielen Dank, Róisín. It was a pleasure.

„Ebenfalls.“