Kultverdächtig: Sagolik

In Musikby Martin

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Ein Treffen mit alten Freunden ist etwas Schönes – vor allem dann, wenn diese Neuigkeiten zu verkünden haben. „Kultverdächtig“, die Rubrik für Künstler fern des Mainstreams, macht sich mit seinem letzten regulären Beitrag für dieses Jahr auf den Weg, um Stina Koistinen, Frontfrau der von uns sehr geschätzten Band Color Dolor, erneut einen Besuch abzustatten. Doch möchten wir mit ihr dieses Mal nicht über jenen Haufen bunter Vögel reden, mit denen die 29-Jährige schon einige Erfolge feiern durfte. Nein, es geht um ein anderes Herzensprojekt der Sängerin: Sagolik.

 Zwei vom selben Stern

Sagolik by Timo WrightWas bedeutet Musik für euch?

Sie ist wie eine parallele Realität oder ein Ort, an dem Grenzen dazu gemacht sind, überschritten zu werden. Den Großteil der Zeit stellt sie ein Heiligtum dar, aber manchmal bringt sie auch Qualen mit sich. Vor allem, wenn es dann am Ende ums Geschäft geht.

Im Herbst 2008 lernen sich Stina und Juho über die Gesangslehrerin Sanni Orasmaa kennen. Beide sind zu dieser Zeit auf der Suche nach akustischer Freiheit. Und diese sollen sie auch finden, nämlich in dem gemeinsamen Projekt Sagolik. Ganz nach der Devise „Wir tun einfach das, was wir wollen“ folgen die zwei exzentrischen Tonliebhaber seitdem ihren extravaganten Klangvisionen. Wenig charttauglich, dafür aber umso ausgefallener in Aufbau, Spannung und Verlauf, überzeugen Sagoliks Kompositionen durch einen fast nicht mehr anzutreffenden Erfindergeist. Dass sich dieser auch ganz hervorragend auf die Arbeiten anderer Musiker übertragen lässt, zeigt Sagoliks Interpretation von Gary Jules „Mad World“, das wiederum im Original von Tears For Fears stammt, und das die Finnen exklusiv für dieses Feature eingespielt haben.

„Wir wollten etwas Düsteres und gleichzeitig Schönes, das zum November passt. Der Track ist auch auf dem Soundtrack des Films ‚Donnie Darko‘ zu finden und blieb uns direkt im Gedächtnis. Auch das Video dazu ist toll. Ein großartiges Stück Kunst! Bei unserer Version ist die Stimmung ein bisschen weniger ruhig. Außerdem ist die Instrumentierung natürlich anders.“

Sagolik stürzen „Mad World“ in ein flackerndes Chaos und unterstreichen damit gleichzeitig die Lyrics des doch eher pessimistisch dreinblickenden Songs. Dramatik scheint generell ein Mittel zu sein, dessen sich Stina und Juho nur allzu gern bedienen. Bisher hat das Gespann zwar noch kein Album auf den Markt gebracht, doch lassen sich auf Sagoliks Soundcloud-Profil acht bewegte Beispiele für die Experimentierfreude des Duos bewundern.

Der Großteil eurer Stücke ist auf Finnisch eingesungen. Warum?

„Es geht einem näher, wenn man in seiner Muttersprache singt. Finnisch ist eine sehr spezielle Sprache und es macht Spaß mit ihr umzugehen. Es ist schon brutal, denn wenn der Text schlecht ist, gibt es kein Entkommen mehr.“

Schlechte Texte sucht man bei Sagolik allerdings vergeblich. Mit größter Sorgfalt wählt allem voran Stina die Gedichte und Texte aus, die zur Grundlage der Arbeiten von Sagolik werden – denn, was man wissen muss, nur selten stammen die Lyrics des Duos tatsächlich aus den eigenen Federn. Sagolik lieben es vielmehr, sich den Worten Anderer anzunehmen und diese auf neu zu inszenieren beziehungsweise sie erstmalig zu vertonen. Hinzugesellt sich immerfort das akzentuierte und dynamische Cellospiel Juhos – stets auf den Punkt und von interessanten Wendungen durchdrungen.

Was macht die Kombination aus Stimme und Cello erfolgreich?

Der Raum zwischen ihnen und der Klang dieser beiden Instrumente. Andererseits liefert die Ähnlichkeit von Cello und menschlicher Stimme auch eine solide Grundbasis.

Auf einem bruchfesten Fundament lassen sich selbst die ausgefallensten Gebäude errichten. Im Fall von Sagolik bedeutet das eine Vielzahl graziler Kompositionen, denen im gleichen Moment jedoch auch eine ungeheure Massivität innewohnt. Muster und klare Abläufe in Tracks wie „Einsteinin Aivot (Maritta Kuula)“ oder „Tuulisella terassilla (A-M Kähärä)“ enttarnen zu wollen, gleicht dabei der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Flüchtige Impulse sind das Handwerkszeug von Sagolik und dieses wissen sie gekonnt einzusetzen. Es hat fast schon etwas von auditivem Theater, was das Duo da regelmäßig veranstaltet. Dass sich damit der Massengeschmack allerdings eher weniger bedienen lässt, ist Stina und Juho klar. Doch scheint die finnsche Musikszene trotz alledem einen guten Nährboden für sie darzustellen.

„Mit dem Mainstream verhält es sich wie im Rest Europas und den Staaten. Glücklicherweise ist aber die Alternative-Szene sehr experimentierfreudig und bietet etliche Variationen an Genres. Die Anzahl und Qualität guter Musiker ist sehr hoch und gerade an den Wochenenden findet man in Helsinki eigentlich immer interessante Liveshows. Neue Veranstaltungsorte wären dennoch herzlich willkommen.“

Wenn alle Stricke reißen, helfen oft auch Coversongs, um ein Publikum zu erreichen, da die Leute mithilfe dieser meist schneller eine Verbindung zu der dargebotenen Musik finden können. Neben dem für Kultmucke eingespielten „Mad World“ haben auch Sagolik noch weitere Klassiker wie Ane Bruns „Tree House Song“ oder Björks „Scary“ im Repertoire.

Welche Herausforderungen seht ihr beim Covern?

„Auch wenn wir die Arrangements verändern, soll die Wertschätzung des Originals immer im Vordergrund stehen. Es gibt tolle Songs, bei denen das einfach nicht gelingen mag. Uns als Band fordert es heraus, zu erkennen, was funktioniert und was nicht.“

Zwei gestandene Künstler – das sind Stina und Juho. Schon während ihrer Schulzeit probierten sich die beiden in verschiedensten Bands aus und sammelten dabei ihre Erfahrungen. Später folgte für sie, unabhängig voneinander, der Einstieg in die Industrie. Juho ist heute als Vollzeitmusiker tätig und auch Stina konzentriert sich vollkommen auf ihre Solokarriere, Sagolik oder ihre Band Color Dolor, wenn sie nicht gerade in einer Vintage-Boutique jobbt, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, oder Kurse an der Universität besucht, an der auch Juho eingeschrieben ist.

Stina, worin siehst du Vor- und Nachteile, wenn du die Arbeit bei Sagolik mit der bei Color Dolor vergleichst?

„Es ist auf jeden Fall etwas völlig Anderes, ob du als Duo oder Quartett zusammenarbeitest, denn es macht einen Unterschied, ob es zwei oder vier Meinungen gibt. Zudem sind auch die Arbeitsmethoden verschieden, was an den jeweils gesetzten Zielen liegt. Bei Sagolik ist alles ein wenig lockerer. Wir spielen Gigs, wenn wir sie angeboten bekommen, und schreiben Songs, wenn wir uns danach fühlen. Aufgrund unseres sehr akustischen Settings sind wir zudem sehr flexibel, wenn es um Auftritte geht. Bei Color Dolor braucht es hingegen immer eine Soundanlage. Darüber hinaus haben wir mit Color Dolor sehr genaue Vorstellungen und Pläne, was die Veröffentlichungen unserer Arbeiten betrifft.“

Sagolik (2)Gut Ding will eben manchmal Weile haben. Und ganz ohne Plan sind Sagolik dann auch wieder nicht. Im Stillen hat das Duo bereits fünf originelle und weitläufige Tracks produziert, die nur noch darauf warten, endlich das Licht der Welt erblicken zu dürfen.

Wir sollten noch ein paar Songs aufnehmen und dann den passenden Kanal für sie finden. Das Geschäft mit CDs versinkt ja aktuell im Marianengraben.

Sagolik gewähren sich und ihrer Musik die nötige Luft zum Atmen. Anstatt voreilig und überlegt in irgendwelche Kurzschlusshandlungen zu verfallen, lassen Stina und Juho lieber die eine oder andere Gelegenheit an sich vorbeiziehen – wohl wissend, dass dies nicht das Ende bedeuten muss. Immerhin ist es ihr erklärtes Ziel, die Freiheit beim Musizieren beibehalten und genießen zu können.

Was würdet ihr unseren Lesern gern abschließend mitteilen?

„Respektiert und liebt alle Formen des Lebens. Seid gut zueinander, zu Tieren und der Natur. Überdenkt euer Konsumverhalten. Lebt für den Moment, vergesst aber nicht die Generationen nach euch. Hört nie auf, neugierig zu sein und die Dinge ergründen zu wollen.“

Kultverdächtig

Das schwedische Wort sagolik bedeutet legendenumwoben. Um zur Legende zu werden, bedarf es neben einer gewissen Rätselhaftigkeit und der Tatsache, sich von der grauen Masse abheben zu können, auch einer Tiefe und Leidenschaft, die man in den Werken Sagoliks definitiv anzutreffen vermag. Ihr Mut, mit den eignen Songs gegen den glatt gestrichenen Kollektivgeschmack zu rebellieren, macht Stina und Juho nicht nur zu Revoluzzern, sondern darüber hinaus zu wahrhaftigen Künstlern.

Gewinnspiel

Kultmucke verlost passend zu diesem Feature zwei handgefertigte und signierte CDs von Sagolik. Wer sich die Chance darauf nicht entgehen lassen will, der schickt bis spätestens kommenden Mittwoch, den 12.11.2014, eine Mail mit dem Betreff „Sagolik“ an martin@kultmucke.de. Unter allen Einsendungen werden die Gewinner zufällig ermittelt. Die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Interessante Links

Soundcloud-Profil von Sagolik

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