Kultverdächtig: Sepiatone

In Musikby Martin

Nachdem sich „Kultverdächtig“ seit seiner Gründung vorrangig um den akustischen Nachwuchs gekümmert hat, wollen wir heute das Blatt wenden und ein Projekt betrachten, das bereits seit über einem Jahrzehnt besteht. Dafür reisen wir einmal quer durch die Musikgeschichte und gelangen zu zwei Künstlern, die schon an der Seite namhafter Acts wie Nick Cave oder John Parish gespielt haben, und darüber hinaus mit Legenden wie Mick Harvey befreundet sind. Kommerzieller Erfolg ist flüchtig, Talent hingegen beständig. Wir freuen uns sehr, zwei wirklich begnadete Musiker im Kreise unserer „Kultverdächtig“-Familie begrüßen zu dürfen: Marta Collica und Hugo Race – bekannt als das australisch-italienische Duo Sepiatone

Musik mit Charakter

Sepiatone (1)Was bedeutet Musik für euch?

Musik ist wie ein Familienmitglied, ein Geschenk des Alltags, etwas, mit dem man aufwächst.

Wo soll man nur anfangen, die Geschichte von Marta Collica und Hugo Race alias Sepiatone zu erzählen? Das Puzzle, welches es zusammenzusetzen gilt, hat derart viele Teile, dass bei dem Versuch, ein aussagekräftiges Bild damit zu formen, definitiv ein paar Lücken zurückbleiben werden. Zum ersten Mal treffen sich Marta und Hugo Ende der Neunziger Jahre. Marta ist damals Teil der Band Micevice, deren Debütalbum von Hugo, als gestandenem Rockmusiker, produziert wird. Die Chemie zwischen den beiden stimmt auf Anhieb und so beginnen sie kurz nach der Fertigstellung der Platte, weitere Aufnahmen und Lyrics auszutauschen – per Kassette und Fax. Das ist die Geburtsstunde von Sepiatone.

Wann war für euch klar, dass ihr zusammen Musik machen wollt?

„Bevor wir es wirklich wollten, hatten wir schon damit angefangen. Es wurde schnell zu einer natürlichen Sache, wie eine nächtliche Unterhaltung, die ihre ganz eigene Dynamik hat.“

Marta und Hugo gehören zu einer Spezies, die man heutzutage nur noch selten antrifft. Sie sind echte Vollblutmusiker und haben sich mit jeder einzelnen Faser, ihrer Arbeit verschrieben. Nun, vielleicht ist Arbeit sogar das falsche Wort, Musik zu machen scheint für die beiden tatsächlich eine Art Lebensaufgabe zu sein.
In Sizilien geboren wächst Marta unter der Sonne Italiens auf. Während sie als Mädchen mit ihren Puppen spielt, ertönen plötzlich geheimnisvolle Klänge aus dem Nebenzimmer. Martas Mutter hat den Soundtrack zum Film „Doktor Schiwago“ aufgelegt und das veranlasst ihre Tochter, ihr Spiel zu unterbrechen und der Musik zu folgen. Mit dem Überschreiten der Türschwelle hin zu dem angrenzenden Raum, betritt die dunkelhaarige Schönheit gleichsam eine Welt, die sie schon wenige Jahre später ihr Zuhause nennen wird.
Hugo, seines Zeichens Kind der wilden Sechziger, wird hingegen 1983 Teil einer Band, die sich Nick Cave & The Bad Seeds nennt. Zusammen mit Frontmann Nick Cave sowie den Musikern Mick Harvey, Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) und Barry Adamson nimmt der Melbourner „From Her Eternity“ auf – ein Album, das noch heute zu den wichtigsten Platten des Rocks zählt. Doch Hugo ist rastlos und stets auf der Suche nach etwas Neuem. Als Odysseus der Szene segelt er durch die verschiedensten akustischen Gewässer, strandet unter anderem bei The Wreckery und Dirtmusic, schlägt sich als Solokünstler sowie mit den Projekten Hugo Race Fatalists  und Hugo Race & The True Spirit durch die unruhige See, behauptet sich als Produzent und landet schließlich and der Seite der Sirene Marta Collica.
2000 erscheint dann Sepiatones Debüt „In Sepiatone“.

Sepiatone (2)Marta, welche Gefühle hast du in Bezug auf „In Sepiatone“?

Marta: „Ich habe viele Erinnerungen an all die Orte, an denen wir das Album geschrieben und aufgenommen haben. Wir arbeiteten zu ungewöhnlichen Zeiten an mächtigen Locations. Ich höre förmlich noch, wie die Wellen sich am Ufer brachen, wie sich Klänge aus der Natur mit denen aus der Musik verbanden. Genau das ist ‚In Sepiatone‘ für mich noch heute.“

Es ist eine Mischung aus Schlichtheit und Raffinesse, die „In Sepiatone“ zu einem atemberaubenden Album macht. Während im Hintergrund Möwen kreischen und der Ozean sein Wiegenlied singt, ertönen cineastisch aufgeladene Instrumentierungen. Zudem beweist Marta Collica, das einer fragilen Stimme wie der ihren, eine ganz eigene Eleganz innewohnt.

Viele Songs nahmen wir auf, während wir improvisierten. Das war magisch!

Die Magie nahm ihren Lauf und führte 2004 zur Veröffentlichung einer weiteren Platte, mit dem Namen „Darksummer“. Etwas urbaner und vollmundiger als sein Vorgänger besticht Sepiatones Zweitwerk durch eine laszive Aufgeladenheit. Ihre Liebe zu Filmen aus den Sechzigern und Siebzigern, der Marta und Hugo übrigens auch ihren Bandnamen Sepiatone widmeten – als Analogie zu der damals gängigen Bildästhetik – findet dabei in Stücken wie „Greenhouse“, „Twilightone“ oder „Inside The Sun“ ihren Anklang. Dazu mischen sich Rhythmen aus Bossa Nova und Loungemusik, denen auch teilweise italienische Lyrics beigestellt werden („Di Fianco“, „Ektachrome“, „C’é Dio“).

Inwiefern unterscheidet sich „Darksummer“ aus eurer Sicht von „In Sepiatone“?

„Es ist ausladender. Wir experimentierten sowohl mehr mit Klängen als auch mit dem Songwriting. Außerdem reisten wir während der Produktion oft zwischen Sizilien und Melbourne hin und her, wodurch sich viele Einflüsse kreuzten. Die Grundfesten unserer Klanglandschaften blieben jedoch dieselben.“

Nach „Darksummer“ wurde es wieder ruhiger um Sepiatone. Marta und Hugo fokussierten sich erneut auf ihre Solokarrieren und die zahlreichen anderen Projekte, in die sie involviert sind. Doch herrschte in all der Zeit keineswegs Funkstille zwischen dem musikalischen Gespann. Neun Jahre nach ihrem letzten Release folgt 2013 mit „Echoes On“ Album Nummer drei.

Worum dreht sich „Echoes On“ thematisch?

Lebenswandel, drastische Veränderungen und um die Zweifel und den Nervenkitzel, welche daraus resultieren.

„Echoes On“ erinnert den Hörer an vergangene Tage, lädt ihn dazu ein, seine Gedanken schweifen zu lassen, und bietet darüber hinaus einen Gegenentwurf zur Hektik des 21. Jahrhunderts an. Schon der Opener „Conflicted“ greift dabei thematisch die Flucht aus dem Alltag auf. Nur bleibt fragwürdig, an wen die entsprechende Botschaft eigentlich gerichtet war. So besingt Marta Collica den Moment, indem eine erste Skepsis die anfänglichen Euphorie, in Richtung eines neuen Morgens aufzubrechen, verdrängt. „Shallow Tears“ beweint jene Erkenntnis und begeistert durch eine Klangszenerie, die man so zuletzt bei Serge Gainsbourgs und Brigitte Bardots Duett „Bonnie & Clyde“ vernommen hat.

Es gibt dieses brillante Video zu „Shallow Tears“. Was könnt ihr zu dem Dreh dessen berichten?

„Das Video wurde von dem talentierten und aus São Paulo stammenden Regisseur Jean De Oliviera in Kooperation mit dem sizilianischen Fotografen Corrado Vasquez gedreht. Wir konnten nicht zur selben Zeit am selben Ort sein, weshalb wir getrennt voneinander, einige Sequenzen aus der Entfernung erarbeiteten, die dann per Schnitt zusammengefügt wurden. Man filmte uns beide in Sizilien, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten.“

ibr014cd_Sepiatone_EchoesOn_sito2Neben „Conflicted“ und „Shallow Tears“ bietet „Echoes On“ neun weitere Tracks, die sich allesamt in perfekter Harmonie die Hände reichen. Bei „Mare Grosso“ schüttet Marta Collica ihr Herz erneut in ihrer Muttersprache aus, „Never Been Away“ tanzt mit dem Folk und „Double Life“ wird zum sanften Flirt zwischen Martas und Hugos Stimmen. Als einziges Instrumentalstück knüpft hingegen „Air Berlin“ zarte Bande zu den anderen Titeln der Platte.

„Air Berlin“ trägt die deutsche Hauptstadt im Namen. Was verbindet ihr mit dieser?

Marta: „Berlin war in erster Linie meine Fluchtmöglichkeit aus Italien, als ich nicht wusste, wohin ich gehen sollte. Dann begann ich, die Stadt zu lieben. Mir ging es gut hier und Berlin war schnell der perfekte Ort, um an meiner Musik zu arbeiten, während ich von Freunden und einer Leichtigkeit umgeben war, die ich vorher so nicht gekannt hatte.“

Der Folgetrack „Morning After“ könnte als passende Untermalung einer sternklaren Nacht, inmitten einer staubigen Wüste, fungieren, bis „Young Desire“ und „Cold & Blue“ die dunkelsten Minuten auf „Echoes On“ einläuten. „La Fuga“ ist es schließlich, das erneut Feuer entfacht und zum finalen „City Lights“, einem recht verträumten Song, überleitet.
„Echoes On“ ist das Meisterwerk zweier erfahrener Musiker und auch, wenn es aus finanzieller Sicht vielleicht nicht den gewünschten Erfolg für Marta Collica und Hugo Race nach sich gezogen hat, dürfen sich die beiden glücklich schätzen, etliche Liebhaber origineller Sounds mit der Veröffentlichung dieses Albums glücklich gemacht zu haben.

Wie steht ihr zur Musikindustrie?

Marta: „Ich weiß nicht. Nach all den Veränderungen und Krisen, glaube ich, dass auch dort langsam ein Wandel stattfindet. Dieser Tage habe ich mich aber entschieden, mir keine großen Gedanken mehr darüber zu machen, wie sich die Industrie entwickeln wird, wo das enden soll und wie ich dort hineinpasse. Ich halte an dem Glauben fest, dass Business und Kreativität nebeneinander coexistieren können, sodass zwei Menschen in der Lage sind, sich zu treffen, ihre Passion zu teilen und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen.“

Wirklich Sorgen machen muss man sich aber weder um Marta Collica noch Hugo Race. Hinter ihnen steht ein gut verschaltetes Künstlernetzwerk, innerhalb dessen sie ihren festen Platz gefunden haben. Als Menschen mit zahlreichen Fähigkeiten – beide spielen mehrere Instrumente – sind sie immer wieder gern gesehene Gäste auf den Konzertreisen und Platten ihrer zahlreichen Freunde.

Marta: „Die meisten meiner Freunde sind Musiker, weil ich neben Musikern aufgewachsen bin und mit ihnen auch all meine Freizeit verbrachte. Ich könnte mir eine Welt ohne diese Menschen nicht vorstellen. Ja, für einen Außenstehenden mag das so sein, dass man Teil eines Netzwerks ist. Das verschafft deiner Kunst auch einen gewissen Wert und bei dir bei der Identifikation. Als Musiker selbst sehe ich das aber auch als eine Art Notwendigkeit, um all das Chaos und die vergänlichen Momente dieses Lebensstils teilen zu können.“

Sepiatone (3)

Natürlich wollten wir es uns nicht entgehen lassen, auch von gestandenen Größen wie Sepiatone, einen Coversong für unsere „Kultverdächtig“-Playlist zu erbitten. Da ihre Terminkalender stets prall gefüllt sind und sich die beiden meist an entgegengesetzten Ecken dieser Erde aufhalten, übernahm Marta Collica diese Aufgabe im Alleingang. Mit einer Neuinterpretation von „Something On Your Mind“, das im Original von der verstorbenen Halbindianerin Karen Dalton komponiert und eingesungen wurde, verzaubert Marta regelmäßig die Besucher ihrer Solokonzerte. Für „Kultverdächtig“ nahm sie das Stück nun erstmals auf.

Warum hast du dieses Stück gewählt?

Weil mir seine Ehrlichkeit gefällt.

Wie wird es mit Sepiatone weitergehen?

„Wir gehen erneut auf Tour und werden eventuell ein paar Songs fürs nächste Album aufs Papier bringen.“

Kultverdächtig

Für uns war es eine besondere Ehre, mit Sepiatone arbeiten zu dürfen. Die Frage, ob es sich hier um eine kultverdächtige Band handele oder nicht, entbehrt nahezu jedweder Grundlage. Marta Collica und Hugo Race waren schon lange vor all den hippen und gefeierten Acts im Geschäft und haben ihnen zumindest eins voraus – einen breit gefächerten Erfahrungsschatz. Dieser führt zu Kompositionen, die nur so vor Aufrichtigkeit strotzen.

Gewinnspiel

Handsignierte CD-Exemplare von Sepiatones „Eches On“ warten auf zwei Teilnehmer unserer aktuellen Verlosung. Wer es sich nicht entgehen lassen will, dieses einzigartige Album vielleicht schon bald in sein Musikregal stellen zu können, der sollte bis spätestens kommenden Mittwoch, den 16.07.2014, eine Mail mit dem Betreff „Sepiatone“ an martin@kultmucke.de geschickt haben. Unter allen Einsendungen werden die Gewinner zufällig ermittelt. Die Teilnahme ist nur aus Deutschland möglich und der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Interessante Links

„Echoes On“ bei Interbang Records kaufen

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Offizielle Website von Hugo Race