Der konservierte Moment: Im Gespräch mit Sibilla Calzolari

In Lifestyle by Martin

Genre:

Bei den Massai gibt es ein Sprichwort, das besagt, dass ein Foto den Augenblick stehle. Doch wie trist wäre das Leben ohne all die Momentaufnahmen, die unseren Alltag bunt werden lassen und uns dabei helfen, unsere Erinnerungen zu konservieren? Eine, die stets mit Feingespür auf den Auslöser drückt, ist Sibilla Calzolari.

Aufgewachsen im Herzen einer der vielleicht faszinierenden Städte Europas, der italienischen Metropole Florenz, war Sibilla Calzolari schon früh angetan von den vielen schönen Dingen, die sie umgaben. Später studierte die heute 41-Jährige Kunstgeschichte an der Freien Universität zu Berlin, bevor sie sich mit Herz und Verstand der Fotografie verschrieb. Mit ihren sensiblen und doch teils rauen Aufnahmen ist Sibilla Calzolari ein gern gesehener Gast in den Fotogräben zahlreicher Veranstaltungsstätten – und manchmal auch hinter deren Bühnen. Ihr jüngst veröffentlichter, erster Bildband „Wait – Smoke – Sleep“ dokumentiert auf eindrucksvolle Art und Weise die Welt fernab all der schillernden Liveshows, die wir Konzertbesucher als Endprodukt erleben.

Sibilla Calzolari by Joachim ZimmermannWie kamst du zur Fotografie, Sibilla?

„Das ist eine etwas langatmige Geschichte, die im Wesentlichen vom Zufall geprägt ist. Ich habe Kunstgeschichte studiert und mich auf Kleinbronzen aus dem 16. Jahrhundert spezialisiert. Jedenfalls gab es von der Bronze, um die es in meiner Magisterarbeit ging, keine Fotos. Also habe ich mir eine erste Spiegelreflexkamera besorgt. Um am Ende nicht im Museum zu stehen und nicht zu wissen, wo ich eigentlich drauf drücken muss, habe ich vorab meine Freunde porträtiert. Als ich die entwickelten Filme abgeholt habe, hatte ich plötzlich ein unvergleichliches, nie zuvor gekanntes Gefühl dabei. Da war klar, dass ich nach meinem Magister noch Fotografie studieren will. Und zwar Dokumentarfotografie. Ich habe also sehr spät damit angefangen. Leider.“

Was macht die Arbeit als Fotografin aus deiner Sicht spannend?

„Für mich sind die Begegnungen, mit den unterschiedlichsten Menschen das Spannendste an der Arbeit. Mich auf diese Leute sehr intensiv, wenn auch kurzzeitig, einzulassen, ihnen nahezukommen und zu versuchen, ihr Sein einzufangen, das interessiert mich. Klingt vielleicht etwas hochtrabend, aber darum geht es mir, wobei es schlussendlich natürlich immer nur ein Versuch ist.“

Warum ist Musik oft das zentrale Thema in deinen Werken?

„Ich liebe Musik einfach und das auch schon sehr lange.“

Du hast jüngst mit „Wait – Smoke – Sleep“ deinen ersten Bildband veröffentlicht. Wie lange hast du an diesem gearbeitet?

„Die ersten Bilder entstanden 2003 bei einem Konzert von einer italienischen Punkband. Es sollte auch eigentlich nur um Punk gehen, doch dann hat alles seinen eigenen Lauf genommen.“

Hast du manchmal daran gezweifelt, ob das Buch jemals fertig werden könnte?

Es ist ein fortlaufendes Projekt, insofern wird es so lange nicht beendet sein, wie ich Lust darauf habe oder bis ich aus Altersgründen aus den Backstage-Bereichen entfernt werde. Allerdings hat es sehr lange gedauert, bis es zum ersten gedruckten Produkt gekommen ist. Ich hatte das Glück, dass Edi Winarni mir für das Design zusagte. Bis dato hatte ich selbst nur einen groben Entwurf für das Buch. Andere liebe Freunde haben dann inhaltlich dazu beigetragen, dass ‚Wait  Smoke  Sleep‘ Form annahm, sei es durch den Einleitungstext oder die jahrelange Unterstützung beim Editieren. Die Liste der Menschen, denen ich das Buch zu verdanken habe, ist endlos. Es ist also eine Art Gemeinschaftsprojekt, das durch Bands, Tourmanager, Locations und so weiter realisiert werden konnte.“

"Wait - Smoke - Sleep" by Sibilla Calzolari

Weshalb hast du dich für „Wait – Smoke – Sleep“ als Titel entschieden?

„Das weiß ich leider nicht mehr, aber ich habe fast den Verdacht, dass ich den Titel einer sehr engen Freundin zu verdanken habe, die sich viel mit den Bildern beschäftigt hat. Zudem ist der Titel aber direkt in your face, er benennt im Grunde, was zu sehen ist.“

Das Buch zeigt Bands und Solokünstler fern der Bühne. Inwiefern sind diese dort anders als während ihrer Shows oder in Interviews?

„Der Aufenthalt im Backstage-Bereich oder der Soundcheck sind geprägt vom Warten. Ich darf einfach dabei sein. Und natürlich dauert es ein bisschen, bis man vergisst, dass da eine Fotografin ist, die alles ablichtet.“

Ist das Leben eines Musikers deiner Meinung nach denn wirklich so glamourös, wie es sich viele vorstellen?

„Ich habe den Eindruck, dass es ungeheuer anstrengend sein muss, Musiker auf Tour zu sein. Dem gilt mein höchster Respekt.“

Teenagers by Sibilla Calzolari

Bleibt man eigentlich mit manchen Künstlern auch privat in Kontakt, nachdem man ihnen so nahegekommen ist?

„Ja, das kommt vor. Ich bin aber sehr verhalten mit Nachrichten, denn man will ja niemandem auf die Nerven gehen. Als Musiker muss man sich ja eh schon viel mit anderen Menschen beschäftigen und oft für kurze Zeit eine Art Beziehung zu ihnen aufbauen.“

Wonach hast du die Fotos für „Wait – Smoke – Sleep“ ausgewählt?

„Das Editieren ist sehr schwer, weil man selber meist viel zu nah an den Bildern dran ist. Ich habe mich da sehr auf die Hilfe von Freunden verlassen.“

Die Aufnahmen sind alle schwarz-weiß. Warum?

„Ich habe in schwarz-weiß und mit einer analogen Kamera gelernt. Bei diesem Projekt kann ich arbeiten, wie ich es als Studentin gern getan habe und dadurch meine persönliche Ur-Faszination für dieses Medium bewahren. Mich interessiert zudem die Form immer mehr als die Farbe.“

Welches ist dein persönliches Lieblingsbild?

„Das verrate ich nicht.“

Was haben die Künstler selbst zu den Aufnahmen gesagt?

„Es hat sich niemand beschwert. Ich hoffe, sie finden sich alle schön auf den Bildern. Das ist mir wichtig. Vielleicht waren sie aber auch einfach nur freundlich.“

Wen möchtest du unbedingt mal vor die Linse bekommen?

Iggy Pop wäre natürlich ein Traum. Andererseits würde ich wahrscheinlich sterben, wenn ich ihn fotografieren dürfte. Ansonsten gehen mir die Ideen, wer in Frage kommen könnte, nicht aus und ich hoffe, die stimmen auch alle zu. Dann gibt es bald ein ‚Wait  Smoke  Sleep Volume II‘.“

Blackstage by Sibilla Calzolari

Interesse am Bildband „Wait  Smoke  Sleep“? Dieser ist hier käuflich zu erweben!