Mit dröhnenden Bässen: Sizarr live

In Berlinby Website-Einstellung

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Freitagabend, Lido Berlin. Wie allzu oft lässt sich auf der Leuchtanzeige der turnhallenartigen Konzertlocation der Name einer Band lesen. Sizarr steht da in großen schwarzen Lettern auf weißem Grund. Musikkennern sagen diese sechs Buchstaben natürlich sofort etwas – ist das Trio aus Landau doch im Laufe der letzten Jahre vom geschätzten Undergroundtipp zu einem der erfolgreichsten einheimischen Alternative-Acts aufgestiegen. Und wer schon einmal auf einer Show von Sizarr war, der weiß, was ihn drinnen erwartet: ein Spektakel der Extraklasse.

Noch bevor das Publikum sich einigermaßen akklimatisieren kann, hüpfen bereits Drangsal über die Bühne des ausverkauften Lidos und heizen mit ihrem Brachialpop der wartenden Menge gehörig ein. Dabei erinnern sie mal an Joy Division und im nächsten Moment dann doch wieder an deutsche Punk-Ikonen wie Die Toten Hosen.
Nach einer zwanzigminütigen Umbau- und Wartephase, die sich gefühlt jedoch zieht wie ein Kaugummi, treten schließlich Sizarr in das flimmernde Scheinwerferlicht, das der recht passionierte Techniker des Lidos regelmäßig zu Höchstleistungen auflaufen lässt. So auch heute. Gereift und erwachsen wirken Fabian, Philipp und Marc. Vorbei scheinen die Zeiten des Lausbubencharmes, der den Dreien lange ins Gesicht geschrieben war, und den sie durch adoleszente Gesten wie der Wahl mystisch klingender Alteregos und fast schon zufälliger Songtitel zu unterstreichen wussten. Ganz dem Titel ihres neuen Album „Nurture“ entsprechend, haben sich die Herren weiterentwickelt, haben verstanden, dass das Musikerdasein keine Dauerfahrt auf der Spaßachterbahn darstellt, sondern an harte Arbeit geknüpft ist. In gewohnter Formation – Schlagzeug links, Sänger beziehungsweise gleichzeitig auch Gitarrist mittig und Bassist rechts – spielen sich Sizarr vorrangig durch die Tracklist ihres neuen Albums und erinnern nur mit „Run Dry“ und „Purple Fried“ an ihr Debütalbum „Psycho Boy Happy“. Sentimentaler Höhepunkt wird derweil das von Sänger Fabian solo performte „Untitled“. Selbst der bitter dreinschauendste Hornbrillenträger muss sich da kurz in den Augenwinkel fassen, während zahlreiche Dutt tragende Mädchen bereits die nächststehende Person fest umarmen und zu den Takten des Stückes dahinschmelzen. „Die Kummernummern sind nun vorbei“, sagt der blonde Sänger schließlich und schon ertönt das großartige, fast schon kreischende „Scooter Accident“. Als renne man rasant dem Rand einer Klippe entgegen, stürze sich mit voller Wucht in den Abgrund und höre beim Aufprall die eigenen Knochen brechen. Es folgen „You And I“ und „How Much For This“, bevor Sizarr bei der Zugabe ihre Hitsigle „Boarding Time“ wie einen bissigen Kampfhund von der Leine entlassen, der erst durch die Unbeschwertheit des finalen „Timesick“ gebändigt werden kann.
Ein konzentrierter Schlagzeuger, der sein Instrument spielt, als löse er eine schwierige mathematische Gleichung, ein zierlicher Frontmann, dessen Stimme tiefer als die eines langjährigen Rauchers und Whiskeytrinkers klingt, und ein pausbackiger Bassist mit Jesusfrisur – das sind Sizarr, eine der vermutlich präsentesten und interessantesten Livebands Deutschlands.

Fotos © by Susanne Erler