Im Zwielicht: Ein Gespräch mit Sóley

In Musik by Website-Einstellung

Wenn du auf ein Konzert gehst, bei dem du zuvor mit dem entsprechenden Künstler gesprochen hast, dann wird jene Show oft zu einem ganz besonderen Erlebnis. Plötzlich öffnen sich Türen, die dir sonst vielleicht verschlossen geblieben wären, und du hast die Möglichkeit, tiefer als je zuvor in das Werk des Musikers einzudringen, der da vor dir auf der Bühne steht.

Es ist Pfingstmontag. Das Wetter schenkt Berlin einen wunderbar sonnigen Nachmittag, an dem es sich hervorragend im Mauerpark herumliegen oder durch die Straßen rund um den Rosa-Luxemburg-Platz flanieren lässt. In der Volksbühne durchläuft Sóley derweil den Soundcheck für ihren anstehenden, abendlichen Auftritt. Ich sitze auf einem der vielen Sitze, inmitten der noch leeren Halle, und staune über die Intensität, mit der die Isländerin ihre Songs schon während der Proben performt. Intim, unter die Haut gehend, zerbrechlich und stark zugleich. Kurze Zeit später wird mir die fast schon unscheinbare Frau vorgestellt und wir setzten uns für ein Gespräch in den Vorraum des 1913 erbauten Gebäudes. Hinter ihrer dicken Hornbrille verbirgt sich ein Paar blauer Augen, das genauso unergründlich wirkt, wie die einzigartigen Tracks der talentierten Songwriterin.

Sóley by Martin Busse (2)Wie geht es dir, Sóley?

„Mir geht es gut.“

Bist du heute erst in Berlin angekommen?

„Ja. Die letzten vier Tage waren wir in Polen.“

Sóley ist ein schöner Name. Was bedeutet er?

„In Island gibt es eine Blume, die soléy heißt. Hahnenfuß wäre die genaue Übersetzung. Nimmt man hingegen die Vorsilbe ‚sól‘, bedeutet diese für sich genommen Sonne, und ‚ey‘ ist das isländische Wort für Insel. Zudem hieß meine Großmutter schon Soléy, weswegen ich diesen Namen auch erhielt.“

Passt der Name denn zu dir als Persönlichkeit?

„Wow, darüber habe ich nie nachgedacht. Ich schätze schon. Ja, das kann man tatsächlich sagen.“ (lacht)

Du magst also die Sonne?

„Ja! Auch wenn wir sie in Island eher selten zu Gesicht bekommen.“

Ich nutze deshalb jede Gelegenheit, um Sonne zu tanken.

Als Isländerin bist du Interviewfragen zu deiner Heimat sicherlich gewohnt. Deswegen möchte ich gern etwas Anderes von dir wissen. Und zwar welche Orte auf dieser Welt du sonst noch gern magst.

„Es gibt zwei Höhepunkte innerhalb meiner Erinnerungen, an die ich gern zurückdenke. Zum einen Westirland. Dort befinden sich viele kleine Inseln, die man besuchen kann. Ich verbrachte eine Woche auf Inis Oírr. Es leben vielleicht hundert Leute auf diesem Eiland. Ein sehr isolierter Ort. Irgendwie erinnert es an Island. Auch, weil es sehr steinig ist. Ich komponierte einige Stücke für das neue Album dort. Einfach unglaublich. Da es nur drei Straßenlaternen gibt, wird es nachts richtig dunkel. Den Weg nach Hause zu finden, fällt da manchmal schwer. (lacht) Man sollte nicht zu betrunken sein. Andererseits ist auch Istanbul ein Ort, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Diese Stadt ist so bunt. Im September werde ich wieder da sein. Darauf freue ich mich jetzt schon enorm.“

Hast du jemals darüber nachgedacht, Island zu verlassen, um woanders zu leben?

„Ja, ich möchte gerne nach Berlin ziehen.“

Wirklich? Das ist immer eine gute Idee.

„Ich dachte während des letzten Winters, der sehr hart war, viel darüber nach. Jeden Tag gab es Stürme und es war bitterkalt. Dann versuchte ich, meinen Freund zu überzeugen. Jetzt haben wir ein Baby, was die Sache etwas verkompliziert. Allerdings alles kann einfacher werden, wenn man es schließlich tut.“

Wie bist du zur Musik gekommen?

„Zuallererst besuchte ich die Musikschule. Mein Vater ist Musiker und Lehrer, weshalb mein Bruder und ich nicht wirklich um diese herumkamen. Dann war ich in einer Brassband, wo ich all meine Freunde kennenlernte. Es war insgesamt eine sehr natürliche Entwicklung. Ich habe nie bewusst entschieden, Musikerin sein zu wollen.“

Das Piano ist in deinen Kompositionen sehr präsent. Was magst du an diesem Instrument?

„Es bietet eine sehr große Bandbreite und du kannst viel damit anstellen. Dadurch ist es sehr leicht, auf ihm zu komponieren. Generell mag ich Klavier- und Jazzmusik. Allerdings weiß ich nicht, warum ich mich für das Pianospielen entschied, als ich jung war. Vielleicht war das keine bewusste Wahl. Dennoch bin ich sehr froh, dass es so gekommen ist. Ich habe ja auch noch genug Zeit, andere Instrumente zu erlernen.“

Wie würdest du selbst denn deinen Stil beschreiben, wenn du Worte für ihn finden müsstest?

„Auf meinem ersten Album ‚We Sink‘ probierte ich mich noch aus. Zum ersten Mal in meinem Leben arbeitete ich damals an Popsongs. Neulich hörte ich die Platte und musste feststellen, dass ich darauf noch wie eine heranwachsende Frau klinge. Jetzt bin ich älter und weiß genauer, was ich will.“

Sicherlich sprüht meine Musik nicht vor Freude, aber wer sucht, findet darin immer auch einen Funken Hoffnung oder Helligkeit.

Warum haben deiner Meinung nach viele Künstler ein Problem damit, sich einem bestimmten Genre zuschreiben zu lassen?

„Keine Ahnung. Es ist ja generell schon immer lustig, wenn du mit Künstlern verglichen wirst, von denen du noch nie zuvor gehört hast. Ich denke, wer Musik macht, macht eben gern Musik. Dabei interessieren keine weiteren Konventionen. Was kommt, das kommt. Zumindest kann ich für mich sagen, dass ich nicht versuche, einem bestimmten Trend nachzueifern. Aber natürlich weiß ich auch, was mir gefällt, und folge den entsprechenden Impulsen. Ich kann aber nicht sagen, warum ich anfing, auf Englisch zu schreiben, oder Songs in Moll zu komponieren. Wenn du jene Dinge nicht aus dir herauslässt, explodierst du irgendwann.“

Sóley by Martin Busse (3)

Deine internationale Karriere ist stark an deine Mitgliedschaft in der Band Seabear geknüpft. Inwiefern ist das Projekt nach wie vor wichtig für dich?

„Wäre ich kein Teil von Seabear gewesen, hätte ich vielleicht nie eine Solokarriere gestartet. Wobei das vielen Zufällen zu verdanken ist. Irgendwann fragte mich Thomas Morr von Morr Music, wo wir unter Vertrag waren, ob ich auch ein paar eigene Songs hätte. Kurz darauf erschien meine erste EP ‚Theatre Island‘ und ich geriet zunehmend in den Strudel der Szene. Im Nachhinein freue ich mich sehr darüber.“

Gibt es Seabear offiziell denn noch?

„Zwar arbeiten wir aktuell an nichts, aber wir sagen stets, dass wir nur eine Pause machen.“

„Pretty Face“ von deinem Debüt wurde zu einem großen Erfolg. Denkst du, es hat den richtigen Song getroffen oder hättest du es einem anderen mehr gegönnt?

„Also, vorab muss ich gestehen, dass der Song eigentlich nie veröffentlicht werden sollte. Aus irgendeinem Grund gelangte er jedoch auf Youtube, wo sich die Leute mit ihm auseinandersetzten. Ich wusste nichts davon, bis mir jemand erzählte, dass er bereits über eine Million Aufrufe hatte. Ich konnte es kaum glauben.“

Erst war ich etwas enttäuscht, dass das mit dieser Aufnahme geschah, hätte ich doch gerne einen anderen Titel an deren Stelle gewusst.

„Im Nachhinein war das natürlich ein echtes Geschenk. Heutzutage lernen die Menschen Künstler oft über Portale wie Youtube oder Spotify kennen, wenn man Glück hat, beschäftigen sie sich dann auch noch mit deinen anderen Werken und kommen zu deinen Shows.“

Nach „We Sink“ hast du vorerst eine EP namens „Krómantik“ herausgebracht, die sich sehr von deinen Alben unterscheidet. Weshalb entschiedst du dich für diesen Schritt?

„Die EP war seit Jahren fertig. Ich hatte sie an der Art Acadamy komponiert und wollte sie schon länger veröffentlichen. Morr Music stimmte zu und ich war froh, dass die EP dadurch nicht weiter auf meinem Computer verweilen musste. Auf jeden Fall unterscheidet sie sich sehr von dem, was ich sonst mache, aber das ist eben auch eine Facette von mir. Immerhin habe ich ja auch in diese Richtung studiert und die Pop-Karriere darauf aufgebaut. Es soll auf jeden Fall zukünftig noch weitere Releases dieser Art geben. Verschiedene Dinge zu machen, ist immer gut, denn es wird dadurch nie langweilig.“

Deine neue LP heißt „Ask The Deep“. Was sind die Hauptthemen der Platte?

„,Ask The Deep‘ ist sehr persönlich. Während ich auf ‚We Sink‘ noch viel herumexperimentierte, beschäftigte ich mich auf diesem Album eher mit Erlebnissen, die ich zuvor nicht wirklich abgeschlossen hatte. Als ich schwanger war, überkamen mich diese erneut. Das war verrückt. Es geht demnach viel um meine Gedankenwelt und wie diese etwas Teuflisches an sich hat. Schwer zu erklären. Der Kampf gegen die inneren Dämonen ist sehr zentral. Erst als meine Tochter gesund und munter zur Welt gekommen war, konnte ich die Arbeiten an ‚Ask The Deep‘ beenden. Die Songs aufzunehmen, war dabei ein sehr heilsamer Prozess.“

„Ask the Deep“ ist ein recht düsteres Album. Wovor hast du ganz persönlich Angst?

„Vor dem Leben und dem Tod.“

Wie sehen deine weiteren Zukunftspläne aus?

„In meinem Kopf bin ich schon ein paar Monate weiter, wobei ein Baby zu haben, oft Dinge durcheinanderwirft. Es stehen weitere Touren an, vor allem im Herbst und Winter. Außerdem möchte ich eine instrumentale Orgel-EP realisieren, weil mir eine Trilogie vorschwebt. Das Klavier gab es schon, dann ist als Nächstes die Orgel dran und abschließend würde ich mich gern dem Akkordeon widmen. Außerdem wird im November ein kleines Demo-Album als 10“ herauskommen. Mit Stimme und Gitarre. Outtakes der letzten Arbeiten.“

Du wirst gleich im Herzen Berlins auf der Bühne stehen. Wie sind deine Erwartungen?

„Ich freue mich darauf. Das ist so ein wunderbarer Veranstaltungsort.“

Kannst du dich an die schlimmste Show deiner Karriere erinnern?

„Nun, es gab da eine mit Seabear in Barcelona. Sindri wird nicht glücklich sein, sollte er dies lesen. Vor dem Auftritt hatten wir uns fürchterlich betrunken. Wir hatten vermutlich auch zu wenig gegessen. Sindri war derweil bei einem Interview gewesen und deswegen noch komplett nüchtern. Ich konnte nicht spielen.“

Das war das letzte Mal, dass ich vor einem Konzert Alkohol angefasst habe. Es war wirklich fürchterlich.

Sóley by Martin Busse (4)

Fotos © by Martin Busse