Kultverdächtig: This Is Head

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Noch drei weitere Acts stellen wir euch in diesem Kalenderjahr bei „Kultverdächtig“ vor. Anschließend geht es für die Rubrik in den wohlverdienten Winterschlaf. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen und vor allem zu hören, wie unterschiedlich all die Künstler sind, die sich seit Februar in dem Rettungsnetz verfangen haben, das wir gespannt haben, um den Tsunami an Veröffentlichungen und Neuvorstellungen abzufangen, der uns beinahe täglich überschwemmt. Während alle anderen dabei die großen Fische bewundern, welche zappelnd und nach Luft ringend um Aufmerksamkeit kämpfen, suchen wir fortlaufend nach jenen musikalischen Perlen, die, wenn sie erst vom Schlamm befreit sind, heller strahlen, als man es sich zuvor je hätte erträumen können. Nun ist es an der Zeit, das Werk einer wunderbaren schwedischen Band einmal gehörig aufzupolieren. Wir präsentieren: Das Sound-Knallbonbon This Is Head.

Wenn die Zahl zur Note und die Note zum Kunstwerk wird

This_Is_Head-Photo_Jan_OlofssonWas bedeutet Musik für euch?

Irgendwie ist Musik alles gleichzeitig. Sie gibt uns die Möglichkeit, gemeinsam etwas zu erschaffen, das für immer da sein wird.

Seit einiger Zeit verbindet die Musik, als eine Art zwischenmenschlicher Kleber, auch vier junge Schweden aus dem idyllischen Malmö miteinander. Ohne sie wären sich die kreativen Köpfe mit Namen Björn Wiking, Tom Malmros, Henric Claesson und Adam Jacobsson wohlmöglich jedoch nie begegnet. Es waren ganz unterschiedliche Momente, die einst dazu führten, dass sich die Mitglieder von This Is Head in die Welt aus Ton und Klang verliebten. Ob im Alter von fünf oder zwanzig, irgendwann konnte sich keiner von ihnen mehr vorstellen, wie eine Zukunft aussehen möge, in der Musik keine wesentliche Rolle spielen würde. Mit dieser glasklaren Erkenntnis im Hinterkopf machten sich Adam und Henric im Sommer 2008 auf den Weg ins Studio. Damals noch als Duo unterwegs einte sie der Wille, ihre gemeinsamen Songentwürfe endlich professionell aufnehmen zu lassen.

Der Sommer damals war fantastisch. Man hatte den Eindruck als hätte Malmö sich dazu entschieden, haufenweise kreative Leute zueinanderzubringen, damit diese großartige Dinge erschaffen können.

In der Tat blieben Henric und Adam nicht lange zu zweit. Die Besitzer des erwählten Studios nahmen sich die Freiheit heraus, den Skizzen der beiden Musiker ein paar Synthesizer- und Bassspuren hinzuzufügen. Schon war jener Sound geboren, der wenig später zur Gründung der Formation „This Is Head“ führte.

Wie würdet ihr den Stil von This Is Head beschreiben?

„Oh, das ist unheimlich schwer. Wir vermischen eine Menge verschiedener Genres, Richtungen und Gefühle. Dadurch wollen wir etwas kreieren, das es so voher noch nicht gegeben hat. Das ist natürlich kompliziert.“

This Is Head fahren in ihren Stücken extrem griffige Melodien auf, die gleichzeitig überall und nirgendwo zu Hause zu sein scheinen. Auf seinen musikalischen Streifzügen wandert das Quartett gern durch ein Klangspektrum, das von Jazz über Progressive Rock und Noise bis hin zu New Wave oder gar Synthie-Pop reicht. Schon das Debüt der Band lässt sich somit kaum kategorisieren. Ausgefallene Experimente fallen in Schweden allerdings nur allzu oft auf fruchtbaren Boden. Ist das Land doch bekannt dafür, etliche Größen hervorgebracht zu haben, die auf den ersten Blick mal so gar nicht in die gängigen Klischees und Rahmen passten, dann jedoch schnell zu internationalen Kassenschlagern aufstiegen. Ganz nach Devise „Was andere können, können wir auch“ folgten auch This Is Head furcht- und kompromisslos den eigenen Visionen, ohne dabei vermeidliche Grenzen zu beachten, was Geschmack und Massenkompatibilität betrifft.

Eure erste Platte heißt „0001“. Wieso habt ihr euch für einen derart abstrakten Titel entschieden?

„Von Beginn an ging es uns nur um die Songs. Eine Woche nachdem wir die Band gegründet hatten, folgte bereits der erste Auftritt, für den wir unsere Stücke einfach als ‚Nummer 1‘ und ‚Nummer 2‘ benannten.  Unsere Songs wurden daraufhin einfach weiter chronologisch, entsprechend ihrer Entstehung, bezeichnet. ‚0003‘ war dann beispielsweise der dritte Track, den wir geschrieben haben und so weiter. Da es „0001“ nicht auf das Album schaffte, drängte sich der Name förmlich auf.“

1707-fda2751a97a44fb6b07122d98f467b9eDie Trackliste auf „0001“ ließt sich folglich wie ein Nummerncode für die Einrichtung des heimischen Internetrouters oder das Ausfüllen der neuen Kontodaten mit BIC und IBAN. „0009“, „0007“, „0002“, „0011“, „0003“, „0008“, „0012“ und „0013“, Zahlenfanatiker dürften hier vollends auf ihre Kosten kommen. Doch gilt dies gleichermaßen auch für Freunde experimenteller Musik. „0001“ ist bis zum obenhin vollgepackt mit beachtlichen Versuchen, die bisherigen akustischen Gesetzmäßigkeiten ins Wanken bringen zu wollen. Dass This Is Head dies mehr als gelingt, merkt man als Hörer spätestens dann, wenn die Platte ausgelaufen ist und man mit einem unersättlichen Gefühl in der Magengegend zurückbleibt, als wäre man zuvor einem ekstatischen, nicht enden wollenden Rausch verfallen. Plötzlich steht man jedoch mit beiden Beinen wieder auf festem Untergrund. Der Schwebezustand hat nachgelassen und die Surrealität des eben noch Erlebten zieht sich zurück wie Nebel, der vor der Sonne weicht.

Worum geht es bei „0007“?

„Musikalisch gesehen durchlief der Song einige Phasen. Die Originalaufnahme hatte eine Länge von ungefähr zehn Minuten. Fünf davon waren mit einem massiven Percussion-Teil gefüllt. Das war total verrückt. Da waren auch bescheuerte Chorgesänge, es ist eine Schande, dass es all die Audiodateien von dieser Session nicht mehr gibt. Wir begannen Schicht um Schicht abzupulen und endeten bei einem Popsong. Ehrlich gesagt gilt Ähnliches für viele der Tracks auf ‚0001‘.“

Liebe gegenüber der neu gegründeten Band und die damit verbundene Aufregung, das waren die Dinge, die This Is Head den nötigen Aufwind für die Produktion ihres ersten Albums verschafften. Sie selbst beschreiben das mit den folgenden, doch recht eindringlichen, Worten.

Es war als hätte man einen brutalen Autounfall überlebt, ohne auch nur einen einzigen gebrochenen Knochen davongezogen zu haben.

Unverletzt und voller Adrenalin machten sich This Is Head schließlich an das Schreiben und Komponieren des Nachfolgers „The Album ID“.

Wie kann man sich denn einen Studiotag bei euch vorstellen?

„Henric trifft 30 Minuten zu früh ein. Tom, Björn oder Adam, einer von ihnen ist pünktlich. Die anderen Beiden kommen dann eine halbe Stunde zu spät. Nach einer Tasse Kaffee hören wir uns das an, was wir beim letzten Mal gemacht haben und arbeiten weiter daran. Alle vier Mitglieder sind dabei meistens recht präsent. Dann nehmen wir für ein paar Stunden lang Sachen auf. Wir reden über Musik und versuchen neue Wege zu finden, den Song, mit dem wir uns gerade beschäftigen, zu verändern. Das ist ein kontinuierlicher Prozess.“

ThisIsHead_TheAlbumID300Wesentlich kohärenter als „0001“ präsentiert sich „The Album ID“. Das mit 10 Stücken versehene Album macht den Eindruck, als hätten This Is Head darauf tatsächlich eine völlig neue Identität gefunden. Eine ruhigere, erwachsenere und doch keineswegs eindimensionale Analogie schleicht sich durch Tracks wie den düsteren Opener „Staring Lessons“ oder das vor sich hinströmende „XVI“, welches fast ein wenig an Windsor For The Derbys großartiges „The Melody Of A Fallen Tree“ erinnert. Anmut trifft auf Spiritualität, Forschergeist auf Gesetztheit.

Im Vergleich zu „0001“ gibt es hier mehr Songs zu finden. Weniger jammend. Viel davon nahmen wir in einem riesigen Studio in Göteborg auf, dem Svenska Grammofon Studion. Es ist schon beinahe schwierig, den Sound eines Albums nicht gewaltig klingen zu lassen, wenn man dort arbeitet.

Beschwingt hangelt man sich im Folgenden durch das Klangdickicht von „Illumination“, genießt die gespenstische Laszivität von „Castaway“ oder landet in dem eisernen Labyrinth, das „Time’s An Ocean“ aus dem Boden gestampft hat. Wenn sich dann „Summertime“ von seiner äußerst archaischen Seite zeigt und „Into The Belly Of Mount Miff“ ein melancholisches Inferno zum Lodern bringt, wie man es nur selten beobachten kann, fragt man sich ernsthaft, warum die Band aus Malmö noch nicht in einem Atemzug mit schwedischen Größen wie den Shout Out Louds oder Johnossi genannt wird. „The Album ID“ gehört zu jenen Platten, auf denen die eigenen Gedanken ungezügelt umherschweifen dürfen und gleichzeitig dazu aufgefordert sind, stetig neue Wege zu erkunden. Auch nach mehrmaligem Hören wird das nicht langweilig.

Zu euren Songs gibt es zahlreiche wunderbare Videos. Inwiefern ist die visuelle Komponente wichtig für euch?

„Die ist unglaublich wichtig! Filme, Dinge, die du sehen kannst und Erfahrungen sind eventuell noch inspirierender als die Musik für sich genommen. Vor allem mögen wir es, wenn wir Material finden, das wir für ein Video benutzen dürfen, obwohl es nie dafür gedacht war. Zum Beispiel das Falschirm-Video zu „A B – Version“, das eigentlich aus einem Film namens „Sense Of Flying“ stammt. Wir unterhielten uns oft darüber, dass das Outro von „A B – Version“ wie das Gefühl klingen sollte, wenn du von einer Klippe springst.“

Und so gleitet der Verstand zu wunderschönen Naturaufnahmen durch einen frischen Klanghimmel, während sich im Hintergrund ein Track entfaltet, der vom Erwachsenwerden kündet und einen ganz nebenbei an die musikalischen Höhepunkte von Death Cab For Cutie zurückdenken lässt.

Für welche Momente ist eure Musik gemacht?

„Das ist eine schwere Frage. Manche sind zum Party feiern da, wohingegen andere für das Zubettgehen passen. Allerdings sind definitiv alle dafür gemacht, um sie mit Kopfhörern zu hören.“

Vielleicht möchte nun also der eine oder andere Leser schnell noch zu seinen Headphones greifen, um sich für das Folgende zu wappnen. Natürlich haben wir von Kultmucke es uns auch bei This Is Head nicht entgehen lassen, die Band um einen exklusiven Coversong für unsere Playlist zu bitten. Dieser Aufforderung kamen die vier Herren gerne nach und überraschten uns mit der Neuinterpretation des Songs „Born To Lose“ von Woods, bei der sich Groove und eine Dramatik, wie sie die frühen Songs von Muse damals in sich trugen, die Klinke in die Hand reichen.

„Das war ein Track, den einer von uns viel hörte, als wir uns dazu entschieden ein Cover für eure Playlist beizusteuern. Es ist eigentlich nur ein Stück mit Akustikgitarre und Vocals, bei dem wir dachten, es würde uns genügend kreative Freiheit lassen. Immerhin mögen wir diese sehr.“

Über die Jahre sind Henric, Tom, Adam und Björn zu wahren Brüdern geworden. Sie genießen jede Sekunde, die ihnen gemeinsam vergönnt ist, sei es auf Tour oder im Proberaum. Dass damit eine gewisse Vertrautheit einhergeht, merkt man in jeder einzelnen Note, die die Band in die Welt entlässt.

Wir teilen einige der großartigsten Augenblicke unserer Leben miteinander und sind auch gemeinsam durch schwere Zeiten gegangen. Genauso, wie du es mit deiner Familie tun würdest.

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Was genießt ihr am Musikerdasein?

„Wenn wir etwas wirklich Tolles erschaffen haben. Eine Show zum Beispiel, die das Publikum und wir als Band genießen konnten. Oder ein Song, der dich glücklich und stolz macht, sobald du ihn aufgenommen hast. Diese Art von Sachen.“

Sind daran auch Pflichten gebunden?

„Nicht gegenüber irgendjemand anderem als uns selbst und denjenigen, mit denen wir zusammenarbeiten. Vor allem nicht, wenn es um die Musik geht. Wir können nur unser Bestes geben und hoffen, dass dies den Menschen gefällt. Würden wir uns Gedanken darüber machen, was die Leute von uns halten, würden wir vermutlich verrückt werden.“

Kultverdächtig

Wenn sich sogar Künstler wie Sarah Assbring alias El Perro Del Mar oder Kasper Bjørke den Songs von This Is Head annehmen, um sie zu remixen, beziehungsweise eigene Versionen davon anzufertigen, dann muss schon etwas dran sein an den Herren aus Malmö. Wir von Kultmucke sind ebenfalls mehr als begeistert und möchten euch diese Band wärmstens empfehlen.

Gewinnspiel

Zwei handsignierte CD-Exemplare des aktuellen Albums „The Album ID“ von This Is Head halten wir dieses Mal in den Händen,um sie an euch weiterzugeben. Wer da regelrecht ins Schwärmen gerät, der schreibt bis spätestens kommenden Donnerstag, den 07.11.2013, eine Mail mit dem Betreff „This Is Head“ an martin@kultmucke.de oder nutzt unsere Kommentarfunktion und macht direkt unter diesem Artikel darauf aufmerksam, dass er oder sie gern selbige Scheibe gewinnen würde. Das Los entscheidet!

Interessante Links

„0001“ bei iTunes kaufen

„The Album ID“ bei iTunes kaufen

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