Wie rechts ist Deutschrap? Kollegah

Was ist eigentlich mit Deutschrap los?

In Musik by Joseph

Drei Monate ist es jetzt her, dass Kollegah und Farid Bang für das längst überfällige Ende des Echos sorgten. Grund des Skandals rund um den deutschen Musikpreis war weniger die Nominierung der beiden Deutschrapper in der Kategorie „Bestes Album“ und „Hip Hop Urban national“, sondern eine Textzeile aus dem Song „08/15“ vom Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“. Hier rappt Farid: „Mein Körper definierter als Ausschwitzinsassen„. Ist das schon Antisemitismus? Und hat Deutschrap generell ein Rassismusproblem? 

Ja, es gibt rappende Nazis. Während beispielsweise Makss Damage oder Dee Ex ihre braune Gesinnung offen herausposaunen und auch vor Gastauftritten mit rechten Szenegrößen wie Landser nicht zurückschrecken, fallen momentan auch immer wieder Rapper mit rechtspopulistischen oder antisemitischen Äußerungen auf, die sich eigentlich nicht dem rechten Millieu zuordnen lassen. Es lohnt ein Blick auf die letzten verbalen Entgleisungen: Beginnen wir mit oben erwähnten Beispiel. Geschmacklos ist die Line allemal, aber reicht ein entgleister Vergleich dafür Boss und Banger in die rechte Ecke zu drängen? Nun ja, problematisch sind die Texte der beiden aus mehreren Gründen. Sie fallen durch antizionistische und homophobe Äußerungen auf, transportieren ein sexistisches Frauenbild und beschreiben exzessive Gewaltszenen. Das reale oder imaginäre Gegner im Rap mit allen verfügbaren Beleidigungen überzogen werden ist normal. Problematisch wird es jedoch wenn sich Kollegah in YouTube-Monologen an seine, zum Teil sehr jungen Fans, wendet und von einer jüdischen Weltverschwörung schwadroniert und behauptet, dass Rothschilds und Konsorten die Welt regieren.

Importierter Antisemitsmus?

Gerade tobt in Deutschland eine Debatte über importierten Antisemitismus. Damit gemeint ist Judenhass, der von Personen aus vorwiegend muslimisch geprägten Kulturen ausgeht. Auch im Deutschrap finden sich einige Textzeilen von Rappern mit Migrationshintergrund, die dies klar belegen. Da wäre beispielsweise der türkischstämmige Haftbefehl, der Kokain an die Juden von der Börse tickt. Auch das Gangsta-Duo Fard & Snaga hetzt in „Contraband“ gegen Juden: „pro Mudschaheddin, pro Palestine / kontra atomar, kontra USA / ohne Punkt und Kommata / kontra Vater Staat, kontra Bundestag“ und natürlich erst recht „kontra Netanjahu“, denn „das hier ist junge Wut gegen Politik aus Tel Aviv!“. Auch hier grüßt wieder die Theorie der jüdischen, omnipräsenten Strippenzieher. Der iranischstämmige Rapper Sinan-G rappte auch schonmal er „„ficke keine jüdischen Bitches, denn ich bin Antisemit“, ließ diese Zeile dann aber entfernen; reumütig, versteht sich. Im Grunde sind solche Textzeilen lediglich eine Projektion der Wahrnehmung vieler junger Muslime, die auch einen Großteil der Hörerschaft der Gangstarapper ausmacht. Fest steht, dass sich durch solche Texte Klischees Silbe für Silbe, Ton für Ton in die Gehirne der Hörerschaft einbrennen und Fronten verhärten. Da wundert es nicht, wenn sich hässliche Vorfälle, wie das Verbrennen von Israel Flaggen auf Demonstrationen oder tätliche Angriffe gegen Juden auf offener Straße häufen. Hier stehen wir allerdings wieder vor der bekannten Henne und Ei-Problematik. Was war zuerst da? Antisemitische Einstellungen in muslimischen geprägten Kulturkreisen, die sich in den Zeilen solcher Rapper widerspiegeln, oder Raptexte, die besagte Ressentiment verstärken?

Auch andere Rapper äußern sich rechtspopulistisch

Während antisemitische Textzeilen vorwiegend bei muslimischstämmigen Rappern vorkommen, fallen auch ihre Bio-Deutschen Kollegen durch rechtspopulistische Äußerungen auf. Der österreichische Rapper Absztrakkt fiel Anfang des Jahres mit seinem Song „Walther“ (angelehnt and die Handfeuerwaffe) auf, der zum Teil für heftige Kritik sorgte. Das liegt zum einen an Zeilen wie: „Ich mach mir Sorgen, denn der Niedergang dieses Landes lässt mich immer mehr abdriften in den Widerstand“, zum anderen an der unverhohlenen Nähe zur rechtspopulitischen FPÖ und Norber Hofer. Den Facebookpost, mit dem der Linzer Rapper gleich seine Wahlempfehlung abgab ist mittlerweile übrigens gelöscht. Auch Koljah, Mitglied der eigentlich eher linken Antilopengang fällt mit einer Textzeile auf dem Solo-Album seines Crew-Kollegen Danger Dan auf. Anstoß gibt die Textzeile: „Ey yo, das Frauenbild von Rappern ist so fortschrittlich wie Kopftücher…„. Das er damit Frauen, die freiwillig ein Kopftuch tragen jegliche Fortschrittlichkeit abspricht scheint weder ihn, noch Danger Dan zu stören. Peinlich ist jedoch, dass der Track gerade mit rechten Tendenzen anderer Rapper abrechnen soll, sich dann aber an Vergleichen aus den Tiefen rechtspopulistischer Spruchkisten bedient.

Prezidents peinliche Abrechnung mit „linksgrünversifften Gutmenschen“

Auch Prezident aus Wuppertal, der sich gerne als „Hemmingway des Hip Hop“ bezeichnet und in seinen Texten gerne Oscar Wilde und Tschechow zitiert, sorgte in letzter Zeit für Aufreger. In „Über zwei verschiedene Arten des Gutseins“ arbeitet sich der Germanistikstudent an dem Phänomen der „linksgrünversifften Gutmenschen“ ab – übrigens auch ein rechtspopulistischer Sprachcode, der von den neuen Rechten gerne genutzt wird um politische Gegner zu diffamieren. In dem Track richtet er sich direkt an potenzielle Gutmenschen: „Er sieht in seinem Gegenbild sein Ebenbild, er träumt vom edlen Wilden / Von der Güte dunkler Menschen aus entfernteren Gefilden / Vom Gegenteil des kleinkarierten dunkeldeutschen Scheißvolks„. Die Message? Gutmenschen nehmen Flüchtlingen als edle Wilde war und sehen daher über Probleme, die die Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen bringt hinweg. Ergo: Helft lieber erstmal den Menschen in Deutschland, denen es schlecht geht, bevor ihr auf die Idee kommt Flüchtlingen zu helfen. Wir haben schließlich unsere eigenen Probleme in Deutschlan. Kurz darauf folgt noch eine Relativierung des Faschismus, nämlich mit der Line: „Die schlimmsten Herrenmenschen: Die, die keine sein wollen“. In die selbe Kerbe schlägt auch eine Zeile aus der Single des Wuppertaler Whiskeyrappers „Du hast mich schon verstanden“. Darin rappt Prezi: „Doch auch Hitler hat gedacht er tut der Welt ’n Gefallen (lag er wohl falsch) / Was man sich für durchgeknallte Filme fahren kann / Im Eifer des Gefechts im Eiter seiner Filterblasen, Wahnsinn“. Ergo: Gutmenschen sollten einfach mal ihre Filterblasen durchbrechen und sich die wahre Welt anschauen, in der natürlich keine Menschen aufgrund der europäischen Untätigkeit im Mittelmeer ertrinken. Die eigentlichen Nazis sind die Antifaschisten und Antirassisten, die vor lauter Hilfbereitschaft die desolate Lage Deutschlands nicht mehr erkennen würden. Darauf erstmal ’nen Doppelten!

Alles nur Provokation?

Das Gegenargument zu den hier aufgestellten Thesen liegt natürlich schon griffbereit: Rap ist Musik und Musik ist Kunst und damit von der Kunstfreiheit geschützt. Zudem ist Hip Hop Rollenlyrik, was bedeutet, dass beispielsweise die Kunstfigur „Kollegah der kokstickende, frauenschlagende Boss“, wenig mit dem  (ehemaligen) Jurastudenten Felix Blume gemein hat. Rap sei nunmal ein Machophänomen, das durch verbale Provokation, maßlose Übertreibungen und Abgrenzung lebe. Das mag stimmen, berechtigt allerdings nicht zu ekelhaften Entgleisungen in Richtung von Minderheiten und dem verbreiten von kruden Verschwörungstheorien. Im Grunde lässt sich Deutschrap als Spiegel der Gesellschaft betrachten, denn auch hier findet eine Diskursverschiebung zu Gunsten der neuen Rechten statt. Dinge, öffentlich auszusprechen, wie beispielsweise Höckes Denkmal der Schande (im Bezug auf das Holocaustdenkmal in Berlin) ist salonfähig geworden. Mit der AfD sitzt eine Partei im Bundestag, die ernsthaft in Erwägung gezogen hat auf Flüchtlinge an der Grenze zu schießen. Deutschrap sollte sich als Musikrichtung, die Diversität feiert, lebt und davon immer profitiert hat geschlossen gegen jegliche Art der Ausgrenzung und Diskriminierung stellen. Kollegah und Farid Bang haben nach dem Echo-Skandal übrigens vor einigen Wochen das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz besucht. Der Vizepräsident des Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner ist sich sicher, dass der Besuch etwas in den Musikern bewegt haben soll: Die Rundgänge sowie der heutige Blick auf die jüdischenMenschen und alle Opfer, die in Auschwitz gequält und ermordet wurden, hätten offensichtlich vieles in der Welt der Musiker in ein völlig neues Licht gerückt.