Wenn die Trommeln verstummen und ein rumorendes Gewitter aufzieht

In Musik by Martin

Lange war Emilíana Torrini ein gut gehütetes Geheimnis unter wahren Musikkennern und -genießern. Ihre Alben „Love In The Time Of Science“ (1999) und „Fisherman’s Woman“ (2005) sowie die nur in ihrer Heimat Island veröffentlichten Scheiben „Crouçie d’où là“ (1995) und „Merman“ (1996) zeugen von dem Einfallsreichtum einer jungen, talentierten Sängerin, die immer frisch und innovativ, nie gelangweilt oder gar beliebig klingt. So emanzipierte sich Emilíana Torrini langsam aber sicher hin zu einer geschätzten Musikerin, strotzte den wenig gehaltvollen Vergleichen zu Labelkollegin und Landsmännin Björk, sang den Titelsong zu einem der größten Blockbuster aller Zeiten (Herr der Ringe: Die Zwei Türme) , komponierte Tracks für Künstler wie Kylie Minogue („Slow“), was ihr zugleich eine Grammy-Nominierung einbrachte, kollaborierte mit Gott und der Welt (Thievery Corporation, Slovo, Paul Oakenfold uvm.) und arbeitete darüber hinaus stets fleißig an der eigenen Karriere, die in den Jahren 2008 und 2009 schließlich mit voller Fahrt durch die Decke gehen sollte. Es waren Buschtrommeln und ein beinahe infantiler Charme, die „Jungle Drum“, vom Album „Me And Armini“, zum Erfolgshit machten und die Massen in einen regelrechten Wahn versetzten. Überall, ja sogar auf der Deutschen liebstem Ballermann, lief der Song in Dauerschleife. Damit hatte wohl keiner gerechnet, am wenigsten aber die hübsche Songwriterin selbst.

Nach diesem beinahe über Nacht entflammten Feuer an Aufmerksamkeit – der Track wurde im Finale einer bekannten deutschen Modelshow verwendet, was viele Zuschauer nachhaltig beeindruckte – drohte die Stimmung zu kippen. Torrini, die immer in kleinen Clubs rund um den Globus aufgetreten war und sich vor allem durch ihre Bescheidenheit auszeichnete, stand plötzlich im immer heißer werdenden Kegel eines riesigen medialen Scheinwerfers. Zahlreiche Auftritte in großen Hallen wurden gebucht und der Stresspegel stieg in den tiefroten Bereich. Ruhe musste her. Diesem Durchatmen, dieser Pause ist es letztendlich auch zu verdanken, dass sich der Blick klärte und die Kreativität zurückkehrte. Doch nicht unmittelbar. Dan Carey, ihr jahrelanger Produzent und Freund, riet Emilíana Torrini, sich nach beginnenden Studioarbeiten, erst einmal dem Leben in seiner Gänze hinzugeben, da sie noch nicht bereit für eine neue Platte sei. Also fokussierte sich die mittlerweile 36-Jährige mit all ihrer Energie auf den eigenen Alltag und die ihr noch unbekannte Rolle als Mutter, da sie 2010 einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Schleichend entstanden just in dieser verordneten Auszeit erste Songideen, welche nun in geschliffener Form auf dem neuen Album „Tookah“ nachzuhören sind. Emilíana Torrini verbindet auf „Tookah“ gekonnt das Erbe ihrer bisherigen Veröffentlichungen mit ungewohnten, teils düsteren und recht elektronischeren Einflüssen. Die Skizze zum psychedelischen Endtrack „When Fever Breaks“ stammt beispielsweise aus jenem Trubel, als Torrini noch mit ihrem „Me And Armini“ durch die Lande tourte. Schwitzig und klebrig rinnt das Stück den Verstand entlang. „Autumn Sun“ hingegen weist klare Referenzen zum reduzierten Songwriting von „Fisherman’s Woman“ auf. „Home“ gleicht einem Sonnenaufgang, „Blood Red“ und „Elisabeth“ dafür der Abendröte. Und dann sind da noch vier weitere Stücke, die allesamt eine noch nicht da gewesene Facette im Schaffen Emilíana Torrinis zeigen. Düstere, markante Synthies verhelfen dem titelgebenden „Tookah“ oder „Animal Games“ zu einer lüsternen Veruchtheit, die ohne große Umschweife die Gedanken befällt und dort ihren Samen planzt. „Caterpillar“ und „Speed Of Dark“ versorgen den aufkeimenden Sprössling mit elektrifizierten, akustischen Regenschauern und kurz darauf steht der Hörer schon in einem verwunschenen Klangdickicht. Mystisch und verheißungsvoll.

Steckbrief

Künstler: Emilíana Torrini

Musiklabel: Rough Trade / Beggars Group

Veröffentlichung: 06.09.2013

Mucke:  Indie, Trip Hop, Singer Songwriter

Hitverdächtig: “Speed Of Dark”, “Tookah”, “Home”

Klingt nach: Der bedachten Neubesiedlung eines wilden Kontinents durch eine erfahrene Seefahrerin. Emilíana Torrini bringt genau das richtige Handwerkszeug mit, um sich auch Trends wie dem elektronischen Einschlag innerhalb der modernen Musik derart anzunehmen, dass ihre ganz eigene Signatur fortwährend zu erkennen bleibt.

Tanzbar? Tanzbar muss Emilíana Torrinis Musik gar nicht erst sein. Im Gegenteil. Sie ist schon immer jenen Sonntagen verschrieben, an denen man im Schlafanzug durch die eigene Wohnung gleitet, mit einem Croissant im Mund und einer Tasse Kaffee in der Hand. Zwischen Küche, Bad und Schlafzimmer spinnen die feinen Melodien dabei ein Netz, in dem man sich schnell zu verfangen droht, wodurch jedoch gleichzeitig die Möglichkeit entsteht, den herrlichen Müßiggang selbiger träger Stunden vollends auszukosten.

Kult: Na aber!

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Gewinnspiel

Abschließend wollen wir noch einem Leser die Chance geben, jenen Spuren zu folgen, die die isländische Musikerin jüngst hinterlassen hat. Wir verlosen passend zum Release von „Tookah“, ein CD-Exemplar des Albums. Wer dieses gern bald sein Eigenen nennen möchte, der schickt bis spätestens kommenden Sonntag, den 08.09.2013, eine Mail mit dem Betreff „Emilíana Torrini“ an martin@kultmucke.de.