Wild, wilder, Wild Beasts

In Musik by Martin

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Am letzten Freitag machte sich Kultmucke auf den Weg nach Leipzig, um dem dort ausgetragenen Finale des diesjährigen Electronic Beats Festivals beizuwohnen. Doch damit nicht genug – bei einem derart großartigen Line-Up ließen wir es uns natürlich nicht die Gelegenheit entgehen, gleich auch noch einen der dort auftretenden Acts zum Gespräch zu treffen. Nachdem wir vor Kurzem bereits die Ehre hatten, Sylvan Esso ein paar Fragen stellen zu dürfen, nutzten wir nun die Chance, die britische Band Wild Beasts näher kennenzulernen.

Tom Fleming, Bassist und einer der Sänger bei den Wild Beasts, und sein Kollege Ben Little mögen zwar äußerlich dem Bild eines Rockstars recht nahekommen, doch besitzen sie darüber hinaus auch diesen gewissen zurückhaltenden Charme, den man den Briten per se gerne zuschreibt. Mit der richtigen Mischung aus Verschmitztheit, Intelligenz und Sensibilität blickten die beiden Herren mit uns auf ihren bisherigen musikalischen Werdegang zurück, der seinen Anfang in ihrer Teenagerzeit nahm und sie folglich auf dem Weg zum Erwachsensein begleitete.

Welches sind eurer Meinung nach die wildesten Tiere auf unserem Planeten?

Tom: „Neben unserer Band? Das ist jetzt wohl der Part, wo ich den Menschen nennen sollte. Der Mensch zerstört alles.“

Ben: „Auf dem Flug hierher sah ich ‚The Lion Whisperer‘, was einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließ. Löwen sind unglaublich elegante und kraftvolle Tiere.“

Tom: „Löwen. Die verdammten Könige des Dschungels.“

Wild Beasts by Susanne Erler

Wie habt ihr als Band zusammengefunden?

Ben: „Wir sind aus einer wirklich kleinen Stadt, wo wenig los ist. Irgendwann fingen Haydn und ich an, Instrumente zu lernen, damit wir gut bei den Mädchen ankommen. (lacht) Damals waren wir vielleicht 14. Da es sonst nicht viel zu tun gab, besuchten wir einander und probten. Später gab es dann sogar einen richtigen Proberaum. Uns war das echt ernst und wir spielten meist bis in die Nacht hinein. Seitdem haben wir auch nichts Anderes mehr gemacht. Das ist irgendwie seltsam. Es liegt so ein großer Fokus auf dieser Band und alle Energien fließen in sie hinein. Ein paar Jahre später zogen wir jedenfalls nach Leeds, wo Tom lebte.“

Tom: „Ich muss da wohl 20 gewesen sein, jetzt bin ich 29. Seit neun Jahren gehöre ich somit zu den Wild Beasts und ich war der Letzte, der der Band beitrat. Eine lange Zeit. Unsere Band ist tatsächlich ein Produkt der Tatsache, aus einer kleinen Stadt zu kommen, aus der man entfliehen will.“

Habt ihr denn noch andere Jobs neben dem Musikerdasein?

Tom: „Nicht mehr, nein. Man kann das nicht teilzeitmäßig machen. Das fordert einfach zu viel ab. Gestern waren wir beispielsweise noch in Shanghai, heute schon in Leipzig.“

Obwohl das alles ein wahrgewordener Traum ist, bedeutet es eben auch Arbeit.

Verständlich. Gibt es bei euch eigentlich irgendeine Art musikalische Philosophie?

Tom: „Ich glaube, dass sich vieles eher in der Praxis als in der Theorie entscheidet. Seit dem ersten Tag stehen wir absolut hinter dem, was wir machen, und – auch wenn das jetzt etwas kitschig klingen mag – versuchen, in unserer Musik zu transportieren, wo wir herkommen. Unsere Gedanken und Erfahrungen authentisch einfließen zu lassen. Man kann das eventuell Philosophie nennen, nur sollte das aus meiner Sicht eh jeder Musiker so handhaben.“

Ben: „Daran ist auch ein sehr umfangreicher Lernprozess gebunden. Es gibt zum Beispiel keine feste Regel, wie man einen perfekten Song schreibt. Man kann diesen überall und nirgends finden. Die damit einhergehende Magie sorgt dafür, dass es wirklich spannend bleibt.“

Tom: „Manchmal tust du dann Dinge, die du vorher nie geplant hättest, und da wird es plötzlich interessant.“

Inwiefern hat sich denn euer Sound über die Jahre verändert?

Tom: „Als wir anfingen, legten wir sehr viel Wert darauf, eine klassische Band zu sein. Es gab zwei Gitarren, einen Bass und ein Schlagzeug, ansonsten keinerlei Effekte. Alles wurde live eingespielt. Was man wohl auf jedem unserer Alben hören kann, dass wir immer versuchen, uns auszuprobieren und neue Perspektiven zu finden. Ich selbst hab irgendwann angefangen, weitere Instrumente zu lernen oder mehr mit meiner Stimme herumzuexperimentieren. Dabei sollte das kein intellektuelles Spielchen sein, sondern vielmehr eine Passion, der man folgt. Um ehrlich zu sein, geht es doch immer darum, neue Wege zu finden, wieder und wieder die gleiche Sache auszudrücken. Wirklich talentierte Menschen können das. Ich hoffe, auch irgendwann dazu in der Lage zu sein.“

Lasst uns einen Versuch wagen. Bitte beschreibt doch jedes eurer Alben kurz mit so wenigen Worten wie möglich. Starten wir mit eurem Debüt „Limbo, Panto“.

Tom: „Oh, das ist schwer. Vielleicht aufregend oder Flucht.“

„Two Dancers“?

Tom: „Romantischer Schmerz. Es geht darum, dass alles bereits vor dir ausgebreitet daliegt und du es dennoch nicht hinbekommst, die Sache richtig anzugehen.“

„Smother“?

Tom: „Wiederherstellung. Beziehungsweise, dein Leben wieder zu einer kompletten Einheit zusammenzufügen.“

Und wie schaut es mit „Present Tense“ aus?

Ben: „Das ist sehr schwer.“

Tom: „Ich würde gern Wut sagen, weil es eine sehr wütende Platte ist. Auch, wenn es positive Momente gibt.“

Ihr habt es geschafft. Mit welchem eurer Songs fühlt ihr euch selbst am wohlsten?

Tom: „Ich bin zufrieden mit allem, was wir gemacht haben. Natürlich habe ich aber gleichzeitig nicht das Gefühl, irgendetwas davon sei perfekt. Auf unserem letzten Album finde ich ‚Wanderlust‘ und ‚A Dog’s Life‘ sehr gelungen. Diese beiden Stücke definieren zudem die komplette LP am besten. Dabei entstanden die Tracks fast zufällig und nicht auf die Art und Weise, wie das sonst oft der Fall bei uns war. Ich bin stolz auf sie.“

Würdest du dem zustimmen, Ben?

Ben: „Ja, vor allem ist ‚A Dog’s Life‘ auch eine Essenz aus alten und neuen Elementen der Wild Beasts. Das mag ich sehr.“

Könnt ihr noch etwas zu der Entstehung von „Present Tense“ erzählen?

Tom: „Es dauerte sehr lange, diese Platte fertigzukriegen. Wesentlich länger, als wir gedacht hätten. Wir waren viel in unserem eigenen Studio in London. Dort war es jedoch sehr beengt. Weil wir viel an Computern arbeiteten, wurde der Sound recht elektronisch. Normalerweise machen wir gern Krach, aber durch den geringen Platz ging das nicht. Wir fuhren also irgendwann für weitere Aufnahmen raus aufs Land und stellten diese dann in London fertig. Insgesamt ist es ein sehr komponiertes Album geworden. Da geht es weniger um eine Band, die zusammen in einem Raum musiziert hat.“

Und das war neu für euch?

Tom: „Absolut. Sonst spielen wir eigentlich immer gemeinsam alles ein. Das war dieses Mal eben anders. Nicht unbedingt, weil wir das wollten, sondern vielmehr, weil es eben nicht anders ging.“

Ben: Unsere Platten sind immer auch Resultat unserer Limitierungen.

Vor einiger Zeit erschien eine Special Edition von „Present Tense“, auf der man zahlreiche Remixe findet. Was macht einen Remix zu einem guten Remix und wie zufrieden seid ihr mit denen, die für euch entstanden?

Tom: „Ich finde sie wirklich sehr gelungen. Lange Zeit hab ich mich mit Remixen sehr schwergetan. Manchmal extrahiert aber jemand ein einzelnes Element derart gut und baut etwas Neues daraus, dass das am Ende wirklich großartig klingt. Vielleicht hatte man diese Kleinigkeit schon ganz vergessen. Das ist dann wirklich Musik. Es gibt hingegen nichts Schlimmeres, als wenn einfach die Vocals genommen und Beats daruntergelegt werden.“

Ihr performt heute im Rahmen des Electronic Beats Festivals. Welche Erwartungen habt ihr an die Show?

Tom: „Keine Ahnung. Irgendwie habe ich das Gefühl, als wären wir durch die Hintertür des Electronic Beats Festivals hineingestolpert, da wir nicht wirklich eine elektronische Band sind. Obwohl es natürlich auch Synthies auf unseren Alben gibt, allerdings eben neben den klassischen Instrumenten. Ich hoffe, es wird den Leuten gefallen und ich wünsche mir eine bombastische Show mit großen Sounds.“

Ben: „Wir sind zudem auch fast am Ende unserer Tournee. Als einen der letzten Auftritte muss man ihn auf jeden Fall genießen.“

Tom: „Selbst, wenn man müde oder ausgelaugt ist, lässt sich meist noch irgendwo Energie finden.“

Wild Beasts, Photo: Susanne Erler

Gibt es eigentlich Interviewfragen, die ihr so gar nicht mögt?

Tom: „Ich möchte nicht unhöflich oder gemein sein, aber eigentlich alle Fragen, die sich mit unserem Bandnamen beschäftigen.“ (lacht)

Dann haben wir ja anfangs genau ins Schwarze getroffen.

Tom: „Ach, wir freuen uns in der Regel eigentlich immer darüber, Fragen beantworten zu dürfen.“

Übergehen wir diesen Teil. Möchtet ihr unseren Lesern denn zum Schluss noch etwas mitteilen?

Tom: „Was ich gerne sagen würde, dass wir über eine weitere Platte nachdenken. ‚Present Tense‘ ist noch nicht der finale Streich gewesen, sondern nur ein weiterer Schritt auf unserem Weg, etwas über uns und die Musik zu lernen.

Es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen und je mehr man über die Welt nachdenkt, desto mehr verändert sie sich.

Ben: „Du hast das wunderbar zusammengefasst!“

Photos © by Susanne Erler