Yael Naïm sinnt übers Leben

In Musik von Gastautor

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Ein Händedruck sagt manchmal mehr als tausend Worte. Oft stellt er die erste Kontaktaufnahme zwischen zwei Individuen dar, bei der man sich schnell ein Bild vom Gegenüber verschafft. Im Händedruck von Yael Naïm liegt Güte. Ausdauernd, warmherzig und sanft begrüßt uns die 37-Jährige im Berliner Café P103. Am Abend zuvor hat sie noch die Stücke ihres neuen Albums „Older“ in der Kantine am Berghain vorgestellt – müde wirkt sie wenige Stunden darauf keineswegs.

Nachdem Yael Naïms internationale Karriere durch die Verwendung ihres Songs „New Soul“ in einer Werbekampagne geebnet wurde, konnte sich die französisch-israelische Songwriterin einen zunehmend festeren Stand innerhalb der leicht zu erschütternden Musikbranche verschaffen. Zusammen mit ihrem Partner David Donatien schreibt und produziert sie ihre Tracks. Dass sie ein Paar sind, hielten die beiden dabei jedoch lange Zeit geheim. Über diese Tatsache, die Wichtigkeit von Musik und der Faszination vom Leben als beindruckendem Kreislauf unterhielten wir uns in einem sehr intimen Gespräch mit der sympathischen Sängerin.

Yael Naim by Christine Burkart (2)Wie geht es dir, Yael?

„Mir geht es gut. Ich bin glücklich über das, was gerade vor sich geht. Unsere neuen Songs wurden vom Publikum sehr liebevoll aufgenommen. Wir haben über Jahre an ihnen gearbeitet, während einer wichtigen Spanne in unserem Leben, deshalb ist es natürlich umso schöner, dass die Leute derart reagieren.“

Du bist zwischen verschiedenen Kulturen aufgewachsen. Wie war das für dich?

„Für mich war das eine gute, wenn auch gleichzeitig keine leichte Erfahrung. Man muss eben seine Nische finden. Meine Eltern sind Tunesier, ich wurde in Paris geboren und bin in Israel aufgewachsen. Der Wunsch zu reisen und fremde Kulturen kennenzulernen wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Israel ist zwar multikulturell, jedoch gibt es auch gewisse Schranken, weil das Land recht isoliert ist. Deswegen war ich froh, das bunte Paris kennenzulernen. Zwischen verschiedenen Kulturen aufgewachsen zu sein, verschafft dir zudem eine sehr differenzierte Sichtweise auf die Dinge.“

Manchmal ist es leichter, nur einen einzigen Blickwinkel einzunehmen. Für mich ist das allerdings nichts.

Konntest du dich denn auch schon mit der deutschen Kultur vertraut machen?

„Ein wenig. Das, was ich bisher entdecken konnte, sagt mir zu. Die Gespräche mit den Leuten, die wir treffen, sind sehr tiefgehend. Es ist sehr interessant, in diesem Land zu sein. Vor allem Berlin ist unglaublich, was Kunst und Lifestyle betrifft. Die Stadt ist einem stetigen Wandel unterzogen. Gestern haben wir unseren Freund Hervé von der Band General Elektriks besucht, der gerade nach Berlin gezogen ist, und der uns erzählte, wie glücklich er hier ist. Wenn wir das nächste Mal wieder herkommen, wird er uns alles zeigen.“

Weißt du noch, welche die erste Platte war, in die du dich verliebt hast?

„Da gibt es ein paar Wichtige. Zum Beispiel Chopin, den ich auf Kassette hatte. Dann war da noch Elvis. Die allererste Kassette, die ich kaufte, war von ihm. Und die Beatles. Ich fand eine Vinyl bei uns zu Hause und hörte sie in Dauerschleife.“

Welches Album hat dir zuletzt gut gefallen?

„Meine letzte Obsession war James Blake. Mir gefiel vor allem sein zweites Album ‚Overgrown‘. Erst danach beschäftigte ich mich mit seinem Debüt. Zudem bin ich ganz begeistert von Laura Mvula und Lianne La Havas. Das sind unglaublich talentierte Musikerinnen und begnadete Sängerinnen.“

Wie hörst du am liebsten Musik?

„Ich genieße es, Musik zu hören, wenn ich alleine bin. Man wird ständig mit Informationen überschüttet und Musik ist ja auch mein Beruf, insofern brauche ich oft Ruhe und mag es auch, mich zu unterhalten, wenn nichts im Hintergrund zu vernehmen ist. Trotzdem liebe ich es, Musik anzumachen und voll aufzudrehen, sobald ich niemanden mehr um mich herum habe.“

Gibt es ein Medium, das du dabei bevorzugst?

„Mein CD-Player ist kaputtgegangen, weswegen ich viel Musik online kaufe. Bei Künstlern, deren Karriere ich mit großem Interesse verfolge, hole ich mir aber auch weiterhin CDs und höre diese vor allem im Auto.“

Hast du je darüber nachgedacht, wie ein Leben ganz ohne das Musikmachen aussehen könnte?

„Um ehrlich zu sein, nein. Ich habe schon als junges Mädchen damit angefangen und kann mich noch an ein Gespräch mit meiner Großmutter erinnern. Sie fragte mich, welchen Beruf ich später ergreifen wollen würde. Damals war ich von dem „Amadeus“-Film inspiriert und wollte unbedingt Musikerin werden, ganz egal, ob ich damit Geld verdienen könnte.“ (lacht)

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Wie schwer ist es denn, seinen Lebensunterhalt als Künstler zu beschreiten?

„Meiner Meinung nach kann es sehr schwierig oder sehr leicht sein. Ich hatte Glück, es war nie ein Problem für mich, von meiner Kunst zu leben. Ich sang für verschiedene Rockbands, interpretierte Cover, spielte Keyboard, nahm mit anderen Leute zusammen im Studio auf oder schrieb Songs für sie, wodurch ich verschiedenste Möglichkeiten hatte, Geld zu verdienen. Meinen ersten Plattenvertrag bekam ich mit 21.“

Gibt es viele Projekte, in die du neben deiner Karriere involviert bist?

„Wir versuchen, auch andere Dinge zu machen, ja. Als wir unser erstes Album einspielten, dachten wir nicht, dass dieses überhaupt veröffentlicht, geschweige denn so erfolgreich werden könnte. Es ging einfach darum, etwas allein auf die Beine zu stellen. Zu schreiben, zu arrangieren und zu produzieren. All das taten wir zu Hause. Darüber hinaus gab es auch immer die Idee, für andere Künstler zu arbeiten.“

Ich hatte Hunderte von Songs im Kopf und wollte irgendetwas mit ihnen anfangen.

„Heute haben wir kaum noch Zeit für etwas außerhalb unseres Projektes. Wir würden gerne Musik für Filme schreiben oder interessante Sänger unterstützen.“

Dein Song „New Soul“ wurde dank eines Werbespots extrem populär. Wie wichtig ist es aus deiner Sicht, verschiedenste Kanäle zu nutzen, um die eigenen Werke bekannt zu machen?

„Heutzutage gehört das leider immer mehr dazu. Zu einem gewissen Grad kann davon sogar abhängen, ob ein Label dich überhaupt unter Vertrag nimmt oder die Radiostationen deine Tracks spielen. Demnach muss man seine Optionen steigern. Die Leute entdecken neue Musik auf unterschiedlichste Art und Weise.“

Mit „Older“ erscheint bald dein neues Album. Bist du schon aufgeregt, wie die Hörer darauf reagieren werden?

„Ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken, denn ich kann es eh nicht kontrollieren. (lacht) Da das Album aber schon im März in Frankreich veröffentlicht wurde, haben wir schon ein erstes Feedback erhalten, das sehr bewegend war. Wir fühlen uns sehr erleichtert, denn das, was wir sagen wollten, hat die Menschen anscheinend erreicht.“

Wie gefielen denn den Berlinern deine neuen Stücke bei deinem gestrigen Konzert?

„Großartig. Sie waren so nett. Das deutsche Publikum ist ein ganz besonderes. Es lässt dich spüren, dass es da ist. Das Konzert war wunderbar!“

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Weshalb hast du dich für „Older“ als Titel der Platte entschieden?

„Zum einen heißt auch eins der Stücke ‚Older‘ und erzählt von einer Person, die das Leben verlässt. Also stirbt. Vor ein paar Jahren verlor ich meine Großmutter und wurde einige Zeit später selbst Mutter. Ein seltsamer Verlauf. Plötzlich ist da, wo vorher nichts war, ein neues menschliches Wesen. Und das Gleiche gilt für den Tod. Eben noch auf dieser Erde, verpuffen wir von einem Moment zum nächsten. Das hat meine Texte stark beeinflusst, denn dieser Kreislauf bewegte mich sehr. Als wir mit dem Album fertig waren, stellten wir fest, dass das Wort ‚older‘ all diese Gedanken perfekt zusammenzufassen vermochte.“

Also geht es auf „Older“ vor allem um das Leben?

„Dazu muss ich etwas sagen.“

Wir haben es nicht absichtlich gemacht, aber die Tracklist erzählt eine Geschichte.

„‚I Walk Until‘ und ‚Make A Child‘ befassen sich mit den Vorstellungen, wie es sein könnte, Mutter zu werden. Sie setzten sich also mit den Anfängen des Lebens auseinander. ‚Dream In My Head‘ stellt hingegen die Frage, wie man als Mensch sein möchte. Ich selbst habe oft Angst vor Veränderungen. Mutter zu werden ist ein unheimlich massiver Einschnitt. ‚Coward‘ und ‚Trapped‘ greifen dies auf. ‚IMA‘ bedeutet Mutter. Die darauf folgende Freude und Erleichterung sind Gegenstand von ‚She Said‘ und ‚Walk Walk‘. ‚Take Me Down‘ ist dann gleichbedeutend mit der Erkenntnis, zu wissen, wer man ist, und daran festzuhalten, wohingegen ‚Older‘ und ‚Meme Iren Song‘ sich vom Leben verabschieden.“

Wie all deine Alben bietet auch „Older eine sehr ausgedehnte Bandbreite an Sounds. Von poppigen Nummern über orchestrale Arrangements bis hin zu sehr zurückgenommenen Stücken. Worauf gründet diese Vielschichtigkeit und inwiefern bist du auf diese angewiesen?

„Eine gewisse akustische Vielfalt ist schon immer wichtig gewesen, wenn ich Songs mit David schrieb. Jedes Stück kann dabei in eine völlig neue Richtung gehen, das weiß man nie im Vorhinein. Alles, was uns umgibt, ist doch auch sehr verschieden. Wie ein bunter Salat mit vielen Zutaten. Da David und ich zudem sehr konträre Persönlichkeiten sind, mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, beeinflusst das natürlich auch unsere Musik. Wir haben zwei Studios in unserem Haus. Manchmal arbeiten wir zusammen und manchmal getrennt voneinander.“

Es gibt da dieses wunderbare Video zu „Dream In My Head“. Warum denkst du, sind Leute nach wie vor an Musikvideos interessiert?

„Ich liebe Musikvideos. Sie können auf poetische Weise eine völlig neue Deutung in Bezug auf einen Song kreieren. Oder etwas Zusätzliches über ihn verraten.“

Mir gefallen verschiedene Kunstformen wie Fotografie, Film oder Malerei. Hätte ich mehr Talent, würde ich mich in all diesen üben.

Lass uns zu guter Letzt mit deinen Assoziationen spielen. Bitte verrate mir jeweils deine ersten Gedanken, die dir in den Kopf kommen, wenn du die folgenden Worte hörst. Liebe.

„Bedeutet alles.“

Hass.

„Selbstzerstörung.“

Heimat.

„Heimat beginnt in deinem Herzen.“

Musik.

„Verbundenheit.“

Frühling.

„Eine Explosion der Freude.“

Sonne.

„Das Meer, Wasser, Strand.“

Vielen Dank für dieses Gespräch.

„Danke.“

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Fotos © by Christine Burkart