Kultverdächtig: Yalta Club

In Musik von Martin

Genre:

Die Reise geht weiter. Als Nomaden des Musikfanatismus packen wir, unter der Flagge „Kultverdächtigs“,erneut unsere Rucksäcke und Zelte zusammen und machen uns auf den Weg in unbekannte Gefilde. Ein süßlich herber Geruch liegt in der Luft, dem es zu folgen gilt. Musik erklingt. Erst als leises Rascheln und Rauschen, kaum wahrnehmbar, dann lauter und nahezu sprudelnd vor unbändiger Euphorie. Wir befinden uns in einer dunklen Gasse in Paris. Einzig und allein das am Boden gelegene Kellerfenster eines schmalen Hauses wirft einen Lichtkegel auf den Asphalt. Tänzelnd bewegen sich zahlreiche Schatten in diesem. Wir knien uns hin und werfen einen Blick durch die beschlagene Scheibe des kleinen Gucklochs. Im Souterrain des Gebäudes tobt das Leben. Bier fließt in Strömen schwallartig durch den Raum, sodass die lauthals quakenden Menschen auf Tischen und Stühlen durch den prickelnden goldenen Ozean treiben, in dessen Zentrum eine munter musizierende Kapelle auf ihrem Kahn thront: Der energetische Haufen namens Yalta Club.

Von A wie „albern“ bis Z wie „zynisch“

Yalta 4Was bedeutet Musik für euch?

Reichtum und Sex.

Die Herren Sébastien Daviet, Julien Geffriaud, Nicolas Dhers und Erwan Cornen lernen sich während ihrer Studienzeit im westfranzösischen Nantes kennen. Schnell stimmt die Chemie zwischen den Vieren und sie beschließen, gemeinsam ein wenig zu jammen. Daraus werden mit der Zeit zunehmend ernstere Versuche, Liedgut zu erschaffen, das eine echte Hörerschaft potenziell von sich überzeugen könnte. Das Quartett beschließt nach Paris überzusiedeln und sich dort intensiver dem gestarteten Projekt zu verschreiben. Thomas Emeriau stößt zu dem bunten Haufen dazu. Seiner Meinung nach komplettiert beschallt das Ensemble eines Tages das Publikum eines Pariser Parks. Corinna Krome joggt just in diesem Moment an der Truppe vorbei und schlagartig durchfährt sie der Impuls, zu stoppen und die Männer zu fragen, ob eine weibliche Stimme nicht eine schöne Ergänzung für ihren Klang wäre. „Nein“, lautet die Antwort kurz und knapp. Doch wer kann einem hübschen Gesicht schon wiederstehen? Definitiv nicht fünf, mit Testosteron beladene, Kerle. Also einigt man sich dann doch auf eine gemeinsame Probesession. Und schon war auch Corinna nicht mehr aus der charmanten Ansammlung junger Kreativer wegzudenken. Wie diese nun schlussendlich klingt? Na so!

Bei einer Band mit sechs Mitgliedern, wie ist da die Arbeitsteilung organisiert?

„Bei uns läuft alles, aber auch wirklich alles, demokratisch ab. Jeder hat seine Aufgaben. Wir machen, obwohl wir ein tolles Label haben, immer noch viel selbst. Aber alles wird immer ausführlichst diskutiert und abgestimmt. Diese Funktionsweise ist uns allen sehr wichtig, wir wollen immer alle mitmischen.“

Dass Yalta Club, die ursprünglich als Stoned Popes agierten, ein ganz besonderes Gemeinschaftsgefühl verbindet, spürt man spätestens, wenn man sich ihre Songs zu Gemüte führt. Spaß, gegenseitige Wertschätzung und ein unendlicher Optimismus schwingen dabei in jeder einzelnen Note mit. Da verwundert es auch nicht, dass Yalta Club sich selbst dem fiktiven Genre „Tribu-Pop“ zuordnen, was in seiner deutschen Entsprechung so viel wie Pop, aber eben gemeinsam mit guten Freunden bedeuten könnte. Dieser positive Zusammenhalt, gepaart mit Wogen an Hochstimmung, ist absolut ansteckend. Die Vorstellung, dass jemand weinend in der Ecke sitzt, während Tracks wie „Radioshow“ oder „Loser Song“ erklingen, ist geradezu abstrus.

Yalta 5Bei euren Songs schwingt eine unglaubliche Frische mit. Woher kommt die?

Vom frischen Bier!

Darauf heben wir mal kurz die Gläser! Melancholie ist oft schön, wenn man in Trübsal versinken will. Nur wie viel schöner ist es, endlich eine Schwimmhilfe gefunden zu haben, die den Kopf dauerhaft über dem Schlechte-Laune-Wasser zu halten vermag? Wir sind der Meinung, das ist wunderschön und genießen das Gefühl, nicht im Geringsten unterzugehen, sondern stattdessen auf der Oberfläche treiben und in den strahlend blauen Himmel blicken zu können. Aber Moment… was ist das? Eine kleine graue Wolke! Denn so heiter die Musik von Yalta Club teilweise auch klingen mag, umso zynischer und böser sind oft die Botschaften, die sich zwischen den Zeilen ihrer Songs und auch innerhalb dieser versteckt haben. Manchmal hilft eben erst ein Kontrastmittel, um die Brisanz eines Themas wirklich zu verdeutlichen. Auch der Bandname gründet auf diesem scheinbaren Widerspruch.

„Wir wollten einen Namen, der gut klingt und gleichzeitig eine starke Verbindung mit unserer Musik und den Texten hat. Yalta ist eine Anspielung zur Konferenz von Yalta, also eine etwas ernstere Konnotation, die man auch in unseren Lyrics wiederfinden kann. Wir schreiben über aktuelle Geschehnisse, die uns beschäftigen. Wie die Finanzkrise oder den Klimawandel. Wir schreiben aber auch über seichtere Sachen wie Hotels für Hunde oder das Sexleben von Feuerwehrmännern. Auf der anderen Seite ist Yalta auch ein Strand, was sich in unserer eher leichtfüßigen Musik widerspiegelt. Das Paradox zwischen den beiden Bedeutungen hat uns gut gefallen. Club ist stellvertretend dafür, dass wir wirklich wie eine Familie sind, die alles zusammen macht. Wir gehen sogar zusammen schwimmen.“

COVER YALTA 300dpi Finale VersionBlubb… blubb… blubb… tauchen wir nun also vollends in den Ideenreichtum der französischen Formation ein und widmen uns ausgiebig ihrem selbst betitelten Debütalbum. Darauf geht es laut und verrückt zu. Schon der Opener „Wasting My Time“, der wie ein Konglomerat aus Vampire Weekend und klassischem Indierock à la The Strokes klingt, zaubert einem jeden Griesgram ein Lächeln auf das Gesicht. Ebenso strahlend zeigt sich die Persiflage „Fireman’s Comin'“, die uns ins Intimleben der Alltagshelden vom örtlichen Löschservice entführt. Ob anschließend „Dog Mansion“, „Radioshow“ oder „In A Meeting“, die Songs auf „Yalta Club“ ermutigen tatsächlich dazu, sofort sämtliche Glücksgefühle auf einmal spüren zu wollen. Wer braucht da noch Antidepressiva? Die Psychiater dieser Welt sollten ihren bedrückten Patienten fortan einfach die Musik des munteren Pariser Sextetts verordnen. Mit „Loser Song“ bekommt dann schließlich noch ein jeder Versager seine Freude am Dasein zurückgeschenkt, während im Hintergrund die Ukulele erklingt, und „Money On My Mind“ schlägt zwar anfangs etwas leisere Töne an, mutiert dann aber schnell zu einem wahren Klangfeuerwerk. Sonnig, unbetrübt, voller Tatendrang.

Welche Geschichte steckt hinter dem Track „Highly Branded“?

„Das Stück erzählt davon, dass wir immer mehr von Produkten und Werbung überflutet werden. Product Placement und so. In unserem Clip wird damit so umgegangen, dass alle Marken und Produkte unkenntlich gemacht werden.“

Erst die beiden letzten Tracks „Golden Boy“ und „After“ verlieren bewusst an Tempo und werden zu gedämpften, friedlichen Wiegenliedern. Behutsam stellt sich ein Zustand absoluter Seligkeit ein. „Yalta Club“, mit seinen zwölf Titeln, überzeugt auf ganzer Linie und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Und da sage noch einmal einer, zu viele Köche würden den Brei verderben. Auch beim Schreiben und Komponieren des Debüts stand nämlich kollektives Mitbestimmungsrecht absolut im Fokus. Vielleicht ein Grund dafür, weshalb die Platte einen so bunten Charakter in sich birgt. Wir Deutschen müssen uns leider noch ein wenig gedulden, bis das Album auch hierzulande erscheint. Vermutlich wird dies im Frühjahr 2014 der Fall sein. In der Zwischenzeit hilft die EP „Highly Branded“ jedoch dabei, das Warten zu versüßen.

Wie würdet ihr euren Sound denn selbst am ehesten beschreiben?

„Wir spielen klassischen Pop, wenn man so will. Wir versuchen Refrains zu schreiben, die direkt in den Kopf gehen und probieren starke Melodien zu finden. Es muss uns beim Komponieren, Spielen und Hören Spaß machen.“

Schon Bob Dylan war der Meinung, dass ein Song nur dann gut ist, wenn er eine starke Melodie besitzt. Kein Wunder also, dass sich Yalta Club für das exklusive „Kultverdächtig“-Cover eines der Stücke des Altmeisters annahmen. Schließlich ist es genau diese Tatsache, die „Mr. Zimmerman“ und das sechsköpfige Gespann in ihrem Grundverständnis von Musik eint. Die Wahl fiel dabei auf „I Want You“.

Inwiefern unterscheidet sich eure Version vom Original?

„Wir haben das Arrangement geändert und mit Trompete, Tuba, Beatbox und vielen Stimmen ausgeweitet. Die Melodie bleibt natürlich dem Original treu!“

Obwohl Yalta Club in Frankreichs Seinemetropole leben, genießen sie ihr kühles Blondes – mit dem Rotwein scheint es die Band trotz Klischee nicht so zu haben – auch unheimlich gern am Ufer der Spree. Corinna hat einige Jahre in Berlin gelebt und schnell dafür gesorgt, dass sich auch der Rest von Yalta Club in die Stadt verliebt. Mittlerweile ist Deutschlands Hauptstadt somit sogar zu einer Art zweiter Heimat geworden. Vor allem den scheinbar unendlichen Raum für Kreativität schätzen die Franzosen dabei sehr. Und auch der libanesische Schawarma am Kotti sei stets in der Lage, ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.

Wie sieht aus eurer Sicht ein typischer Deutscher und wie ein typischer Franzose aus?

Die Jungs: „Der Deutsche an sich trägt Socken in Sandalen, mag Würstchen und Bayern München. Er ist dünn, wenn er jung ist und dick, wenn er alt ist. Aber es gibt in Deutschland auch tolle Frauen und die Leute sind sehr gastfreundlich. Les Allemands sont au top.

Corinna: „Zu den Franzosen. Es laufen immer noch ältere Herren mit Béret und Baguette unter dem Arm herum, die Pétanque spielen. Das freut mich sehr.“

Egal, welche Bilder auch in den Köpfen der Leute bestehen mögen, dank Yalta Club wird die deutsch-französische Freundschaft zunehmend intensiviert und dabei, ohne große Bemühungen, auf eine lebensfrohe Ebene gehoben. Das geschieht übrigens auch nicht zuletzt auf den Konzerten der Truppe, bei denen immer mindestens 200 % Vollgas gegeben wird.

Was versteht ihr unter dem Begriff „kultverdächtig“?

Elvis!

Photo Promo YC

Kultverdächtig

Oh ja! Yalta Club haben jedwedes Potenzial, ein wahres Feuerwerk an Ton und Klang zu entzünden, das die Musikwelt nachhaltig beeinflussen dürfte. Es ist schier unmöglich, dabei der positiven Ausstrahlung des Sixtetts zu entkommen. Frohsinn und Wohlbehagen sind geradezu vorprogrammiert und schaffen eine Pufferzone für jene Momente, in denen Kummer und Leid versuchen, ihr Hoheitsgebiet zurückzuerobern.

Verlosung

Wie ihr es von „Kultverdächtig“ mittlerweile gewohnt sein dürftet, besteht auch dieses Mal die Chance auf einen ganz besonderen Gewinn, mit dem wir euch ein Stück dieses Artikels nach Hause schicken wollen. Und zwar verlosen wir in diesem Fall zwei handsignierte Exemplare des noch nicht in Deutschland veröffentlichten Debüts der Band. Dazu gibt es noch eine entzückende Postkarte mit Grüßen von Yalta Club. Interesse? Dann gilt es bis spätestens kommenden Montag, den 09.09.2013, eine Mail mit dem Betreff „Yalta Club“ an martin@kultmucke.de zu senden. Viel Erfolg!

Interessante Links

“Highly Branded (EP)” bei iTunes kaufen

Offizielle Website

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